Modelabel Naketano "Alle wollen bumsen" in XL

Eine Jacke namens "Schluckischluckischlucki"? Ein Jogginghosenmodell, das "Schnellbumser" heißt? Das scheidende Label Naketano macht Mode, die zwar überschaubar kreativ designt, dafür umso wilder benannt ist.

Screenshot aus dem Naketano-Onlineshop
naketano

Screenshot aus dem Naketano-Onlineshop

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Kleider murmeln immer, mindestens. Manchmal blöken sie ihre Botschaft in die Welt: "Ich habe viel Geld und hätte gern guten Geschmack" zum Beispiel. Manchmal seufzen sie nur leise, vielleicht so etwas wie "Ich habe viel Geld, aber aufgegeben". Manchmal stellen sie resolut und sachlich fest: "Geld ist egal." Die Pullover, Hosen und Jacken von Naketano stellen sich neben einen, rücken ein bisschen zu nah ran und flüstern dann, fast unhörbar, "Pimmel-Pisse-bumsen". Und wenn man dann überrascht "wie bitte?" sagt, schauen sie schnell weg und sagen "Och, nichts."

Naketano - das Label, das es bald nicht mehr geben soll - will offenbar denkbar langweilige Mode mit möglichst aufregenden Gedanken zusammenbringen. Zumindest schien das der Plan zu sein. Denn so fad all die meist unifarbenen Sweathirts und -jacken mit ihren weiten Stehkrägen, Kunstleder-Patches und dicken Seilkordeln an der Kopföffnung sind (die sicher praktisch sein können, wenn man unterwegs mal eine irrtümlich freilaufende Ziege anbinden muss), so betont crazy sind die Namen der Modelle, unter denen sie im eigenen Webshop zu finden sind.

Eine babyblaue Kapuzenjacke mit dunkelblauen Sternchen (für Frauen) heißt dort zum Beispiel "Schluckischluckischlucki". Ein hellgraues Hochkragen-Sweatshirt (für Männer), das unspektakulärer kaum sein könnte, trägt den Namen "Diese Nüsse".

Durch das Sortiment wird munter höhöhöt

Natürlich denkt man beim Erstkontakt mit der Modefirma zunächst, da habe ein Schülerpraktikant bei seinem Ausstand ein paar Alkopops zu viel gebechert und sich dann noch ein kleines Scherzchen erlaubt, bevor seine Logindaten für die Produktdatenbank ungültig wurden. Aber nein, das sind keine Ausnahmen, durch das ganze Sortiment wird munter weiter höhöhöt - mit Modellnamen wie "Alle wollen bumsen", "Dreisisch Euro swansisch Minut", "Gewitzt gespritzt" und "Glockenbach Bukkake".

Unverschämt und provokant finden diese Wortkreationen freilich nur Leute, die auch bei minimal-anatomischen Penis-Kritzeleien in der Bushaltestelle rote Ohren bekommen. Verstörend ist allein die absurde Verpaarung von Produkt und Bezeichnung - wenn der dunkle Kapuzenparka mit Tunnelzug in der Taille zwar "Spank me right" heißt, aber eben doch frappant nach evangelischem Gemeindezentrum aussieht und die Jogginghose "Blasinstrument" mit ihren Rippbündchen am Fußabschluss eher an klassische Frottee-Kinderschlafanzüge erinnert.

Screenshot aus dem Naketano-Onlineshop
naketano

Screenshot aus dem Naketano-Onlineshop

Im Kopf klingen diese Kombinationen wie Blutwurst mit Himbeerjoghurt schmeckt, und so wenig Gedankenreizung die sehr konventionellen Leibchen anregen, so rätselhaft erscheinen einem dafür ihre Trägerinnen und Träger.

Kaufen Frauen den Langarm-Erwachsenenstrampler mit Allover-Hirschmotiv, obwohl er "Birchermuschi V" heißt - oder macht dieser Name tatsächlich einen Teil des Kaufanreizes aus? Stören sich Männer daran, dass ihr Pullover "Ich hab dicke Eier" oder "Analverkehr nicht schwer" heißt, oder holen sie sich die petrolgrüne Nickistoffjacke für knapp 110 Euro eigentlich vor allem deshalb, weil sie "Bumsinator" heißt?

Ist die Zielgruppe also zwar äußerlich konservativ, aber heimlich verferkelt - oder sind es Prollinskis, die mit den Fickiwitznamen ihr krawalliges Selbstbild bestätigen, aber eigentlich längst lieber bürgerliche Klamotten tragen? Oder, und das wäre die bestürzendste Variante: Gibt es wirklich Menschen, die ungeachtet ihrer Lebenseinstellung einfach von Herzen lachen müssen, wenn ihr Sweater die Farbbezeichnung "Dünnschiss Kotze Melange" oder "Schmutzmuschi Pink Melange" trägt?

Der Fairness halber muss man sagen: Nicht alle Modellbezeichnungen sind bei Naketano pubertären Rammelfantasien abgerungen. Wem "Penisbutter" doch zu unappetilich ist, kann problemlos auf "Preiselbeeren Camembert" oder "Krokettenhorst" ausweichen. Diese Namen sind dann nicht sexistisch - sondern einfach nur dämlich.

insgesamt 20 Beiträge
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Phil2302 07.04.2018
1. Vielleicht schwer vorzustellen
aber mich interessiert überhaupt nicht, unter welchem Namen meine Klamotten verkauft werden. Ich habe mir vor kurzem den ersten Pullover dieser Marke gekauft (die Marke kannte ich bis heute gar nicht) und bin mit dem Aussehen und dem weichen Stoff zufrieden. Der Name interessiert mich nicht, und darum geht es sicher bei den Werbeleuten auch nicht. Die hatten folgenden Plan: Wir nehmen solche Namen, weswegen irgendwelche Zeitungen und Online-News-Seiten, die ihre Spalten füllen müssen, daraus einen Artikel machen und unser Bekanntheitsgrad steigt. Werbemensch zu sein kann so einfach sein.
MichaelMüller 07.04.2018
2. Sehr geehrte Frau Rützel,...
...mich dünkt, Ihr Artikel ereifert sich ein wenig zu stark, enthält er doch eine unübersehbare Inkongruenz zwischen Abscheu einerseits und Schaulustigkeit (die Anzahl zitierter Artikelnamen ist doch recht hoch) andererseits. Beste Grüße
voiceecho 07.04.2018
3. Was wollen Sie uns mit dem Artikel …
… sagen, Frau Rützel? Ihre Artikel sind in der Regel ein Hochgenuss, aber dieser Artikel ist leider auf dem Niveau der Namen der Pullis vom Label, für den Sie (un)gewollt Werbung machen! Dieser Label verschwindet demnächst wahrscheinlich vom der Fläche, wenn nicht das Ganze als Werbegag ist, um eine Publicity für das Produkt zu schaffen, um dann zu sagen, dass man sich aufgrund der großen Nachfrage doch noch sich entschieden hat, zu bleiben. Marken sind wie Menschen, kommen und gehen, es ist der Lauf der Dinge. Ob sie Muschi, Pimmel oder Horst, Chantal oder wie auch immer, ist unerheblich… Ces‘t la vie…
dasfred 07.04.2018
4. Ich habe das Geheimnis gelüftet
Mit diesen Bezeichnung macht man keine Sammelbestellung im Familienkreis oder unter besten Freunden. Hier bestellt man ganz allein, unmittelbar nach einer Runde Videos von Menschen, die wenig zu bereden und noch weniger anzuziehen haben. Da ist dann auch keiner in der Nähe, der mich warnen könnte, wie belanglos und überteuert diese Fummel daherkommen. Mit Frau Rützel hat sich aber die Richtige des Themas angenommen.
honey_d 07.04.2018
5. Also wenn das Label verschwindet...
...geht nicht viel verloren, ausser vielleicht paar nette Klamotten. Um die niederen Instinkte ist es nicht so schade.
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