Trends von der Weinmesse Weniger Alkohol, mehr Charakter

Sag mir, woher du stammst, und ich trink dich: Beim Wein kommt es immer öfter auf das Terroir an. Nur zu viel Alkohol soll er nicht mehr enthalten. Beobachtungen von der Messe ProWein.

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Von Gerald Franz


Was guter, was der beste Wein ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Und auch wenn jeder Winzer versucht, sich mit einer eigenen "Philosophie" unverwechselbar zu machen, zeigten sich auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf doch gewisse Muster: Alkoholgehalt begrenzen, könnte man die eine Tendenz überschreiben, Rückbesinnung auf die Scholle die andere.

Die Idee für die weiter fortschreitende Regionalisierung ist, dass ein Wein die für seinen typischen Geschmack nötigen Bedingungen - Klima, Nährstoffe, tradiertes Wissen - eben nur in einem begrenzten Radius findet. Das Terroir wird also noch wichtiger. Für den Wein aus Moulin à Vent, einem kleinen Ursprungsgebiet im Beaujolais, sehen die lokalen Wachstumsbedingungen wie folgt aus: "In den exponierten Lagen viel Wind, der die Trauben konzentrierter und kräftiger werden lässt", sagt Edouard Parinet, Inhaber des Château du Moulin-à-Vent.

Außerdem finde sich in der Gegend das Element Mangan im Boden, das lasse die Reben der dort allgegenwärtigen Sorte Gamay spärlicher wachsen. So konzentrierten sich mehr Aromen und Nährstoffe auf wenige Trauben. Sein Wein "La Rochelle" etwa stamme von 80 Jahre alten Gamay-Rebstöcken, die in 300 Meter Höhe auf Granitböden wachsen. Diese Besonderheiten sei seinen Kunden sehr wichtig, nicht nur den französischen.

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Messetrends: Kleine Weinbodenkunde

Zum Terroir gehören aber nicht nur Topografie und Mikroklima, sondern auch die persönlichen Vorlieben des Winzers. "Die im Beaujolais weitverbreitete intrazelluläre Vergärung lehnen wir ab", lautet beispielsweise eine von Parinets Überzeugungen.

André Zahn, Inhaber und Kellermeister des Thüringer Weinguts Zahn, muss inzwischen den Alkoholgehalt seiner Weine "organisieren", wie er das nennt. Schuld ist der Klimawandel, der auch das Weimarer Land an der Grenze zu Sachsen-Anhalt nicht ausspart. Früher freute sich Zahn über zuckerreiche, milde Trauben. 2016 musste er nun sogar einige Weine säuern, weil nach dem nassen Frühsommer der September ungewöhnlich warm und trocken ausfiel und die Beeren fleißig Zucker einlagerten, während die Säurewerte rapide nach unten gingen.

Die Aufsäuerung, die vor allem aus den heißen Mittelmeerregionen bekannt und gesetzlich geregelt ist, hilft ihm, die Frische zu erhalten, die seine Kunden mittlerweile ebenso wie einen überschaubaren Alkoholgehalt zu schätzen gelernt hätten. Für Zahn sollten die Weißen grundsätzlich elf bis zwölf, einzelne Burgundersorten und Rotweine nicht mehr als dreizehn Prozent Alkohol haben. "Die Traubenreife muss sich aber einstellen können", schränkt er ein.

Viel Aroma, wenig Alkohol

Die Zeiten, in denen Qualität mehr oder weniger mit hohen Zucker- und damit Alkoholgehalten gleichgesetzt wurde, gehören also immer mehr der Vergangenheit an. Ausgelöst wurde dieses fatale Streben in Deutschland vor allem durch das Weingesetz von 1969, das die Güteklassen an das Mostgewicht der Trauben koppelte. Den jetzigen Trend zu weniger Alkohol kann Oliver Gabel vom gleichnamigen Pfälzer Weingut nur begrüßen. "Viel Aroma, wenig Alkohol, das ist doch die Stärke kühler Anbaugebiete wie Deutschland", sagt er.

Die Tendenz zur Regionalisierung sieht er zwar eher beim Essen fortschreiten. Beim Wein sei sie für ihn aber noch sinnvoller. Die in der Pfalz stark angebaute Rebsorte Weißburgunder etwa steht in drei verschiedenen Varianten in seiner Karte. "Ich kann doch keinen spanischen Rotwein in der Pfalz machen", spielt er auf Produzenten in der Region an, die mit südeuropäischen Rebsorten tiefdunkle kräftige Weine keltern.

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Die neuerliche Nachfrage nach Weinen mit begrenztem Alkoholgehalt hat für Tobias Krämer vom rheinhessischen Weingut Krämer einen weiteren Vorteil: "Alkoholbomben verschleiern den Bodentyp." Ideal wären außerdem nur zwei bis drei Gramm Restsüße, dann sei der Boden schmeckbar, sagt der Jungwinzer. "Das Klima, der Boden und der Winzer sind die wesentlichen Faktoren dafür, wie der Wein am Ende wird", umreißt er den Terroir-Begriff.

Keine Bordeaux-Kopien

Uwe Schiefer vom gleichnamigen Weingut im österreichischen Burgenland gibt sich als Avantgardist: Er habe von Anfang an, also seit rund 20 Jahren, keine unnatürliche Konzentration in seinen Gewächsen gesucht, auch als blickdichte und alkoholreiche Weine noch besonders im Trend lagen. Sein aktueller Rotwein "Eisenberg DAC" habe folgerichtig nur 12,4 Prozent Alkohol, auch wenn auf dem Etikett die Zahl aufgerundet werde.

Für Schiefer geht es um "Balance und Trinkbarkeit". Daher arbeite er gerade in heißen Jahren aktiv darauf hin, nicht zu viel Zucker in die Beeren zu bekommen: Das Laub so schneiden, dass die Trauben beschattet werden, weniger Ertragsreduktion in den guten Lagen, geeignete Bodenbearbeitung.

Der österreichische Winzer muss sich auch gar nicht erst rückbesinnen auf heimische Trauben. Als er anfing, seien im Südburgenland viele Winzer auf den damaligen Zug der Bordeaux-Sorten aufgesprungen: Cabernet Sauvignon und Merlot. Er habe aber von Anfang an auf die in der Region verwurzelte Rebsorte Blaufränkisch gesetzt. "Als gelernter Sommelier habe ich damit eine eher kleine Zielgruppe anzusprechen gewusst", erklärt er.

Viele Winzer sind Schiefer mittlerweile gefolgt. Eigenständigkeit und Charakter sind eben wieder mehr gefragt.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog "Weinsprech".



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insgesamt 27 Beiträge
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kleinbürger 14.04.2017
1. weisheit aus castop-rauxel
zumindest guter rotwein befindet sich in der range von 12 - 15 % alkohol, das war schon immer so. darunter muss man mehr trinken um schwermütig zu werden und darüber gibt es meist am nächsten tag einen dicken kopf.
dj_bee 14.04.2017
2. Restsüße hat in einem guten Wein nichts verloren?
Wollten Sie vielleicht nur sagen, dass Sie Weine mit Restsüße nicht mögen? Müssen Sie auch nicht, aber machen Sie bitte kein Dogma aus Ihrer Unwissenheit.
dj_bee 14.04.2017
3. Restsüße hat in einem guten Wein nichts verloren?
Wollten Sie vielleicht nur sagen, dass Sie Weine mit Restsüße nicht mögen? Müssen Sie auch nicht, aber machen Sie bitte kein Dogma aus Ihrer Unwissenheit.
zeisig 14.04.2017
4. Zu wenig ist aber auch nicht gut.
In einem Restaurant bezahlen Sie für ein 0,2 liter Gläschen Wein so mal locker ab 5 Euro aufwärts. 0,2 Liter ist ja quasi schon verdunstet, bevor ich überhaupt getrunken habe. Also bestelle ich mir oft noch ein Zweites. Ich habe aber ehrlich gesagt keine Lust, noch ein Drittes zu bestellen, nur weil irgendein Trend dafür sorgt, daß der Wein jetzt weniger Alkohol haben soll. Wehret den Anfängen !
erich.drobek 14.04.2017
5. Klimawandel
In Ihrem Artikel bezüglich der Restsüße wird deutlich, dass der Klimawandel auch die Weinproduktion beeinflußt. Hier im Süden von Frankreich werden teilweise die Reben mehrere Wochen vor der Ernte beschnitten, damit der Suckergehalt begrenzt wird.
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