Rotterdamer Modemuseum Frauen im Mini, Männer in Pumps

In Rotterdam verwandelt sich das Nieuwe Instituut für acht Monate in ein Modemuseum. Die Ausstellung feiert die Erneuerungskraft der Mode - und kritisiert den neuen schnellen Konsum.

Instituut voor Sociale Geschiede

Gestern Mini, heute Midi, morgen Maxi. Letzte Saison war Weiß noch das neue Schwarz, jetzt ist das neue Blau schon das alte Rot. Keine kulturelle Errungenschaft ist so sehr der Zeit unterworfen wie die Mode - und ihre Träger den Trends, die die Modemacher setzen. Doch so streng das Modediktat auch ist, so egalitär erscheinen heute seine Möglichkeiten: In Zeiten von Trash-Looks, Billigmode und Fast Fashion ist das zeitgeistige Gewand kein Stoff unerfüllbarer Träume mehr, kein Privileg gut gefüllter Portemonnaies.

Es ist genau dieser demokratische Anspruch, der die Mode und die kritische Auseinandersetzung mit ihr derzeit so spannend macht. Wie spannend, das will jetzt das Rotterdamer Nieuwe Instituut zeigen, das 2013 aus dem ehemaligen Architekturmuseum NAI hervorgegangen ist. Es ist dem Diskurs zwischen Architektur, Design, globalen Moden und digitalen Medien auf der Spur.

Kuratiert von seinem Direktor Guus Beumer, verwandelt sich das Nieuwe Instituut für acht Monate in ein "Temporäres Modemuseum", das Tijdelijk Modemuseum, wie die außergewöhnlich inszenierte Ausstellung heißt.

Widerspruch zwischen Mode und Museum

Die grundsätzliche Frage lautet: Wie kann die wissenschaftliche Dokumentation und institutionelle Präsentation von Mode aussehen? Schließlich ist Mode ein Zeitgeistphänomen, das sich ständig im Fluss befindet. Wie kann ein Modemuseum überhaupt aussehen, das seine Exponate nicht dem Kontext entreißt? Und wie kann der innere Widerspruch zwischen Mode und Museum, das eine Institution vergangener Jahrhunderte ist, neu gedacht und aufgelöst werden?

In Rotterdam bekommen Besucher nun eine Idee davon. Erst als Hippie-, dann als Punk- und schließlich als Öko-Hochburg bekannt, schossen in den Niederlanden neben Tulpen und Tomaten immer auch Modetrends aus dem Boden, es wucherten die kreativen Ideen individualistischer Selbstdarstellung.

Die ungewöhnliche Umwandlung des ganzen Museums verfolgt den Weg des Produktes vom Designer zum User und stellt dessen Perspektive in den Fokus. Das Haus zelebriert kreativ die ewige Erneuerungskraft der Mode und schreibt gleichzeitig - oft nebenbei, bisweilen bewusst spekulativ, bisweilen sauber evaluiert - deren Geschichte neu. "Die Mode hat ihr eigenes Innovationsmodell gefunden, indem sie die Vergangenheit als unendliche Quelle der Zukunft auffasst", sagt Beumer, der früher selbst in der Fashionindustrie gearbeitet hat.

All das wird in der Ausstellung lebendig: die Straßen der Siebziger, die Nachtclubs der Achtziger, die Inszenierungen der Neunziger und das experimentelle Labor der Mode unserer Zeit. Denn das ganze Haus verwandelt sich in einen Modekosmos, der all das bietet, was dazu gehört: Spiegel, Puppen und Umkleidekabinen, Vitrinen und Schaufenster, Düfte, Kosmetik und auch kaufbare Produkte.

Da mutiert schon das Entrée durch eine olfaktorische Eigenkreation zu einer sinnlich-duftenden Passage und leistet die adäquate Einstimmung für die Welt der luxuriösen Düfte - wie in Branding-Strategien, bei denen Concept Stores hochästhetische Gesamtkunstwerke darstellen.

Da werden gängige H&M-Produkte "gehackt" und durch Eingriffe von Designern mit neuen Gestaltungselementen aufgepeppt. Hier wie im integrierten Vintage-Shop kann jeder Besucher Kleidung anprobieren, ausleihen, tauschen und auch kaufen. Und er kann seine Kleidung unter Anleitung von Modedesignern selbst machen.

Überhaupt spielt der Besucher eine große Rolle. So können auch Männer mit Pumps durch die Ausstellung stolzieren, um einmal mit der Tortur der High Heels die Gender-Problematik, die Frage nach Rollenmodellen und fremdbestimmter Identität am eigenen Leib zu erfahren. Aber es hängen auch illustre Modelle bekannter Modelabels von der Decke. Und eine traditionelle Schneiderwerkstatt zelebriert die alte Kultur der Couture, die am Anfang der riesigen Modeverwertungskette steht.

So lebensnah der Parcous durch die Welt der Mode und deren Produktionsprozesse ist, so sehr vermeidet Beumer eine starre Chronologie. Stattdessen setzt er auf kreatives Chaos, das Neben- und Durcheinander verschiedener Szenen und Szenerien. Und dieses Wechselbad einer Ausstellung kann man nur empfehlen.


Het Nieuwe Instituut, Tijdelijk Modemuseum, 13.9.2015 - 8.5.2016



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