Deutsche Küche, neu gedacht Kohl Me Maybe

Regio ist das neue Bio: Bücher mit deutschen Rezeptklassikern sind so hip wie lange nicht. Doch nicht alle können Neues bieten - wie unser Kohl-Hack-Gugelhupf.

Von Hobbykoch

Peter Wagner

Wer Zutaten aus der Nachbarschaft in Topf und Pfanne gart, ist 2016 sogar bei Foodtruck-Fans angesehener als der Kollege vom Bio-Wagen.

Dieser Trend zur Regionalküche ließ sich schon vor zwei Jahren erahnen: Damals erschien der Bestseller "Heimat" von TV-Star Tim Mälzer - der, nett gesagt, auch ein bisschen daran mitgearbeitet hat. Die vor allem von Foodblogger Stevan Paul und seinem früheren Kollegen Marcel Stut entwickelten Rezepte bringen zwar die deutschen Klassiker nicht auf den Küchentechnikstand unserer Zeit; das Buch punktet dafür mit Reportagen über regionale Erzeuger, Züchter, Bauern und Fischer.

Anzeige
Kein Wunder, dass jetzt das 2012 schon sehr erfolgreiche "grüne, nicht nur vegetarische Kochbuch" unter dem nicht minder sperrigen Titel "Genuss aus der Heimat: Die besten regionalen und saisonalen Rezepte" recycelt wird - getarnt als auf den ersten Blick neue Veröffentlichung. Diese "aktualisierte Neuausgabe" ist mit seinen eher simplen, oft entfetteten Regionalrezepten nach wie vor eines der besten Standardwerke zu allen Themen rund um die Zubereitung von hier im Laufe der Jahreszeiten erzeugten Zutaten. Eine wertvollere Warenkunde muss man lange suchen.

Ebenso lange sucht man im Buchhandel nach einem Ansatz, wie beliebte Klassiker aus Deutschland mit den technischen Mitteln von 2016 verbessert werden können. Ein Ansatz, den der Ex-Musikmanager und Exil-Franke Matthias F. Mangold zum Ziel seines Buchs "Deutsche Küche neu entdeckt!" erklärt hat.

Anzeige
Nur: Dieses Ziel erreicht Mangold nicht. Die deutsche Küche wird hier nicht neu erfunden. In einem anderen Sinne ist es dann aber doch ein recht modernes Buch geworden: Unzählige Step-Fotos sind in ein gutes Layout gebettet, alles sieht frisch, lecker und nicht besonders kompliziert aus. Kurzporträts - vom Schrebergärtner bis zum Craft-Beer-Brauer - lockern die Rezeptstrecken auf. Wer sich für Warenkunde interessiert, finden bei Mangold nichts. Aber welcher Hobbykoch unter 30 will das heute noch wissen? Wichtig ist, gezeigt zu bekommen, wie es geht. Und nicht, warum.

Hier punktet Mangold mit gleichsam brauchbaren wie locker getexteten Anleitungen. Die Rezepte umfassen den deutschen Kochkanon: von Schnitzel über Spätzle, Kohlrouladen, Hirschrücken, Grillforelle, Knödel, Eintöpfe, Maultaschen hin zu großen Braten wie Lammkeule oder gefüllter Weihnachtsgans. Und nebenbei lernt man sogar, Marmeladen einzukochen, Brot zu backen und Bratwürste selbst zu stopfen. Insofern ist das Buch ein Muss für alle, die sich zwar von Falafel über Tom Kha Gai bis zu Piroggen um die halbe Welt kochen können, nun aber die für sie fremd und altbacken wirkende deutsche Küche entdecken möchten.

Hierbei wollen auch wir mit unserem heutigen Rezept für "Kohl-Gugelhupf mit Speck-Zwiebel-Soße" ein bisschen helfen. Es gelingt mit jeder Kuchenform, die ein Loch in der Mitte hat und in der wir sonst Gugelhupf, Marmorkuchen oder andere Rührkuchen backen. Wie die meisten klassischen Hauptgerichte Deutschlands vereint es Fleisch, Gemüse, eine Sättigungsbeilage und die Soße auf einem Teller. Hier packen wir aber fast alles in eine Backform. Ergebnis: ein Kuchen gewordener Krautwickel mit Kartoffelbeilage.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Susi Sorglos 27.02.2016
1. Das ist sie...
..die bislang umständlichste Art, Kohlrouladen/Krautwickel zu machen. Statt des Weines sollte man das Wasser vom Blnachieren des Kohls nehmen - dann schmeckt es erst wirklich.
pirkal 27.02.2016
2. Höhere Kunst?
Was unterscheidet "feines Meersalz" von sonstigem Salz für 19 Cent je 500 gr.? Richtig, der Preis. Nicht höhere Kochkunst preist man so an, sondern die sinnlose Steigerung des "Bruttosozialprodukt"s.
hartmut_falk 27.02.2016
3. So viel verschiedene Zutaten?
So viel verschiedene Zutaten, da macht das Einkaufen Spass. Oder sollte man das etwa alles im Vorratsschrank haben? Aber nicht nur das Einkaufen ist aufwändig, nein, auch das Zusammenstellen und abwiegen und mischen und kochen wird hier zum Marathon. Geht es auch einfacher?
oliverwi 27.02.2016
4. @pirkal:
Der Geschmack macht den Unterschied aus. Und der Respekt vor Lebensmitteln. Wenn Sie den Unterschied nicht schmecken können oder wollen, dürfen Sie auch gerne auf Maggifix & Co. anstelle von Selbstgekochtem umsteigen.
FrieFie 27.02.2016
5.
Was ist jetzt eigentlich neu, abgesehen davon, dass es den Reste- Auflauf ohne dem Umweg über die Kohlroulade gibt? Wenn es wenigstens die (viel leckerere) siebenbürgische Variante mit Sauerkraut und geschlagener saurer Sahne gewesen wäre, zu der man frisches Graubrot isst, oder knackiger Wirsing und ein paar Walnüsse, oder ... aber Weißkohl ist wohl mit Abstand das langweiligste Gemüse und Kümmel das einfallsloseste Gewürz, das die deutsche Küche aufzubringen hat. Wozu die Form so dringend ein Loch braucht, erschließt sich auch nicht. Es sieht trotzdem nicht appetitlich aus. Ich fürchte, mit solchen Rezepten wird die Renaissance der deutschen Küche nicht voran gebracht. ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.