Beruf Parfümeur Der Herr der Düfte

In "Das Parfum" mordete sich Jean-Baptiste Grenouille durch die Parfümstadt Grasse. Nach exquisiten Düften sucht dort auch Didier Gaglewski, ganz legal natürlich. Ein gutes Parfüm ist für ihn eines, das eine Geschichte erzählt.

Von Annick Eimer

Annick Eimer

Um zu der Rue de l'Oratoire zu gelangen, muss man von der Hauptstraße von Grasse erst ein paar Stufen hinabsteigen und sich dann um zwei Hausecken schlängeln. Ein Auto würde durch die kleine Gasse kaum passen. Unzählige Füße sind über Jahrhunderte hinweg durch die enge mittelalterliche Einkaufsstraße gelaufen und haben das Pflaster aus Sandstein so glatt geschliffen, dass es glänzt.

Hier, in einem kleinen Ladenlokal hat Didier Gaglewski sein Geschäft. Gaglewski ist schmal gebaut und redet leise. Sein Laden ist karg eingerichtet. Nur ein Empire-Schreibtisch, ein altes Buffet und ein großer Tisch zieren den kleinen Raum. Gaglewski ist von Beruf das, was die Franzosen "le nez", "die Nase", nennen, zu Deutsch Parfümeur.

Bei den großen Parfümherstellern wie Dior oder Chanel genießen die Nasen das gleiche Ansehen wie die Chefdesigner. Doch Gaglewski zählt eher zu den ganz Kleinen seiner Branche. Zehn Düfte, die in eckige Flakons abgefüllt auf dem großen Tisch in der Mitte des Raums stehen, sind in den acht Jahren, in denen er nun freiberuflich arbeitet, entstanden. "Ein Parfüm zu kreieren, das braucht seine Zeit. Meistens ein paar Monate", sagt er.

"Die meisten Parfümeure kreieren keine Parfüms"

Gelernt hat er sein Metier in der Parfümeur-Schule in Grasse, bekannt aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Fast alle Nasen kommen von dort, denn von dieser Art Schule gibt es nur zwei in Europa; die in Grasse und eine kleinere in der Nähe von Paris. Im Anschluss an seine Ausbildung arbeitete er, wie viele andere seiner Kollegen, in einer der großen Geruchsfabriken, die es zuhauf in der Ebene unterhalb der Innenstadt gibt.

"Die meisten Parfümeure kreieren keine Parfüms", sagt Gaglewski. "Es gibt vieles, dem wir einen Geruch geben." So entwarf er Gerüche für Wasch- und Spülmittel, Bodylotions und auch für Lebensmittel. Auch heute noch verleiht er manchmal seine Nase für Auftragsarbeiten aus der Industrie.

"Das war sehr lehrreich, aber irgendwann wollte ich mein eigenes Parfüm machen", sagt Gaglewski. Viel Material brauchte er für den Start in die Selbstständigkeit nicht nicht: Einen Arbeitsplatz, Pipetten, kleine Glasflaschen. Teuerste Anschaffung war eine Präzisionswaage, mit der man die Zutaten bis auf ein Tausendstel Gramm genau wiegen kann.

Rund 300 verschiedene Grunddüfte gibt es, zehn bis 20 davon kommen in ein Parfüm. Die Grunddüfte liefert der Großhändler. Gewonnen werden sie im Wesentlichen über zwei Methoden: Bei der Extraktion werden die Blütenblätter in Fett erhitzt und geben so ihre ätherischen Öle ab. Bei der Destillation werden die Blütenblätter in Wasser erhitzt und der entstehende Dampf in einen Kühler geleitet. In dem so gewonnenen Kondensat schwimmen die leichten Duftstoffe auf dem Wasser und können dort abgefischt werden.

Ein Duft für Damen mit Pelzkragen und Goldschmuck

Gaglewski versucht sich aber auch immer mal wieder an alten Methoden, die heute nicht mehr angewandt werden. Er experimentierte zum Beispiel mit der sogenannten Enfleurage à froid, einer Methode, die auch Süskinds Jean-Baptiste Grenouille verwendet, um den Geruch seiner Mordopfer einzufangen. Bei dieser Methode werden die Blütenblätter auf eine dicke Schicht kaltes Fett gelegt. Die Blätter werden jeden Tag ausgetauscht, so lange bis der Duft sich in der Fettschicht abgelagert hat. Gaglewski schwärmt von der Methode, die leider aufwendig und teuer ist: "Man holt noch ganz andere Duftnoten aus den Blüten."

"Am Anfang von jedem Parfüm steht eine Idee", sagt Gaglewski. So hatte er sich einmal vorgenommen, ein Parfüm zu kreieren, das nur nach Zimt und Zedernholz duftet. Das sei sehr schwierig, so Gaglewski. Beide einfach zu mischen, würde einen fürchterlichen Gestank geben. Zwölf weitere Düfte sorgen dafür, dass das Parfüm gut riecht, aber trotzdem ein bisschen scharf nach Zimt und ein bisschen würzig nach Zedernholz duftet.

Manchmal kommt die Inspiration auch durch seine Kundschaft: "Ich brauchte ein Parfüm, das zu echten Damen passt. Solche mit Pelzkragen und Goldschmuck." Herausgekommen ist ein Parfüm, das den Namen "Mystère d'Orient" trägt und irgendwie an den Orientexpress, Champagner und schwere Samtvorhänge erinnert.

Für die Asiatinnen, die im Sommer zuhauf nach Grasse pilgern, hat er auch ein Parfüm gemacht. Das duftet ganz zart. Ein bisschen nach Maiglöckchen, ein bisschen nach Jasmin. "Es sollte ganz leicht sein. Die meisten Parfüms sind für Asiatinnen zu schwer."

"Immer mehr Menschen wollen keinen Mainstream-Geruch"

"Ein Duft muss zu dem Menschen passen, der ihn trägt", sagt Gaglewski. Und ein gutes Parfüm müsse eine Geschichte erzählen. "Wenn man es aufsprüht, ist es eine Geruchsexplosion. Der Geruch wird im Laufe eines Tages nicht einfach weniger. Die einzelnen Komponenten verflüchtigen sich unterschiedlich schnell. Deswegen riecht es immer anders. Das ist wie bei einer Geschichte - auch ein gutes Parfüm muss bis zum Ende stimmig sein."

Reich wird Gaglewski mit seinen Düften noch nicht. Aber es genügt zum Leben, und der Markt wächst. Als er anfing, habe es nur ein paar Dutzend Parfümeure gegeben, die wie er ihre eigenen Düfte entwarfen. Heute seien es ein paar Hundert. "Es gibt immer mehr Menschen, die keinen Mainstream-Geruch mehr tragen wollen", erklärt Gaglewski diese Entwicklung.

Und irgendwann wird Gaglewski sich dann an das Entwerfen einer Duftreihe wagen: Er möchte Jahrgangsparfüms machen, also solche, in denen nur der Duft der Blüten einer Saison verwendet wird. Er ist zuversichtlich, dass das Experiment glücken wird: "Ein Wein schmeckt jedes Jahr anders. Warum sollten Blüten nicht auch von Jahr zu Jahr anders riechen?"

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
sunrise560 01.01.2015
1.
Wir haben vor ca. 2 Jahren zufällig das Geschäft von Herrn Gaglewski in Grasse entdeckt. Ein unvergessener Besuch. Schön, von ihm zu lesen.
Shelly 01.01.2015
2. Von jemand, der meint, eine
sei nur eine Dame mit Pelz(!)kragen und Goldschmuck, will ich vielleicht gar keinen Duft.
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