Stil-Klassiker: Modedesigner Paul Smith "Meine Karriere war ein Unfall"

Sir Paul Smith ist einer der erfolgreichsten Modedesigner weltweit - und der untypischste Vertreter seiner Branche. Ein Gespräch über Zufälle, stinkende Hunde und die große Liebe.

Horst A. Friedrichs

Von , London


Der erste Eindruck: Chaos. Im Büro von Paul Smith im Londoner Stadtteil Covent Garden stapeln sich Bücher, Fahrräder, Gießkannen, Stöcke, Fotos, Modellautos, Plastikeier. Gerade kam eine Box mit 200 gebrauchten Handys aus Italien an. "Die Leute wissen, dass Paul Smith Sachen mag", sagt der Designer. Er habe zwar keine Ahnung, was er mit den Handys anfangen werde, aber wegschmeißen komme nicht infrage. "Jemand hat sich schließlich die Mühe gemacht, sie mir zu schicken."

Smith hortet die Geschenke auch, weil sie ihm bei der Arbeit helfen. Er müsse gar nicht aktiv nach neuen Ideen suchen, sagt er. "Die Inspirationen kommen zu mir."

Smith gilt als klassischer Gentleman. Er mag das Image. "Viele junge Menschen denken, es sei nicht mehr cool, gute Manieren zu haben", sagt Smith. "Dabei bin ich der beste Beweis, dass beides geht."


SPIEGEL ONLINE: Mit Verlaub, Sie sind der untypischste Designer, den man sich vorstellen kann.

Smith: Finden Sie?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere ist eine Aneinanderreihung von Zufällen. Nehmen wir bloß den Anfang: Dass Sie zur Mode gekommen sind, liegt an einem Unfall.

Smith: Stimmt. Ich wollte eigentlich Rennradfahrer werden. Aber als ich 17 war, bin ich mit einem Auto zusammengekracht und lag anschließend drei Monate im Krankenhaus. Mein Oberschenkelknochen war gebrochen, das Knie, das Schlüsselbein, die Rippen, die Nase, mehrere Finger. Der Unfall war ein Wendepunkt in meinem Leben. Zuvor bin ich pro Woche rund 560 Kilometer geradelt. Und nun lag ich in diesem Bett und konnte nur noch daliegen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Frust und Langeweile.

Zur Person
  • Horst A. Friedrichs
    Sir Paul Smith, Jahrgang 1946, ist der bekannteste britische Modedesigner. Seine Karriere begann er 1970 in einem fensterlosen, neun Quadratmeter kleinen Raum in Nottingham, in dem er auch selbst kreierte Männermode verkaufte - Smith trug damals bunte Samtanzüge, Hemden mit Blumenmuster und schulterlange Haare. Heute entwirft er unter anderem Kleidung für Männer, Frauen und Kinder sowie Schuhe, Teppiche und Accessoires, das Motto der Firma lautet "Classic with a twist".

    Die Paul Smith Group betreibt knapp 37 eigene Läden und wird an fast 2000 Standorten in 71 Ländern verkauft. In Japan gilt Smith als Superstar, die japanische Firma Itochu hält 40 Prozent am Unternehmen. Im Geschäftsjahr 2013 lag der Umsatz bei rund 202 Millionen Pfund, der Gewinn bei rund 18 Millionen Pfund. Smith wurde 2000 zum Ritter geschlagen, am selben Tag heiratete er seine Jugendliebe Pauline.

Smith: Es war nicht leicht. Während meiner Zeit im Krankenhaus sind 16 Menschen auf der Station gestorben. Aber ich war schon immer mit einer großen Lebensfreude gesegnet. Außerdem kann ich Menschen zum Lachen bringen. Beides hat mir sehr geholfen. Zwei meiner Bettnachbarn sind zufällig zur gleichen Zeit wie ich entlassen worden, und sie haben mich mit in einen Pub geschleppt, in dem sich Kunststudenten trafen. Dort wurde über Warhol geredet, über Pop-Art und Kandinsky. Alles Sachen, von denen ich zuvor nie gehört hatte. Ich habe diese Welt der Kreativen durch Zufall kennengelernt, aber ich wusste schnell: Da will ich rein.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie trotzdem nie studiert?

Smith: Ich habe mit 15 die Schule verlassen und seitdem immer gearbeitet. Ich wollte nicht studieren, ich wollte verdienen. Die Studenten im Pub hatten nie Geld, ich war derjenige, der Runden spendierte. Dass es dann die Mode wurde, habe ich allein Pauline zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer heutigen Ehefrau. Die Geschichte von Paul und Pauline - noch so ein Zufall, oder?

Smith: Und was für ein glücklicher. Ich wollte damals einen Hund haben, einen Afghanen, die sind mir so ähnlich mit ihrer Energie, der großen Nase, den langen Haaren und dürren Beinen. Ein Freund kannte da eine Frau aus London, die zwei Afghanen hatte und die regelmäßig in meiner Heimatstadt Nottingham zu Besuch war. Es gab ein erstes Treffen, und wenige Wochen später kam sie zu meiner Geburtstagfeier. Pauline war damals 26, verheiratet und hatte zwei Kinder, fünf und acht Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie waren der 21-Jährige, der noch bei seinen Eltern wohnte,…

Smith: …zwölf Pfund die Woche verdiente, kindisch war, mit Jimmy Page und Eric Clapton rumhing und noch nie eine richtige Freundin hatte. Und plötzlich gab es da Pauline, die schöne Lady aus London. Sie können sich vorstellen, wie geschockt ich war, als sie mich geküsst hat. Positiv geschockt.

SPIEGEL ONLINE: Und Paulines erster Ehemann?

Smith: Natürlich gab es das schlechte Gewissen. Aber Pauline war mit 18 Mutter geworden und hatte den Jungen von nebenan geheiratet, das war eher den Umständen geschuldet. Sie und ich, wir sind jetzt seit 1967 zusammen, und glücklicherweise geht es uns allen gut, auch ihr erster Mann hat wieder geheiratet. Pauline ist der Grund, das ich heute hier sitze. Eine starke Frau, meine Inspiration. Meine Lehrerin.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Lehrerin?

Smith: Pauline war die jüngste Studentin, die es an die Londoner Kunstuniversität Royal College of Art geschafft hat. Alles, was ich über das Entwerfen und Schneidern von Kleidung weiß, hat Pauline mir beigebracht. Drei Jahre nach unserem Kennenlernen haben wir unser Erspartes genommen, 600 Pfund, und in Nottingham einen winzigen Laden aufgemacht. Der eigentliche Chef war Homer, unser Hund. Kam jemand in den Laden, hörte man immer erst "Hi Homer", und dann: "Oh, hi Paul". Homer stank ganz fürchterlich. Pauline hat mir am Eröffnungstag Parfüm geschenkt. Ich dachte, es sei für mich, es war aber für den Raum gedacht - und bitter nötig. Der Laden war mein Traum, wir hatten freitags und samstags geöffnet. Den Rest der Woche musste ich mit Nebenjobs Geld verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Heute gelten sie in der Riege der Spitzendesigner als Ausnahme: Sie sind kein Exzentriker wie John Galliano, kein Lästermaul wie Karl Lagerfeld. Sie sind der schrecklich nette Sir Smith.

Smith: Ich bin okay als Geschäftsmann und als Designer, aber ich steche in beiden Bereichen nicht heraus. Eine Ausnahme bin ich nur im Folgenden: Ich habe nie eine klassische Ausbildung absolviert. Die Firma ist in Privatbesitz, ich habe keine Schulden und mir nie Geld geliehen. Ich betreibe mein Unternehmen sehr altmodisch. Und ja, womöglich mag ich es, gemocht zu werden. Konfrontationen gehe ich aus dem Weg.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 68 Jahre alt. Noch nie ans Aufhören gedacht?

Smith: Ich bin glücklich, ich bin gesund. Also mal abwarten und schauen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Markenzeichen sind die Streifen in 14 unterschiedlichen Farben. Auch die waren eher ein Zufall.

Smith: Erst waren es 28, aber das war in der Produktion zu teuer. Und die 14, die es dann wurden, wollte ich Anfang der Neunzigerjahre eigentlich nur eine Saison verwenden. Aber dann haben immer mehr Kunden nachgefragt, wo die Streifen in der neuen Kollektion bleiben. Und ein Vierteljahrhundert später sind sie immer noch da.

SPIEGEL ONLINE: Was ist wichtiger: Sein Leben zu planen oder darauf zu vertrauen, dass es der Zufall richten wird?

Smith: Die Balance ist wichtig. Das gilt für den Beruf und für das Private. Meine Karriere war nicht geplant, sie war ein Unfall. Und mein Leben mit Pauline funktioniert seit 47 Jahren, weil ich zuhöre und rede, weil ich mich interessiere und interessant bleibe, weil ich weiß, wann ich mich zurückhalten und wann ich handeln muss. Du kannst dein Leben nicht planen. Aber du solltest versuchen, es zu verstehen.

insgesamt 7 Beiträge
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derrabauke 24.10.2014
1. Paul Smith...
...ist einfach der allergeilste! Britisches Understatement in perfekter Vollendung!
ambesten 24.10.2014
2. der anti-Lagerfeld
was für ein Glück, dass es auch Designer gibt, die noch bodenhaftumg haben
tijo 24.10.2014
3. Heute schon gelacht?
Garantiert beim Lesen des Artikels. 'Ich mag es, gemocht zu werden.' Das gefällt mir. Und seine Ansicht, dass man sein Leben nicht Planen, aber verstehen kann auch. Feiner Kerl :)
BrunoGlas 24.10.2014
4. Ordnung ist das was man vom Chaos her kennt....
Ordnung ist das was man vom Chaos her kennt.... Eigentlich kenne ich viele solcher Künstler, die vor ihrer Nase herumliegenden Dinge ständig verschieben, ihre Stofflichkeit verändern, und daraus Neues machen. Dieses Prinzip des spielerischen Trial & Error war früher auch in der Wissenschaft zuhause, nur heute ist es in der Entwicklung von Verfahren und von Produkten und im normalen Wirtschaftsleben zumindest offiziell verpönt. Dieser Zwang zum methodischen Denken und Handeln nach vorgefertigten Ordnungsprinzipien entspricht aber ausschließlich der Leistung der linken Gehirnhälfte. Große Leistungen können aber auf Dauer nie ohne die nötige Portion an Empathie erbracht werden. Bei Paul Smith scheint es so gewesen zu sein, dass er alle Zufälle völlig spielerisch und homogen in das Strickmuster seines Lebens eingebaut hatte, ohne dass ihn irgend etwas hätte irritieren oder aus der Bahn werfen können. Mit dieser Frische wird er wahrscheinlich dann noch bis zum St. Nimmerleinstag arbeiten, hoffen wir aber, dass ihm seine Pauline noch möglichst lange erhalten bleibt.
Newspeak 24.10.2014
5. ...
Es ist bezaubernd, daß es noch solche Menschen gibt und traurig, daß es so wenige sind.
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