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Selbstversuch Ausmalen: Ich überwinde mich zu einem kleinteiligen Käferbild

Malversuch: Komm, kleiner Käfer Fotos
SPIEGEL ONLINE

Malbücher für Erwachsene sind Bestseller. Sie sollen "entschleunigen". Aber helfen sie wirklich beim Runterkommen? Und wie reagiert die Öffentlichkeit auf selbstvergessen malende erwachsene Frauen? Ein Selbstversuch von Eva Thöne.

Der pinke Buntstift liegt gut in der Hand, trotzdem: Etwas in mir sträubt sich dagegen, den ersten Strich zu tun.

Vor mir liegt "Mein Zauberwald" von Johanna Basford. Ein Malbuch voller Schlösser, Blumen, Bäume, alles so unaufgeregt beschaulich, dass es ein bisschen wehtut. Ein Ausmalbuch. Für Erwachsene.

Weil ich als einigermaßen seriöse Erwachsene daheim zwar Bleistifte, Kulis und Tintenschreiber besitze, aber weder Wasserfarben, Wachsmaler oder Buntstifte, sitze ich an diesem Vormittag in meinem Stammcafé, wo man sich zum Zeitvertreib einen abgewetzten Plastikeimer voller Dickies ausleihen kann.

Vielleicht zaudere ich, weil das Ausmalen nach Yoga, Soulfood und DIY-Welle wie der wirklich allerletzte Auswurf einer stressgeplagten Gesellschaft wirkt, die ihr Heil in künstlich entschleunigten Rückzugsmomenten sucht.

"Es stellt sich die Leere ein, mit der sich ein von Smartphones und Tablets überfordertes Gehirn wieder auf null stellen lässt", werben etwa die Macher des Malbuchs "Natur Inspiration". Auch raten sie, sich das fertig ausgemalte Bild einige Minuten anzuschauen, das fördere die Konzentration. Worte, die erst mal klingen, als habe da jemand eventuell sein Gehirn ein bisschen zu häufig auf null gestellt.

Andererseits: Lehren nicht Tausende Fans des Luftpolsterfolieknallens, dass man bei Beschäftigungen, die wirklich konsequent nirgendwo hinführen, am besten abschalten kann? Und an dem Entspannungsversprechen von Malbüchern könnte vielleicht doch was dran sein. Basford, die als Pionierin in der Malbuch-Szene gilt, verkaufte von ihrem ersten Buch ("Mein geheimer Garten") immerhin mehr als 1,5 Millionen Exemplare. "Ausmalen ist sozial akzeptiert", sagt die Illustratorin. Und dass jeder ausmale. "Auch der Manager."

Es stellt sich Symmetrieperfektionismus ein

Ich überwinde mich zu einem kleinteiligen Käferbild. Eine Draufsicht auf Panzer in Reih und Glied. Putzig und ein bisschen wie aufgespießt sehen sie aus. Ich setze an. Ein Panzer wird pink, ein Fühler grün. Panzer. Fühler. Panzer.

Schon Kinder üben mit Malbüchern, vor allem die Motorik. Auch der "Zauberwald" ist sehr engmaschig gestaltet, Raum für Eigenes bleibt zwischen den feingliedrigen Linien kaum. Wenn gerade kein Geschenkpapier im Hause ist, verschönere ich ersatzweise manchmal Politikergesichter in Zeitungen mit Schnurrbärten. Derlei widerborstige Kreativimpulse zähmt der "Zaubergarten" mit seiner ausgeklügelten Formenharmonie. Zu selten wird man aufgefordert, mal eine Biene selbst zu malen (und dann ist vorsorglich auch schon eine vorgezeichnet, damit man exakt kopieren kann).

Dafür stellt sich ein gewisser Symmetrieperfektionismus ein: Ich ärgere mich etwa über eine Blume mit einer ungeraden Zahl von Blättern. Die Pflanze unterläuft meine Idee zweifarbiger Abwechslung! Und zu einem psychedelischen Hirschkäfer (alle Farben nutzen und keine doppelt!) muss ich mich zwingen.

Ich koloriere gerade eine Seerose, da merke ich, dass meine Gedanken fliegen. Alles tritt plötzlich klarer hervor: Das raue Kratzen des Stifts auf dem Papier. Das routinierte Schreien eines Babys irgendwo hinter einer Säule, die französische Chansonmusik im Hintergrund. Die Wortfetzen der zwei Ärztinnen am Nebentisch, beide hadern mit ihren Vollzeitjobs. Die hohe Stimme der Kellnerin, die ihrem Kollegen erzählt, dass ihr Bruder nur noch vorm Computer hängt. Stücke von Leben rauschen vorbei. Ohne dass, und das ist das Angenehme daran, man sie auf sich bezieht. Man kommt sich noch nicht mal unanständig neugierig vor. Man malt ja schließlich aus.

Haben die Malbücher einen subversiven Kern?

Eigentlich ziemlich entspannend, denke ich. Doch dann löst sich etwas aus dem Klangteppich. "Also mit den Kindern male ich Mandalas. Aber das würde ich nicht machen. In der Konferenz mal nebenbei kritzeln, okay. Aber sowas?" Die eine Ärztin zu ihrer Freundin. Dann senkt sie die Stimme. Meine Gedanken fliegen nicht mehr, sie stolpern. Ich blicke auf, meine Augen treffen auf ihre, sie weicht aus. Ich stiere auf mein Blatt. Der Stift schabt über das Blatt. Panzer, Fühler, Blüte. Wo malen eigentlich die ganzen Leute, die die 1,5 Millionen Exemplare vom "Geheimen Garten" gekauft haben? Und die Manager? Kolorieren die ihre Blumen und Käfer nach einem 18-Stunden-Tag heimlich in einem einsamen Hotelzimmer, damit bloß keiner zuschaut? Lauert hinter der floralen Harmonie im "Zauberwald" gar ein subversiver Kern, weil die erwachsene Malbuchszene von dieser Gesellschaft so wenig akzeptiert wird?

Ich frage die Kellnerin mit dem vermutlich internetsüchtigen Bruder, sie sagt, dass die Buntstifte bisher immer nur von Kindern ausgeliehen wurden. Weil es mit der Entspannung jetzt eh vorbei ist, spreche ich die Ärztin an: Was sie gedacht habe, als sie mich ausmalen sah? Sie ist ein bisschen peinlich berührt und sagt dann vorsichtig, sie habe auch schon mal von dem Trend gehört. "Aber ungewöhnlich. Erwachsene mit Malbüchern." Dann sagt die Ärztin noch, sie fände es auch schon komisch, sich überhaupt allein ins Café zu setzen.

Die soll sich mal entspannen. Ich hätte da vielleicht eine Idee für sie.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Seitdem meine Kinder
Senf-Dazugeberin 25.10.2015
im Mandala-Ausmalfieber sind (oder Herzchen, Blumen, Bagger, Kipper und seit allerneustem Tannenbäume ;-), drucken wir ständig neue Zettel aus. Der Google-Bildersuche sei Dank, gibt es ja unzählige Varianten für alle Altersstufen. Hin und wieder ist dann auch mal eins dabei, was mich anspricht und was soll ich sagen - es entspannt wirklich, sich mit einem eigenen Bild neben die malenden Kinder zu setzen und selber die Buntstifte über das Papier zu schraffieren.
2. Anti-Stress-Mittel oder Untergang des Abendlandes ?
lemmy 25.10.2015
Die einen rufen schon den Untergang des kulturellen Abendlandes aus oder die Infantilisierung der modernen Gesellschaft. Die anderen schämen sich zwar ein bisschen, malen aber zum Stress-Abbau fleißig weiter ;-) Ein "Hardliner" gar beschrieb die malenden Eltern etwas böswillig als die gleichen "egoistisch-sedierten Naivlinge, die in ihrer Küche possierliche kleine Tontöpfe mit Petersilie und Koriander hätten, diese aber nicht mal zu unterscheiden wüssten, weil sie Asien gerade mal nur über Google-Maps finden würden." Aber, was soll´s ? In der Medizin sagt man immer: Wer heilt, hat recht. Und hier ? Wem´s Spaß macht !? Soll er/sie doch weiter "malen" ;-)
3. Wow...
jackoconnor 25.10.2015
Endlich nochmal ein wichtiger Artikel zu einem brisanten Nachrichtenthema! Gut, das Spon hier früh genug auf den rasant vorbei rasenden Buntstiftzug gesprungenist!
4.
Ziviler Sozialer Protest 25.10.2015
Spiegel auf GEOlino-Niveau, nicht dass ich mir das nicht schon seit einiger Zeit denken würde. Trotzdem schön
5. Maikäfer flieg
windpillow 25.10.2015
Sicher gibts auch schon einen "Ausmaler-Verein". Den Vereine gründen, machen Deutsche liebend gern. --Aber mal ehrlich, um mal vom iPhon- oder Tablett wischen Runterzukommen, sollte diese Generation Doof vielleicht mal mit dem Partner reden und evtl etwas länger kuscheln.
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