Foto-Projekt Grüße aus der Besenkammer

Man kann mit einem Besen fegen. Muss man aber nicht. Der Fotograf Yan Kallen inszeniert die unterschiedlichsten Feger im Studio und erhebt sie in der Bildreihe "Rhythm of Nature" zum Bindeglied zwischen Mensch und Natur.

Ein Interview von

Yan Kallen

Warm, reduziert, mit gekonnten Helldunkel-Effekten: Das Farbspiel der Porträts erinnert an Rembrandt. Doch Yan Kallens Modelle sind weder Küchenmägde noch Adlige. Es sind nicht einmal Menschen. Yan fotografiert Besen.

Seit zwei Jahren reist der Fotograf um die Welt, um einzigartige Objekte zu sammeln, die er in seinem Studio in Hongkong in Szene setzen kann. Das Ergebnis: "Rhythm of Nature", eine Bildreihe, die trockenen Zweigen ein Stück ihrer belebten Vergangenheit zurückgeben soll. Im Interview erzählt der Fotograf, wo man heutzutage noch handgemachte Besen findet, was die gebundenen Zweige über unsere Gesellschaft verraten und wie es aussieht, wenn ein komplettes Studio zur Besenkammer wird.

Zur Person
  • Yan Kallen
    Yan Kallen, Jahrgang 1981, hat in London und New York Kunst und Design studiert. Heute lebt und arbeitet er in seiner Geburtstadt Hongkong. In seinen Projekten setzt der Fotograf immer wieder Vergängliches in den Fokus und ergründet das Verhältnis zwischem dem Menschen und seiner Umwelt.
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns direkt einmal klären: Staubsaugen oder fegen Sie zu Hause?

Yan Kallen: (lacht) Tatsächlich staubsauge ich. Ich habe eine Katze, da braucht es schon einen Staubsauger. Aber ich habe einen kleinen Besen, um meinen Tisch zu reinigen.

SPIEGEL ONLINE: Hat der es auch in Ihr Fotoprojekt geschafft?

Yan Kallen: Ja, er ist auch Teil der Reihe.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie so sehr an Besen, dass Sie ihnen mit "Rhythm of Nature" eine komplette Fotoreihe gewidmet haben?

Yan Kallen: Ich bin fasziniert von der Form und der Art, wie sie hergestellt werden. Es ist toll, wenn etwas noch in Handarbeit entsteht. Ein Besen ist etwas so Alltägliches und nicht gerade wertvoll, trotzdem kann er wunderschön sein. Er ist eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Natur.

SPIEGEL ONLINE: Doch das Handwerk stirbt aus.

Yan Kallen: In ländlichen Gegenden findet man es noch, zum Beispiel in China. In Taipeh und Kyoto gibt es Läden, in denen nur handgemachte Besen und Bürsten verkauft werden, die existieren seit Generationen. Ich habe aber auch Besen in London und Frankreich entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen Sie die Besen immer in Geschäften oder könnte man Ihnen auch an einer Straßenecke begegnen, während Sie mit einer alten Hausfrau einen Preis für den Besen aushandeln, mit der sie gerade die Treppe fegt?

Yan Kallen: Die meisten habe ich in Geschäften gekauft, zwei habe ich ausgeliehen. Ich fotografiere sie alle in meinem Studio in natürlichem Licht. Ich genieße es, Zeit mit den Gegenständen zu verbringen, Details zu entdecken, sie in der Hand zu halten. Jetzt habe ich also rund 60 Besen in meinem Studio. Es ist wie ein kleiner Garten mit trockenen Pflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Stecken die Besen in einem Schrank oder stehen sie im Raum herum?

Yan Kallen: Ich lasse sie draußen, allerdings in einer Box. Die Box ist also quasi eine Vase.

Schön und praktisch: Der rechte Besen ist einer von Yans Lieblingen. Mit ihm fegt er auch seinen Schreibtisch.
Yan Kallen

Schön und praktisch: Der rechte Besen ist einer von Yans Lieblingen. Mit ihm fegt er auch seinen Schreibtisch.

SPIEGEL ONLINE: Von Gebrauchsgegenstand zu Kunst zu Dekoration - eine ganz schön weite Reise für einen simplen Besen.

Yan Kallen: Ja, es ist eine Reise. Am Anfang waren es richtige Pflanzen. Dann wurden sie bearbeitet, umgedreht und in Besen verarbeitet. Ich habe sie gewissermaßen wieder in die richtige Richtung gedreht und zurück in Pflanzen verwandelt. So wird eine Art Rhythmus daraus, wie in der Natur. Ich bin oft inspiriert durch asiatische Philosophie. Die Besen als Pflanzen zu betrachten, hat für mich etwas von Zen.

SPIEGEL ONLINE: Finden die Händler, denen Sie die Besen abkaufen, es komisch, dass Sie Gebrauchsgegenstände auf diese Art betrachten?

Yan Kallen: In der Regel sage ich ihnen, dass ich Sammler oder Fotograf bin. Dann reagieren sie meist mit "Ah, ja, man findet solche Besen immer seltener" oder "Die wird es nicht mehr lange geben".

SPIEGEL ONLINE: Dinge, die der Vergangenheit angehören oder bald angehören werden, sind ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Projekten.

Yan Kallen: Für mich fühlt es sich so an, als verschwindet manches sehr schnell, insbesondere in Hongkong, wo Entwicklung im Vordergrund steht. Menschen wollen neue und moderne Dinge. Sie haben nicht viel Sinn dafür, Altes zu erhalten. Doch manchmal liegt in solchen Dingen mehr Wert als nur der des Alten. Für mich ist ein Besen ein nachhaltiges Objekt. Er ist ein Zeugnis der Vergangenheit, doch er passt in die heutige Welt, in der wir immer mehr danach streben, ökologischer zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir uns von der Natur entfremdet?

Yan Kallen: Ich glaube, wir hatten einst mehr Respekt vor der Natur, haben mit ihr koexistiert. Diese Balance ist uns abhanden gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, dass es in Deutschland Besenmuseen gibt?

Yan Kallen: Nein, wirklich? Wo?

SPIEGEL ONLINE: Eines ist in Schloss Mochental in Ehingen.

Yan Kallen: Das ist cool, das würde ich gerne sehen. Ich arbeite gerade an einem Buch. Ich sollte dem Museum ein Exemplar schicken, wenn es fertig ist. Man könnte dort eine Ausstellung machen. Und natürlich könnte ich die Besen fotografieren.

Was er nach Beendigung des Projekts mit all den Besen machen soll, weiß der Fotograf noch nicht.
Yan Kallen

Was er nach Beendigung des Projekts mit all den Besen machen soll, weiß der Fotograf noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ein Buch zu "Rhythm of Nature"?

Yan Kallen: Genau, es wird voll mit Besen sein. Dafür arbeite ich mit traditionellen chinesischen Buchbindetechniken, mit diesem wirklich langen Gras, mit dem man auf dem Markt Fisch und Gemüse bindet. Ich möchte, dass die Buchbindung an die Schnürung von Besen erinnert. Jedes Buch soll handgemacht sein.

SPIEGEL ONLINE: Aus all den Besen, die es in dieses Buch schaffen werden: Gibt es ein Lieblingsstück?

Yan Kallen: Einige. Zum Beispiel der, mit dem ich meinen Tisch fege. Für mich sieht er aus wie eine Wiese, durch die der Wind weht.

SPIEGEL ONLINE: Wer mit Ihnen spricht, dürfte Schwierigkeiten haben, einen Besen jemals wieder als Gebrauchsgegenstand zu betrachten.

Yan Kallen: (lacht) Mein Leben hat sich auf jeden Fall verändert. Und ich werde auf meinen Reisen natürlich weiter nach Besen suchen.

SPIEGEL ONLINE: ...und irgendwann vielleicht Ihr eigenes Besenmuseum eröffnen, wenn das Studio zu klein wird?

Yan Kallen: Ich frage mich wirklich, was ich später mit all den Besen machen soll. Vielleicht eine Skulptur. Einer meiner Lieblingskünstler, Hiroshi Sugimoto, hat in Venedig für ein Teehaus einen Zaun aus Besen gebaut. Das finde ich wirklich cool.

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