Ross-Lovegrove-Design Ja, das ist ein Auto

Was, wenn Technologie nicht wie Technologie aussieht, sondern wie Natur? Ein neuer Bildband zeigt spektakuläre Entwürfe des Designers Ross Lovegrove.

Ross Lovegrove Studio/ Sieveking

Vom Flugzeugsitz bis zum Solarauto hat Ross Lovegrove schon so ziemlich alles designt. Den Grundstein seiner Karriere, die ihn von Apple bis zu Zanotta führte, legte der Industriedesigner aber mit einer Fotokamera, die er zum Ende seines Studiums am Royal College of Art in London entwickelte: Ein kleiner runder Gegenstand aus Kunststoff und Aluminium, nicht schwerer als eine Coladose. Im Inneren rotierte eine Filmscheibe.

Die von Kodak ab 1982 hergestellte Disc-Kamera und das zugehörige Kassettenfilmsystem konnten sich zwar nicht durchsetzen, Lovegrove aber heimste für seine Arbeit eine seiner ersten Auszeichnungen ein. Durch seinen Ansatz, alles Unnötige wegzulassen, hatte er die Jury des "Oggetti per Domus"-Designpreises überzeugt. Heute gehören seine Arbeiten zu den Sammlungen im Museum of Modern Art in New York, im Design Museum in London und im Pariser Centre Pompidou.

Organisch, isomorph, anthropomorph, fließend: Für die Formensprache des britischen Produktdesigners gibt es viele Adjektive. Im Prinzip vereint Lovegrove in seiner Arbeit Natur, Kunst und Technologie. Er selbst spricht von "organischem Essenzialismus", was so viel bedeutet wie: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Was aber nicht heißen soll, seine Entwürfe seien schlicht im Sinne von langweilig. Ganz im Gegenteil. Doch Lovegrove geht es nicht zuerst um Schönheit. Die Anziehungskraft eines Gegenstands ist für ihn ein unvermeidliches Nebenprodukt intelligenten Designs.

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Ross Lovegrove:
Convergence

Englische Ausgabe

Sieveking Verlag; 160 Seiten; 39 Euro

Den Prototyp dafür findet Lovegrove in der Natur - in Form eines Hirschkäfers, eines Knochens oder eines Tropfens. "Die entstehenden Formen und Strukturen sind in einer Symbiose mit den elementaren, atmosphärischen Kräften; Material, Zweck und Größe stehen in absolutem Einklang", beschreibt der Designer seine Faszination für die natürlichen Gestaltungsprinzipien und die ihnen zugrunde liegenden Algorithmen.

Das von Lovegrove künstlich erschaffene Äquivalent kann dann zum Beispiel eine Mineralwasserflasche sein, die so aussieht als sei sie selbst aus Wasser: eine fließende Form, deren Oberfläche den Aggregatszustand von Wasser imitiert, gleichzeitig aber nach ergonomischen Gesichtspunkten modelliert ist. Oder eine Treppe, die eine Mischung ist aus DNA-Doppelhelix und Knochengerüst.

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Lovegrove-Design: Ja, das ist ein Auto

Bei allen seinen Arbeiten ist Lovegrove immer auch wichtig, dass sie seine wichtigste Inspirationsquelle schützen. Sein Anspruch ist es, neueste Technologien aus Physik, Biologie, Anthropologie und Ökologie mit Kreativität zu nachhaltigen, umweltschonenden Entwürfen zu verschmelzen: Seit Mitte der Neunziger experimentiert er immer wieder mit Solarkraft. Aus eintausend Swarovski-Kristallen gestaltete er die Oberfläche für ein Solarauto, die Lichtenergie besonders effizient in elektrische Energie umwandeln soll. Für Renault gestaltete er die Elektroautostudie Twin'Z. In Architekturstudien machte er sich Gedanken über ressourcenschonende Wohnformen für die Zukunft.

Einen umfassenden Überblick über das Werk des britischen Stardesigners gibt das im Sieveking Verlag erschienene Buch "Convergence". Neben Texten von Lovegrove selbst enthält es Beiträge des Architekturprofessors Frédéric Migayrou sowie von Marie-Ange Brayer. Die Chefkuratorin des Centre Pompidou hat kürzlich eine Ausstellung über den britischen Stardesigner organisiert. "Design, Bioengineering und Computerintelligenz werden in Zukunft Kunst und Wissenschaft untrennbar miteinander verbinden", prophezeit sie. Wenn es so kommen sollte, liegt das sicher auch an von Ross Lovegrove.

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