Pirelli-Kalender 2018 Alice im schwarzen Wunderland

Der neue Pirelli-Kalender ist eine Hommage an schwarze Menschen. Tim Walker hat Naomi Campbell, Whoopi Goldberg und weitere Prominente in einer trippigen Variante von "Alice im Wunderland" fotografiert.

DPA/ Pirelli

Der Schluck aus dem kleinen Fläschchen hat Duckie Thot umgehauen. Den Fächer, den sie für das weiße Kaninchen suchen sollte, noch in der Hand, liegt sie auf dem Rücken am Boden im Haus von "W. Kaninchen". Ihr Blick ist weggetreten, das Zimmer scheint bereits zu schrumpfen, die Beine des Models stoßen an die Decke. Diese frühe Szene aus "Alice im Wunderland" ist Tim Walkers Lieblingsbild im neuen Pirelli-Kalender, der als einer der wichtigsten Gradmesser anspruchsvoller Fotografie gilt. Mit dem Thema hat Walker sich Großes vorgenommen.

"Als Fotograf konnte ich Alice nicht noch einmal erzählen, wie ich sie schon eine Million Mal gesehen habe", sagt Walker. Warum, so habe er sich gedacht, kann Alice nicht auch schwarz sein? Nun beginnt die Erzählung mit Thot, jenem südsudanisch-australischen, gerade einmal 22 Jahre alten Model, das Walker als "unfassbar anmutig" beschreibt. Mit dem neuen Kalender hat Pirelli auch in diesem Jahr wieder eine politische Botschaft im Programm: Alle Models sind schwarz.

Ganz ohne Sex geht es aber auch im neuen Pirelli nicht. Thot ist auf dem Foto das Röckchen hochgerutscht, ihre Unterhose blitzt hervor. Im Gegensatz zu Ausgaben von vor einigen Jahren hat sich das Konzept aber ziemlich geändert. Pirelli will sein wichtigste PR-Projekt vom sexistischen Image befreien. Deshalb gibt es 2018 vergleichsweise wenig nackte Haut zu sehen.

Neben Thot besteht die Teegesellschaft aus den beiden US-Models Slick Woods (verrückter Hutmacher) und Sasha Lane (Märzhase) sowie Oscar-Preisträgerin Lupita N'yongo (Frau Maus). Die Rolle der Herzkönigin übernimmt die Drag Queen RuPaul, Sean "Diddy" Combs und Naomi Campbell sind ihre Henker. "Blood Diamond"-Darsteller Djimon Hounsou ist der Herzkönig, Whoopi Goldberg die Herzogin. Als Spielkarten wurden King Owusu, Alpha Dia und Wilson Oryema fotografiert. Die einzige "weiße" Person auf den 28 Bildern ist das südafrikanische Albino-Model Thando Hopa.

Fotostrecke

19  Bilder
Im Kaninchenbau: Naomi, Diddy und Whoopi

Das Wunderland für das dreitägige Fotoshooting kreierte die Set-Designerin Shona Heath, mit der Tim Walker schon früher zusammengearbeitet hat. Die Kostüme stammen von Edward Enninful, der als neuer Chefredakteur der britischen "Vogue" vergangenen Dienstag seine erste Ausgabe vorlegte. Covermodel ist das ghanaische Model Adwoa Aboah, die im neuen Pirelli-Kalender den Tweeledee spielt. Enninful tritt mit dem Versprechen an, sich über sein mächtiges Sprachrohr für mehr Vielfalt in der Mode- und Schönheitsindustrie einzusetzen.

Ein überfälliger Schritt, an dem in den Augen von Naomi Campbell nichts mehr vorbeiführt. "Momentan ist es der Welt unmöglich, die Vielfalt zu leugnen, denn Hip-Hop ist die führende Musik unserer Kultur und nicht mehr Rock'n'Roll. Sie wird dir unter die Nase gerieben, wo auch immer du bist", sagte sie bei der Vorstellung des Kalenders in New York. Für Galionsfigur Campbell - die es als erste schwarze Frau auf die Titelseite der französischen "Vogue" schaffte - ist die Modebranche auf einem guten Weg, für Kosmetikwerbung gebe es jedoch nach wie vor häufig nur Quoten-Mädchen anderer Hautfarbe.

Auch Fotograf Walker findet aber, dass Schwarze in Mode und Fotografie noch zu wenig Raum bekommen. "Wir konzentrieren uns in der Modeindustrie zu sehr auf weiße Models", sagte Walker. Er, der in jungen Jahren Richard Avedon für dessen Pirelli-Shooting assistierte, will mit seinem Kalender nun zumindest einen "sehr kleinen Satz in einer sehr langen Unterhaltung" beigetragen haben.

"Viele Menschen wollen, dass jemand wie ich dort auftaucht"

Der von Walker fotografierte ist nicht der erste Pirelli-Kalender, der ausschließlich mit schwarzen Protagonisten gestaltet wurde. Vor dreißig Jahren hatte es schon einmal eine "All-black"-Ausgabe gegeben. 1987 war Naomi Campbell ebenfalls mit dabei, damals handelte es sich allerdings vor allem um einen gut fotografierten Erotikkalender als Werbegeschenk eines italienischen Reifenherstellers. Spätestens seit der Annie-Leibovitz-Ausgabe mit Molligen, Alten und Angezogenen vor zwei Jahren ist der berühmteste Kalender der Welt auch Werbung für gesellschaftliche Veränderung.

"Wenn man an den Pirelli-Kalender denkt, bin ich nicht das Gesicht, das einem in den Sinn kommt, das weiß ich", sagt Schauspielerin Whoopi Goldberg in einem Kurzfilm zum Kalender. "Aber ich weiß auch, dass viele Menschen wollen, dass jemand wie ich dort auftaucht - und hier bin ich."

löw/dpa



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