Stilkritik Zuckerbergs Büßergewand

Der Facebook-Chef trägt eigentlich nur Luxus-T-Shirts einer bestimmten italienischen Edelmarke. Um Probleme aus der Welt zu schaffen, steigt er aber in den Anzug - und macht darin eine gute Figur.

DPA/ XinHua

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In das raue Gewand des Büßers kleidet sich, wer etwas zu beichten hat. In der frühchristlichen Zeit wurden sie meist aus Tierhaaren hergestellt, vor allem den von Ziegen. Weshalb das ursprünglich unter der Kleidung auf der Haut getragene Hemd auch unter dem Namen Cilicium bekannt ist - nach der anatolischen Region Kilikien, wo sie einst Kleidungsstücke aus Ziegenhaar webten. Das Büßerhemd von Johannes dem Täufer war aus Kamelhaaren, zumindest steht es so im Evangelium nach Markus. Beide Tiere sind für ihr eher borstiges Fell bekannt - sofern die Haare nicht aus dem weichen Unterfell gezupft werden wie beim Alpaka.

Der dunkelblaue Anzug, mit dem Mark Zuckerberg zur Anhörung vor dem US-Senat erschien, hatte also in Bezug auf Optik und Komfort wenig gemein mit den Hemden der Asketen und reuiger Ordensleute. Zuckerbergs Einreiher - nicht mehr so schlecht sitzend wie früher und stilsicher kombiniert mit einer Krawatte in Facebook-Blau - erfüllte aber dieselbe Funktion wie das Cilicium. Er drückte Demut aus. Denn eigentlich besteht die Arbeitsuniform von Mark Zuckerberg aus Turnschuhen, Jeans, grauen T-Shirts und Kapuzenpullovern. Der typische Ich-pfeife-auf-Hierarchien-und-Statussymbole-Look des Silicon Valley, mit dem die Herrscher des digitalen Universums sich zu inszenieren pflegen.

Selbstverständlich sind es nicht irgendwelche Walmart-Shirts, in die Zuckerberg sich hüllt. Das ist auch verständlich bei einem Privatvermögen von mehreren Milliarden US-Dollar. Seine vermeintlich bescheidenen Geek-Leibchen kosten rund 250 Euro und stammen von Brunello Cucinelli. Ein italienisches Luxuslabel, das seit mehr als 20 Jahren für seine Kaschmirwolle geschätzt wird.

"Typische Facebook-Taktik"

Ob Zuckerbergs Anzug ebenfalls aus Kaschmir geschneidert wurde, ist nicht bekannt, ebenso wenig wie der Hersteller. Aber was der Facebook-CEO damit sagen wollte, ist klar: Seht her, ich habe den Ernst der Lage erkannt und respektiere dieses Gremium. Wie wichtig diese symbolische Geste war, wird deutlich, wenn man das Statement von Larry Kudlow kennt. Trumps Chef-Wirtschaftsberater sagte einen Tag vor der Kongressanhörung zu Reportern: "Mich beschäftigt am meisten die Frage, ob er einen Anzug und ein sauberes weißes Hemd tragen wird. Wird er sich wie ein Erwachsener benehmen, wie ein wichtiger Konzernchef, oder wird er mir diese albernen Hoodies und blauen Jeans zeigen?"

So einfältig war Zuckerberg natürlich nicht. Insofern hat er seinen Auftritt sauber gemeistert. Da machte es auch nichts, dass Zuckerbergs Äußerungen neben ein paar Entschuldigungen ("Das bereue ich.") wenig zu bieten hatte. Vielen Fragen wich er aus oder lächelte sie beiseite. "Typische Facebook-Taktik", analysiert SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Roland Nelles, der vor Ort war.

SPIEGEL ONLINE; Reuters

Sein wichtigstes Ziel dürfte Zuckerberg damit erreicht haben. Die Senatoren begnügten sich mit seiner Alles-wird-gut-Botschaft, eine staatliche Regulierung seiner Geschäfte ist vorerst abgewendet. Der Aktienkurs Chart zeigen steigt wieder. Zeit, ein paar neue Kaschmir-Shirts zu kaufen.

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