Fotoprojekt "Metropolis" Der Flow der Megastädte

Es ist laut, es ist schmutzig, und es steht nie still: Kaum einer bildet das Leben in Millionenstädten besser ab als Martin Roemers. Für einen Bildband hat der Niederländer 22 Megacitys fotografiert.

Martin Roemers

Von Gunda Schwantje


Die Bilder lassen sich beinahe hören, sie geben einem das Gefühl, mitten im Trubel zu stehen: das Beepen der Rikschas, das schwere Rumpeln der Züge, das Knattern der Mopeds an einer Straßenkreuzung. Auch das Wuseln durch eine Menschenmasse, die Enge, die Eile der Fußgänger, die Vibration der Stadt sind beinahe fühlbar. Leben in Megastädten: Einer, der glänzend darüber erzählt in seinen Fotografien, ist der niederländische Fotokünstler Martin Roemers.

In sieben Jahren, seit 2007, hat Roemers 22 der 29 derzeitigen Metropolen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern für sein Projekt "Metropolis" besucht. Nun ist das gleichnamige Fotobuch bei Hatje Cantz erschienen. "Die fortschreitende Entwicklung der Metropolen ist eine riesige Herausforderung", so der 53-Jährige aus Delft, "und viele Städte haben keine Lösungen für die Probleme. In China wird städtebaulich alles geplant. In Megastädten wie Kalkutta, Karachi, Dhaka dagegen ist das Straßenbild chaotisch und dort scheint ohne Planung und Kontrolle gebaut zu werden."

Prächtiges Kaleidoskop

2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, so die Prognose der UN, bereits seit 2009 sind es mehr als die Hälfte. "Nordamerika, Südamerika, Europa, Afrika, Asien. Das Konzept des Fotobandes ist, der Weltkarte zu folgen", sagt Roemers. Die Kontraste zwischen den einzelnen Kontinenten und Gemeinsamkeiten verschiedener Länder werden durch diese Vorgehensweise gut sichtbar.

Ein farbenprächtiges Kaleidoskop gelebter Lebensrealitäten ist so entstanden: Zum Beispiel Los Angeles, Beverly Hills. Auf der teuersten Prachtmeile der Erde, dem Rodeo Drive, posieren zwei junge Schönheiten in modischen Outfits vor einem auf Hochglanz gewienerten Bugatti für ein Foto, auf dem Boulevard gleiten weitere Statussymbole vorbei. Mattweiß edel die Gebäude, in Schaufensterauslagen feine Kleider, selbst die Palmen entlang des Boulevards wirken wie frisch frisiert, nirgendwo ein abgestorbener Wedel.

Kairo, im islamischen Viertel: Ein Mann in traditioneller Kleidung hütet in vollkommener Ruhe im Staub einer Straße seinen Keramikladen. Ein roher Klotz aus Beton mitten auf dem Weg ist sein Geschäft. Müll liegt herum, Bauschutt, hier nackter Lehmboden, dort Flächen mit Straßenpflaster.

Tausende Kilometer weiter im indischen Mumbai setzt ein Mann ohne Unterschwenkel auf einem Brett, ein Schuhputzer, wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellt. Seinen mobilen Untersatz auf Rollen treibt er mit seinen Armen an. Auf Höhe der Auspuffgase der Taxis, des Autoverkehrs, rudert er durch sein Leben.

Städtischer Flow

"Ich bin auf die Suche gegangen nach den kleinen Geschichten im Alltag der Menschen", erzählt Roemers. "Und ich habe die Dinge fotografiert, die typisch sind für eine Stadt. Kalkutta, zum Beispiel, ist der einzige Ort weltweit, an dem es noch von Hand gezogene Rikschas gibt. Die Stadtverwaltung versucht schon seit Jahren, diesen Zustand zu beenden, aber die Rikschabesitzer wehren sich dagegen."

Zwei Tage hat er in Kalkutta an einer vorher von ihm ausgesuchten Stelle gewartet auf sein Bild. "Ich habe immer gewartet, bis alle Elemente zusammenfielen, erst dann habe ich auf den Auslöser gedrückt." Und hoffte dann, dass ein ikonisches Bild entstanden ist. Das Ergebnis sah er erst zu Hause, er arbeitet analog.

Das fotografische Grundrezept von "Metropolis": ein erhöhter Standort (an einer verkehrsreichen Straße, einem zentralen Platz), eine lange Verschlusszeit. So paaren sich die Geschäftigkeit, die ungeheure Dynamik der Metropolen, mit einzelnen Passanten, mit Szenen auf der großen Bühne Straße. "Ich behielt vor allem im Blick, wer oder was sich in meinem Bildausschnitt andienen würde", so der Fotograf. Die vielen Details und der sichtbar gemachte visuelle städtische Flow sind es, die den Reichtum dieser Arbeit ausmachen.

Komplettiert wird das Buch "Metropolis" durch lesenswerte Essays. Ricky Burdett, Urbanist und Soziologe an der London School of Economics, gibt einen globalen Überblick und unterstreicht, dass die am schnellsten wachsenden Städte in Afrika und Asien liegen. Er berichtet etwa von einem ambitionierten Plan für die Region rund um die chinesische Hauptstadt Peking. Danach soll Peking 2050 das Zentrum einer neuen Supercity mit 130 Millionen Einwohnern sein, Jing-Jin-Ji.

Diese Riesenmetropole werde eine "sehr bewusste Kreation", so Burdett, verwoben durch ein Netz von Hochleistungszügen, die die einbezogenen Großstädte innerhalb einstündiger Reisezeit miteinander verbinden. Und dann sticht da natürlich Indien heraus, dessen städtische Bevölkerung von 290 Millionen 2001 auf 340 Millionen 2008 gewachsen ist, für 2030 werden 590 Millionen vorhergesagt. Schlicht kaum fassbare Dimensionen sind das, mit immensen Konsequenzen.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten, zu Beginn seines Schaffens, hat Martin Roemers vor allem in Ländern des ehemaligen Ostblocks fotografiert. Später hat er sich auf Langzeitprojekte spezialisiert: "The Eyes Of War" und "Relics Of The Cold War" sind international bekannte Werke; die zuletzt genannte Arbeit ist derzeit auch im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Lohnt sich.

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