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Ein Jahr lang Konsumverzicht: Was braucht der Mensch zum Leben?

Ein Interview von

Das gesamte Hab und Gut in einem Container wegschließen und ein Jahr lang jeden Tag nur ein Ding zurückholen. Ein Finne hat dieses Experiment gewagt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Luukkainen, für Ihren Film "My Stuff" haben Sie Ihren gesamten Besitz in einen Lagerraum gepackt und nur nach und nach zurückgeholt. Wieso dieses extreme Experiment?

Luukkainen: Ich kam nach einem Wochenende bei meinen Eltern zurück in meine Wohnung. Und dachte: Überall dieses Zeug! Mann, warum habe ich so viel Kram!

SPIEGEL ONLINE: Aha, also kein skandinavischer Minimalismus.

Luukkainen: Nein, eher messy. Ich überlegte sogar schon, mir eine größere Wohnung zu suchen. Da erinnerte ich mich an die Lagerräume bei mir um die Ecke, die man mieten kann. Und entschied: Ich packe da alles rein, damit ich wieder Raum zum Denken habe. Um mich neu zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Liebeskummer.

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Selbsterfahrungsdoku "My Stuff": Ein Jahr lang Konsumverzicht
Luukkainen: Ich war nicht am glücklichsten Punkt meines Lebens. Ich war einsam, Single. Und bereit für eine Veränderung. Ich hätte auch einfach ein Jahr nach Asien reisen können. Mein Leben ging nirgendwo hin, es war einfach wie immer. Und ich kaufte immer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Dinge, um die Leere in sich zu füllen - klingt ein bisschen pathetisch.

Luukkainen: Alles, was mit unserer Konsumkultur zu tun hat, klingt pathetisch, wenn man es laut ausspricht. Hätte ich die Weisheit und Stärke gehabt, ehrlich zu mir zu sein, hätte ich mir gesagt: Du bist einfach ein einsamer Single, der ein bisschen Liebe braucht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie Ihren Kram nicht verkauft oder ausgemistet?

Luukkainen: Ich konnte mich nicht entscheiden, was wegkonnte. Ich war mir nicht sicher, was ich überhaupt brauche. Darum musste es erst mal woanders hin. Meine Sachen waren wie ein Spiegel: Wenn ich aufwachte, sah ich diese Dinge, die mir sagten, wer ich war. Am Ende hatte ich zu viel von allem. Also startete ich bei null. Mein Plan: Wenn ich ein Ding nach dem anderen zurückhole, habe ich am Ende nur Sachen um mich, die mein Leben erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Null heißt auch: Man sieht Sie im Film anfangs splitterfasernackt durchs verschneite Helsinki rennen. Wieso holten Sie sich nicht zuerst eine Unterhose aus dem Stauraum?

Luukkainen: Naja, es war affenkalt in meiner Wohnung, draußen hatte es minus 30 Grad. Also griff ich mir erst mal eine Decke. Die ersten Tage schlief ich auf dem nackten Boden, eine Form von Urban-Survival-Training. Und natürlich war klar: Diese Nacktszenen sind witzig, das kommt gut im Film.

SPIEGEL ONLINE: Filme und Bücher über Selbstexperimente sind ein eigenes Genre geworden, "Supersize Me" von Morgan Spurlock etwa. Was ist daran so verlockend?

Luukkainen: Es passt zu unserer Zeit. Wir haben so viel Auswahl, ein Handlungsrahmen hilft, um fokussiert zu bleiben. Dank der Regeln muss ich nicht jeden Tag alles neu hinterfragen. Ich habe mir auch schon einen Flugstreik verordnet, habe mich vegetarisch ernährt, einen Monat nichts gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, mit dieser Konsumhaltung passen Sie in eine bestimmte Generation?

Luukkainen: Bestimmt. Wir müssen nicht sparen, um etwas zu kaufen, wir haben eine Kreditkarte. Aber ich habe meine Sachen nicht wertgeschätzt. Heute denke ich, man ist für jedes einzelne Ding verantwortlich, man muss sich darum kümmern, es putzen, reparieren. Das kostet viel Energie. Ich bin nicht stolz darauf, dass mein größtes Problem war, zu viel zu haben.

SPIEGEL ONLINE: 365 Dinge hatten Sie am Ende jenes Jahres. Wie viele haben Sie heute?

Luukkainen: Danach dachte ich nur: Ich werde nie wieder meine Dinge zählen. Die Zeit war nicht nur befreiend, nix von wegen: Oh, ich lebe diesen herrlich minimalistischen Lifestyle ohne Konsum. Ich musste nonstop planen: Was soll ich morgen holen, das oder doch lieber das? Soll ich erst den Teller nehmen oder doch den Löffel? 40 Dinge braucht es allein, um eine funktionierende Küche zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Ein Luxusproblem. Was brauchen wir denn wirklich?

Luukkainen: Das ist bei jedem anders. Heute denke ich, wenn man etwas zwei Jahre lang nicht angerührt hat, oder sagen wir drei, muss man gut überlegen, in welcher Situation der Gegenstand nötig wäre. Wir nutzen bestimmt 90 Prozent von dem, was wir in der Wohnung haben, nie. Ja, ich weiß, es gibt auch eine ästhetische Seite, aber warum sollte ich mein Zuhause mit Dingen vollstellen, die ich nicht brauche? Die Frage nach meinen Top-5-Dingen kann ich nicht beantworten. Viele erzählen dann sofort von Sachen, zu denen sie eine enge Verbindung haben, Kinderfotos etwa.

SPIEGEL ONLINE: Nur wärmen die nachts so schlecht.

Luukkainen: Aber meine Kindheitsfotos sind wirklich das Einzige, das einen emotionalen Wert behielt. Beim Rest verdunstete der in diesem einen Jahr. Wie bei Freunden, die man jahrelang nicht sieht. Meine These: Wenn wir in unseren Wohnungen sind, mit Bergen von Kram in Schränken und Regalen, hält nur der visuelle Kontakt die emotionale Verbundenheit aufrecht.

SPIEGEL ONLINE: Sie können uns doch nicht erzählen, dass Sie an nichts hängen!

Luukkainen: Ich kapiere das Prinzip, nur fühle ich es nicht mehr. Natürlich besitze ich ein paar Gegenstände mit emotionalem Wert. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich meine Großmutter, Kindheitserinnerungen - und frage mich: Brauche ich die physischen Dinge eigentlich? Oder würde ein Foto davon reichen? Oder einfach mein Film, der sie dokumentiert? Wie denke ich in 30 Jahren darüber? Würde ich sauer werden, weil ich alles weggeworfen habe? Ich bin da noch zu keinem Schluss gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was dachten Sie denn vor dem Experiment, was unverzichtbar wäre?

Luukkainen: Ich dachte, meine 5000 Vinylplatten würde ich am ehesten vermissen. Dann fragte ich mich: Brauche ich die Platten wirklich, um Musik zu lieben? Natürlich nicht! Heute höre ich Musik digital, gehe oft auf Konzerte. Ich habe Freunde, die immer noch riesige Sammlungen haben, sie sind ihnen heilig. Meinem Freund Martti würde das Herz brechen, wenn seine Platten verbrennen würden.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie, andere zu überreden, ihre Einstellung zu ändern?

Luukkainen: Nein, ich respektiere, dass es für sie wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie momentan eigentlich Lagerraum gemietet?

Luukkainen: Das bleibt mein Geheimnis. Aber im Prinzip lebe ich gerade wieder so wie damals. Ich verbringe viel Zeit in Hotels auf der ganzen Welt, weil der Film auf so vielen Festivals läuft. Mit einer kleinen Tasche, mit den wenigen Dingen, die ich wirklich brauche. Und wenn ich heimkomme, merke ich: Ich hatte all meine Sachen jetzt lange nicht um mich, aber war trotzdem Ich. Ich bin heute immun gegen Dinge.

Video

My Stuff

Finnland 2013

Originaltitel: Tavarataivas

Genre: Dokumentarfilm

Buch und Regie: Petri Luukkainen

Darsteller: Petri Luukkainen, Helena Saarinen, Juho Luukkainen, Eero Löyttyjärvi

Produktion: Unifilm, Tuotantoyhtiö Eläväkuva

Verleih: Rise and Shine Cinema

Länge: 80 Minuten

Start: 5. März 2015

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Konsumverhalten
theoneandonly 05.03.2015
Sein eigenes sollte jeder mal hinterfragen, aber braucht es dazu wirklich einen Film? Ist das nicht auch wieder Konsum und am Ende lernt man nichts, was man nicht auch durch etwas nachdenken schon vorher wissen konnte - s. Supersize me.
2.
richardheinen 05.03.2015
Tut mir leid, ich finde so etwas albern.
3.
kjartan75 05.03.2015
Zitat von theoneandonlySein eigenes sollte jeder mal hinterfragen, aber braucht es dazu wirklich einen Film? Ist das nicht auch wieder Konsum und am Ende lernt man nichts, was man nicht auch durch etwas nachdenken schon vorher wissen konnte - s. Supersize me.
So einen Film würde ich gar nicht so sehr als Konsum ansehen, sondern zu sehen, welche Erfahrungen jemand sammelt, wie es ihm dabei geht und so. Wenn wir uns mit Erfahrungen anderer auseinandersetzen, ist das Konsum oder nicht? Das ist eine philosophische Frage.
4.
Petersbächel 05.03.2015
"Immun gegen Dinge" - ein schöner Ausdruck. Tatsächlich haben wir ein Problem, zu unterscheiden, was wir brauchen. Dieses Problem war ja früher auch nicht nötig - da gabs nicht so viel - man konnte es sich nicht leisten und und und. Erbenbedingt sitze ich auf gefühlten 8 Bohrmaschinen, 12 Massivholzschränken und 12 Fahrrädern - man kann sich wohl den Rest nach 3 Haushaltsauflösungen denken. Ich brauche garnix davon. Ich komme nur nicht damit zurecht, daß ich ne funktionierende Markenbohrmaschine im gleichen Moment wegwerfe, in dem sich zig Leute teuer im Baumarkt das gleiche in Schrott kaufen. Also verschenke ich das Zeux. Das ist eines der schwierigsten Vorhaben, die ich je angefangen habe. Niemand will mehr irgendwas, hat selbst zuviel und jedem gehts genauso.
5. Minimalismus
sotomajor 05.03.2015
Das letzte Hemd hat keine Taschen und nichts bleibt ausser Asche übrig. Diese Weisheiten sollten allen "Gierhälsen" dieser Welt immer in ihr Gedächtnis gerufen werden, die nie genug bekommen vom Geld und vom Plunder. Wo kommt all das Übel her, nur vom Geld und vom Hab und Gut. Einzig diese Worte sind es schon die den Fehler aufzeigen, wer hat ist gut und wer nichts hat ein "Habenichts" ! Dabei besagen alle Religionen dieser Welt die Bescheidenheit und einen Minimalismus.
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