Monobloc-Design "Der Plastikstuhl ist demokratisch"

Sie gelten als Wegwerfmöbel und sind in einigen deutschen Innenstädten verboten. Doch der Monobloc wird unterschätzt. Im Interview verrät die Kuratorin des Vitra Design Museums, warum der Plastikstuhl so genial ist.

Jürgen Lindemann

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Zur Person
  • Bettina Matthiessen
    Heng Zhi ist seit Anfang 2016 Kuratorin im Vitra Design Museum. Sie hat Design in Wien studiert und im Anschluss an der Akademie der bildenden Künste Wien als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet, dann als Assistenzprofessorin an der New Design University.

SPIEGEL ONLINE: Frau Zhi, wieviele weiße Plastikstühle besitzen Sie?

Zhi: Gar keinen, muss ich zugeben. Dafür hat meine Nachbarin einige im Garten. Aber jetzt, da ich mich für die Ausstellung damit auseinandergesetzt habe, überlege ich, mir auch einen anzuschaffen. Sie sind übrigens gar nicht so leicht im Baumarkt zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Zhi: Das wissen wir auch nicht. Uns ist aufgefallen, dass sie in Deutschland kaum noch zu haben sind außerhalb der Gartensaison. Für die Ausstellung mussten wir sie sogar online bestellen. Und sie sind nicht so billig wie man vermutet: Unter zehn Euro bekommt man sie nicht. Wir haben 50 Stück bestellt, extra teurere: für je 17 Euro. Und es sind doch zwei, drei gebrochen hier angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben diesem ordinären Plastikstuhl, der in Eiscafés, dem Garten oder auf Campingplätzen steht, nun eine ganze Ausstellung gewidmet. Aus Designperspektive: Was ist so genial daran?

Zhi: Er ist wetterfest, stapelbar, leicht und wird sehr effizient hergestellt. Mit minimalem Materialaufwand wird maximale Wirkung erreicht. Da können nicht viele andere Stühle mithalten. Er hat sich wie ein Virus verbreitet. Er wird nicht gewertschätzt, er ist das Paradebeispiel unserer Wegwerfkultur.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie extra welche bestellen mussten: Wieviele Monoblocs hatten Sie denn im Archiv?

Zhi: Wir haben im Schaudepot zwar ein ganzes Fach voll mit Panton Chairs - diese Designklassiker entsprechen auch den Kriterien des Monoblocs: Kunststoffobjekte aus einem Guss. Aber von den billigen Plastikstühlen hatten wir keinen. Das hat sich mit der Ausstellung geändert: Er hat jetzt einen festen Platz in der Sammlung. Ich war selbst überrascht: Obwohl sie uniform wirken, sind alle Modelle sehr unterschiedlich.

SPIEGEL ONLINE: Muss etwas denn immer ästhetischen Wert haben, um im Museum zu landen?

Zhi: Stimmt, das darf nicht das einzige Kriterium sein. Übrigens sind sie aus ästhetischen Gründen in den Innenstädten einiger deutscher Städte verboten, in Basel waren sie sogar zehn Jahre lang verbannt - seit Anfang 2017 dürfen Lokale sie wieder benutzen. Die Designgeschichte ist immer noch dominiert von ikonischen Entwürfen von Mies van der Rohe, Charles und Ray Eames, Le Corbusier. Die Menschheit hat ein Faible für die Stars und Helden. Deswegen sind die Plastikstühle noch wenig erforscht. Dabei besteht unsere materielle Umgebung aus solchen anonymen Objekten, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen.

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Monobloc: Minimaler Aufwand, maximale Wirkung

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie denn der Anfang der Monobloc-Ära? Der erwähnte Panton-Chair oder der Z-Stuhl von Ernst Moeckel sind doch auch aus einem Guss.

Zhi: Deswegen zeigen wir auch all diese Vorläufer. Mit Aufkommen der Kunststofftechologie in den Fünfzigerjahren war es erstmals möglich, Objekte aus einem Guss herzustellen. Aber nicht aus PP. Daher war Henry Massonets "Fauteuil"-Entwurf von 1972 stilprägend. Nach jetzigem Forschungsstand war er der erste, der den Stuhl so entworfen hat, eine Errungenschaft. Aber Ölkrise und Umweltbewegung verhinderten, dass sich die Stühle damals durchsetzten. Das änderte sich erst, als andere große Kunststoffhersteller wie die britische Marke Allibert Monobloc-Stühle in Massenproduktion herstellten. Heute ist es wirklich keine Herausforderung mehr, einen solchen Stuhl herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Die Begeisterung muss anfangs so groß gewesen sein wie beim 3D-Druck heute, der ja ähnlich funktioniert.

Zhi: Ich würde das nicht vergleichen. So ein Spritzguss dauert weniger als eine Minute: Granulat rein, in die Form spritzen, ein Roboterarm greift den fertigen Stuhl und setzt ihn auf den Stapel zu den anderen. 3D-Druck dagegen ist viel langsamer: Da wird Schicht um Schicht aufgetragen, man kann zuschauen, wie ein Stuhl wächst. Die Technologie ist noch teuer und macht die Objekte zu etwas Besonderem. Ähnliches galt übrigens noch Anfang der Achtziger für die Plastikstühle: In der Schweiz kosteten sie damals 100 Franken.

SPIEGEL ONLINE: Bitte?

Zhi: Kunststoff hatte ein hochwertigeres Image, reines Polypropylen war teuer. Heute bestehen die meisten zwar offiziell auch aus PP, aber die Hersteller mischen billigere Granulate bei, deshalb sind sie poröser und überleben keine zwei Winter draußen.

SPIEGEL ONLINE: Die Modelle tragen Namen wie "Miami", "Ischia" oder "Laredo": Alles sonnige Sehnsuchtsorte, um vergessen zu machen, wie unscheinbar das Ding ist?

Zhi: Dass die Stühle mit Urlaub, Sommer und Draußensein assoziiert werden, gilt nur für westliche Industrieländer. Sie haben sich hier in Europa anfangs besonders verbreitet, weil Lokale sie meist geschenkt bekommen haben: bedruckt mit den Logos von Bier- und Limonadenmarken. In anderen Regionen der Welt spielt er eine andere Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Und welche?

Zhi: Während er hier wegen seines Billiglooks ein Wegwerfobjekt ist, gilt er in vielen Entwicklungsländern als Wertgegenstand. Er wird immer weiter geflickt mit Schnüren und Klebebändern, manche stapeln zwei kaputte übereinander, um wieder einen ganzen zu haben. Und wenn ein kaputter Stuhl vor dem Eingang eines Ladens steht, bedeutet das: Wir haben geschlossen. Es ist ein sehr demokratisches Möbelstück.

SPIEGEL ONLINE: Er ist nun einmal weiß und schlicht.

Zhi: Unter Künstlern und Designern hat er deswegen in den vergangenen zehn Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen: Sie projizieren ihre Ideen darauf und verwenden ihn als Werkstoff, um neue Interpretationen eines allgegenwärtigen Industrieproduktes zu schaffen. Wie der Monobloc-Forscher Jens Thiel so schön sagte: "Er ist wie eine weiße Leinwand."


Die Ausstellung:
"Monobloc - Ein Stuhl für die Welt" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein bei Basel läuft noch bis 9. Juli.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
suplesse 05.04.2017
1. Er mag genial sein!
Weil er die ganze Welt erobert hat. Aber das spricht nicht für die Welt und auch nich für den Stuhl. Er ist häßlich und nicht sonderlich standfest. Wenn man sich sitzend auf ihm bewegt, windet er sich in alle Richtungen. Bei Leuten ab 90 kg. Dann ist er nicht reparabel. Für mich ist und bleibt es der Antistuhl. Kultfaktor gleich null. Bequemlickeit gleich null. Haltbarkeit eher begrenzt. Kann man mir schenken, der kommt mir nicht in den Garten. Andere haben bewisen, dass man Kunstoff in eine Form giessen kann und es kommt ein funktionaler, stabiler Plastikstuhl dabei raus, der sowohl stapelbar, als auch stabil und schön ist. Von mir aus kann im Vitra Museum dieser Stuhl auch ausgestellt werden. Gibt so viele Ausstellungen die mich nicht beeindrucken, diese erst recht. Doch die Austellungsmacher tun sich keinen Gefallen, wenn sie dieses Unding auch noch feiern.
issesdas 05.04.2017
2. Schade eigentlich...
Die Schwäche dieses Stuhles ist nicht die mangelnde Schönheit (worüber sich eh treflich streiten lässt), oder schlechter Sitzkomfort, da punktet er sogar, der Mangel liegt im Unwillen der Produzenten, erkannte Schwachpunkte der Konstruktion im Laufe der Produktion durch entsprechend geänderte Gussformen zu beheben. Hersteller hochwertigerer Produkte wie KfZ oder auch Flugzeuge machen das ganz selbstverständlich kontinuierlich. Der Monobloc aber bricht und reisst immer wieder an den exakt gleichen Stellen, auch bei artgerechter Nutzung. Und dann ist eine Reparatur praktisch unmöglich und man hat sofort einen Haufen Sondemüll.
meister_proper 05.04.2017
3. Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert :-D
Also in diesem Fall natürlich von Frau Zhi und SPON. Man kann noch im letzten Alltagsgegenstand etwas künstlerisches sehen wenn man will. Aber vielleicht liegt es auch an der allgemeinen Überbewertung von Design. Da jeder Gegenstand irgendeine Form hat ist irgendwie alles auch Design. Ich finde da passt der Spruch von Bruno Labbadia wie die Faust aufs Auge ;-)
mielforte 05.04.2017
4. Das Design bestimmt das Bewußtsein
oder so ähnlich. Diese Stühle, die der Automat ausspuckt, verströmen gewollt oder ungewollt eine soziale Diagnose für den, der drauf sitzt. Natürlich nicht immer und einem Tourist ist es sicher egal. Das wird nur dann umso deutlicher, wenn man feststellt, wo diese "Offenbarungen neueren Industriedesigns" stehen.
bernhard.geisser 05.04.2017
5.
Wirklich rund um die Welt hat es vor allem ein Typ Monobloc geschafft: der senkrecht stapelbare Monobloc mit Rücken- und Armlehne. Das ist der wahre Monobloc. Weiters verfügen die beliebtesten Monobloc-Modelle über die Eigenschaft, dass Regenwasser keine Pfützen auf dem Stuhl bildet sowie einen guten, blutalkoholwertunabhängigen Sitzkomfort.
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