Trends von der Möbelmesse Wie wir wohnen sollen

Mid-Century-Möbel, Vollholz im Badezimmer, Upcycling und so eine Art Radikalgemütlichkeit: Bei der Möbelmesse imm cologne in Köln waren die Wohntrends des Jahres zu sehen. Hier eine Auswahl.


Hygge. Bitte merken Sie sich das Wort. "Hygge" ist dänisch. "Hygge", so steht es im Lexikon, bedeutet Gemütlichkeit. Aber der Begriff umfasst, so behauptet es zumindest das Internet, viel mehr. "Hygge" ist die Kerze auf dem Fensterbrett, die gegen die Dunkelheit da draußen anleuchtet, die wärmende Wolldecke am kalten Wintertag, unter die sich auch noch die Katze kuschelt. "Hygge" ist eine dampfende Schüssel Haferbrei, das Lachen der Familie und das Lastenrad, mit dem man die Kinder zum Picknick mitnehmen kann. Das Wort meint, was man zuletzt "Cocooning" nannte, aber gerne auch gemeinsam mit Freunden.

Vor allem aber ist "Hygge" einer der Wohntrends des Jahres 2017. Zweifler werden jetzt einwenden: Gemütlichkeit ist vermutlich schon immer ein Wohntrend gewesen. Es liegt schließlich in der Natur des Menschen, sein Umfeld so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber die Dänen sind laut "World Happiness Report" die glücklichste Nation der Welt.

"Hygge" ist also offenbar ein Rezept für mehr Glück, und so ein bisschen Glück in den heimischen vier Wänden, das ist doch ein Wunsch, mit dem wir alle konform gehen. Ein Trend, auf den sich alle einigen können. Und genau den brauchen wir. Nicht nur, weil die Gegenwart in vielerlei Hinsicht zum Drinnenbleiben einlädt, sondern auch, weil die Sache mit dem Wohnen kompliziert geworden ist.

Denn wenn eines in diesem Jahr auf der Internationalen Möbelmesse in Köln auffällt, dann ist es der Eklektizismus, mit dem die Industrie operiert. Die Zeiten, in dem man gewissermaßen in eine Richtung wohnte, im Landhausstil, oder mit terrakottafarben getupften Grüßen Richtung Toskana, oder im rostigen Vintage-Industrial-Look, die sind ganz offenbar vorbei.

Wer die neuen Kollektionen der über 1300 Hersteller betrachtet, die bei der diesjährigen Ausgabe der imm cologne in den Hallen der Kölnmesse vertreten sind, wird sich schwer damit tun, so etwas wie einen allgemeinen Stil der Stunde auszumachen.

Da finden sich Re-Editionen klassischer Sitzmöbel der Siebzigerjahre - am interessantesten Meinhard von Gerkans 1975 für den Flughafen Tegel entworfener Berlin Chair, nun wieder bei Walter Knoll erhältlich - neben den zurückgenommenen Holzmöbeln der Dänen Skagerak. Da ist Platz für die hochwertigen Vollholzbadezimmer von Keuco und Team7, aber auch für Kunststoffgorillas von Kare, einem Unternehmen, das übrigens behauptet: It-Piece des Jahres 2017 sei der Barwagen.

Die tschechischen Thonet-Nachfolger Ton stellen Stühle und Hocker vor, deren Form an Blätter erinnern soll, Cor hingegen reden bei ihrer neuen Sessellinie Flint von einer Blüte. Es ist gewissermaßen für jeden etwas dabei.

Wie entsteht ein Wohntrend überhaupt?

Der Kölner Trendforscher Frank A. Reinhardt referiert auf der imm cologne täglich über Trends und Messehighlights. Er sagt: Gesellschaftliche und globale Megatrends wie die Lust auf mehr Natürlichkeit und das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit spielen da eine ebenso große Rolle wie Einflüsse aus Film und Fernsehen. "Wer auf englische Adelsserien steht, wird davon sicher auch bei der Gestaltung seiner Wohnung beeinflusst. Ich sehe zum Beispiel auch in der Bildsprache der Hersteller aktuell sehr viele Holzvertäfelungen. In Deutschland kennt man das nicht, in den USA oder Großbritannien ist das üblich."

Manche Trends wiederum würden sich als hartnäckiger erweisen, als Fachleute eingangs prognostizierten - etwa die anhaltende Liebe der Deutschen zum Midcentury-Stil. "Da dachte man in den letzten beiden Jahren, der Höhepunkt wäre erreicht. Dem ist aber nicht so. Der Trend bietet gerade in unruhigen Zeiten einen Ankerpunkt."

Anders sieht das bei Farben aus. Da seien die Trends kurzlebiger. "Momentan ist Grün und Rot angesagt." Generell sei 2017 jedoch alles möglich: "Von Omas Armstuhl oder dem Küchenbuffet über Möbel aus alten Europaletten bis hin zu einem sehr teuren Solitär, und das alles in einer Wohnung: Die Vielfalt macht das Wohnen momentan sehr spannend."

Einfluss digitaler Medien

Einer der Gründe für diese Vielfalt mag der wachsende Einfluss digitaler Medien auf unsere Wohnkultur sein. Die Impulse kommen hier nonstop und in Echtzeit. So stellte unlängst die Internetplattform Pinterest, so eine Art digitales Sammelalbum für alles Hübsche, anhand ihrer Nutzereinträge eine Liste der Wohntrends 2017 zusammen. Darin finden sich: Holzverkleidungen ("das Geheimnis für sofortige Gemütlichkeit"), der Nachttisch als Designstück, marmorierte Tapeten, Acrylmöbel, und Dunkelblau als das neue Schwarz.

Die Macher der Wohncommunity Roomido schwören hingegen auf zierliche "Hairpin Legs" und Accessoires im Memphis-Stil ("schrill gemustert und kunterbunt").

Und bei Instagram ist ohnehin jeder sein eigener Style-Redakteur. Wer sich hier durch das Hashtag #interiordesign klickt, lernt: Mal ist frei nach Mies van der Rohe weniger mehr. Mal ist aber auch mehr mehr. Und meistens ist die Optik eine grundlegend andere als zu Hause.

"Die Anzahl der Fotos, die nicht nur eine hohe Bildqualität besitzen, sondern auch sehr kreativ sind, ist hoch. Dazu kommt, dass die Algorithmen immer besser werden, und man deshalb immer besser nach bestimmten Looks suchen kann. Das wird sicher unsere Wohnzimmer verändern", sagt Reinhardt.

Wie es dort aktuell aussieht? Das wissen wir Dank der Agentur Jung von Matt. Die Hamburger Werber richteten erstmals 2004 ein typisch deutsches Wohnzimmer ein. Seitdem durchlief der Raum einige Updates, die stets eines gemein hatten: die gnadenlose Nähe zur Realität. Schrankwand, Computertisch, CD-Ständer aus gefrästem Blech: Der Deutsche, so fand die Agentur über die Jahre heraus, wohnte stets pragmatisch.

"Hygge" wirkt auch in der neusten Version der Otto-Normal-Wohnung nichts, wobei das vielleicht gar nichts ausmacht. Erste Stimmen sagen bereits: Es ist ohnehin vorbei mit der Radikalgemütlichkeit, der neue Trend aus Skandinavien lautet "Lagom". Das ist schwedisch und bedeutet in etwa "gemäß rechter Ordnung", heute wird es meist mit "nicht zu viel und nicht zu wenig" übersetzt. Gesundes Mittelmaß also. Wie sich das verkaufen lässt, werden wir im nächsten Jahr erfahren.

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insgesamt 14 Beiträge
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MissMorgan 23.01.2017
1. Trends?
Bei meiner Wohnungseinrichtung spielten folgende Faktoren eine große Rolle: Quadratmeterzahl (sprich: Portemonnaie), Anzahl und Schnitt der Räumlichkeiten, möglichst viel Stauraum (bei tausenden von Büchern), Pflegeaufwand und Einkaufspreis. Und dann bleibt nicht mehr viel übrig.
Referendumm 23.01.2017
2. Vor 30 oder 40 Jahren ?
Sind das nun Bilder einer Möbelmesse von vor 30 oder 40 Jahren? Fällt den Möbelmachern wirklich nix mehr neues ein, oder hat der Autor nur einen solchen Geschmack und die Bilder deshalb ausgewählt? Also, wenn das von einer Möbelmesse aus dem Jahre 2017 stammt und es sonst nix anderes gab, dann Gute Nacht ihr Möbeldesigner. Barmöbel als was ganz neues und tolles verkaufen zu wollen - oh my god!
upalatus 23.01.2017
3.
Möbelmessen sind toll und als ein paar Sausetage für allgemeine Designfachabteilungen hochwillkommen. Und sonst? Trendrennt und ich hinnerher, nö. Achgottwassollmanschonsagenzunermöbelmessezumrückhalthöckesdurchkollegenwärmirmehreingefallen.
Jan Dvorak 23.01.2017
4. Die Logarithmen werden immer besser
"Dazu kommt, dass die Logarithmen immer besser werden, und man deshalb immer besser nach bestimmten Looks suchen kann." Wohl eher die Algorithmen...
mag-the-one 23.01.2017
5. Det skulle aendres...
Das dänische „Hygge“ hat mit der deutschen „Radikalgemütlichkeit“, wie sie im Artikel genannt wird, aber auch gar nichts zu tun. „Hygge“ ist vielmehr etwas Gemeinschaftliches, ein „wir machen es uns miteinander schön“, ein sozialer und ästhetischer Anspruch, den es dort übrigens schon seit Jahrzehnten gibt. Mit aktuellen Trends oder gar Moden hat das wenig zu tun. Es gibt in Dänemark immerhin das Schulfach (!) „Husflid“ bzw. „Hjemmeflid“ , was man mit „Hausfleiߓ übersetzen könnte, aber etwas ganz anderes meint: Das Erlernen von ästhetischen Konzepten für gelungene Einrichtungen, sowie Möbel-, Textil-, Stilkunde etc. , weil es für das Wohlbefinden nicht unwichtig ist, in welcher unmittelbaren Umgebung man sich aufhält. Was die Fotos Nr. 1 und Nr. 4 damit zu tun haben sollen, bleibt rätselhaft – das ist eher Repräsentationsgrusel als Wohnlichkeit. Auch Nr. 5 mit den für den Tisch viel zu niedrigen Stühlen ist ein Design-Unfall: immerhin hat man die Kaffeetasse direkt am Kinn… Und was will der Autor dem geneigten Leser mit dem grammatikalisch und auch sonst verschwurbelten letzten Absatz eigentlich sagen? („Lagom“ bedeutet: passend, angemessen, alles okay.)
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