Junges Design Tofu zum Selbermachen

Geschirr für Blinde, ein Kleiderschrank für Demenzkranke: Auf der Möbelmesse in Mailand werden junge Designer angehalten, neue Formen zu wagen. Vieles ist zwar dem Massengeschmack angepasst, aber es finden sich auch Ideen, die verblüffen.

Maria Volokhova/ Johanna Spath & Johannes Tsopanides

Wer es bis nach Mailand auf die wichtigste Möbelmesse der Welt geschafft hat, der sollte auf der Salone Internazionale del Mobile auch ins hintere Drittel der Hallen 22/24 gehen. Dort nämlich, im "SaloneSatellite", zeigen junge Designer und Hochschulen ihre Entwürfe.

Eine Jury wählt aus. Die Bedingungen: Die Teilnehmer dürfen nicht älter als 35 Jahre sein, müssen eine geringe Gebühr bezahlen und dürfen dann drei Jahre lang hintereinander ausstellen. In dieser Zeit sollten sie es geschafft haben, Käufer oder Produzenten zu finden. Das kann klappen, so wie vor ein paar Jahren bei dem deutschen Nachwuchsstar Sebastian Herkner, der inzwischen mit mehreren Designpreisen ausgezeichnet wurde.

Wie steht es also um die kreative Kraft des Nachwuchses? "Vor allem deren Einstellung hat sich verändert", sagt Designexperte Thomas Edelmann. "Am Anfang wollten alle etwas Neues wagen und ein Lebensgefühl ausdrücken. Heute sehen sie sich als Partner der Industrie und bedienen auf Wunsch verschiedene Stile", sagt Edelmann. So sieht das Design an einigen Ständen sehr professionell aus, vieles erscheint bekannt, manches sehr prätentiös.

Schüsseln für Blinde, Tofu zum Selbermachen

Aber es gibt auch in diesem Jahr wieder einige wunderbare Einfälle, verrückte Möbel, schöne Formen und viele Experimente, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Ottonie von Schweinitz, eine Produktdesignstudentin aus Weimar, hat Geschirr für Blinde entworfen: Schüsseln, die an der Seite mit Kunststoff verschlossen sind und an denen man die Temperatur der Speisen fühlen kann. Oder ein Glas, mit dem Blinde am Ritual des "Anstoßens" teilnehmen können: Dafür ist außen am Glas ein gespanntes Metallteil angebracht, welches beim Zuprosten wie eine Glocke benutzt wird.

Weiwei Wang, eine Studentin, die aus China nach Deutschland gekommen ist, hat ein Werkzeug-Kit zur Tofuherstellung entworfen: Aus geronnener Sojamilch presst man dort durch kleine geflochtene Körbe die Flüssigkeit heraus und kann den fertigen Tofu dann mit einer kleinen Säge zerteilen. "In Deutschland wird immer mehr Tofu gegessen, ich möchte zeigen, wie er hergestellt wird", sagt Weiwei Wang.

Ihre Kommilitonin Laura Augustin hat sich dagegen mit der Frage beschäftigt, wie eine Klobürste aussehen muss, damit man sie ekelfrei benutzen kann. Ihre Idee: Statt Borsten lieber Noppen verwenden, die kann man einfacher reinigen.

Kleiderschrank für Demenzkranke

Die Designerfindung von Benedikt Kestler hat mit direkter zwischenmenschlicher Wärme zu tun: "Happiness to Go" nennt er seine Kiste, welche die Größe und Form eines Fahrkartenautomaten hat. Aus der Kiste ragen zwei künstliche Hände heraus, die sich aufheizen, wenn man an einer Kurbel dreht. Daran könnte man laut Kestler nun die eigenen Hände wärmen.

Ganz ernsthaft forscht Sophie Jahns an einem Kleiderschrankkonzept für Demenzkranke. Sie hatte für das Thema "Leben im Alter" recherchiert und war dafür in eine Wohngemeinschaft von dementen Menschen gegangen, um das Krankheitsbild besser zu verstehen. Dort hat sie gelernt, dass der Wahrnehmungs- und Orientierungssinn als Erstes schwindet.

"Man sollte daher optisch Klarheit schaffen, etwa mit der Farbe Gelb, die sich auch positiv auf die Kranken auswirkt", sagt Jahns. Sie wählte eine textile Bespannung, weil der Tastsinn als einziger bis zum Schluss erhalten bleibt. "Ich habe beobachtet, dass die Menschen sich ganz lange selbst ihre Hände gestreichelt haben", sagt Jahns.

Auf einer Krankenpflegemesse hat sie ihren Schrank schon gezeigt und dafür viel positive Resonanz bekommen, "zum Beispiel von der Alzheimer Gesellschaft, das war für mich das größte Lob". Es gibt also noch immer junge Designer, die etwas Neues wagen.



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