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Russische Designer: Widersacher des Kitsches

Von Wlada Kolosowa

Neue Designer aus Russland: Die Röcke der Spionin Fotos
Anna Chapman

Sie schaffen elegante Kleidungsstücke mit smarten Details - ganz ohne Glitzer und tiefe Ausschnitte. Russische Designer erfinden die Mode des Landes neu. Und die Regierung will mithelfen.

"Master und Margarita" ist nicht nur ein Meisterwerk der russischen Literatur, sondern auch ein modisches Accessoire. Im Laden "Anna Chapman" in Moskau werden Umhängetaschen in Form von russischen Klassikern verkauft. Gleich daneben hängen Kleider, bedruckt mit russischen Märchenfiguren.

Anna Chapman ist unglückselige russische Spionin, später Moderatorin einer Mystery-Show, heute verdient sie sich als Designerin. Ihr Laden steht in bester Hipsterlage in der "Designfabrik Flakon" - einer ehemaligen Fabrik mit Geschäften, in denen man handgemachte Schokolade und ironische iPhone-Hüllen bekommt. Eine Frau mit roten Lippen und Pixiehaarschnitt, die dort einkauft, trägt eine Chapman-Tasche, Modell "Der Spieler" von Dostojewski.

Es ist keine Seltenheit mehr, in hippen russischen Boutiquen "Made in Russia" auf den Etiketten zu lesen. Das ist keine Selbstverständlichkeit für ein markenhungriges Land, für das westliche Mode lange ein Statussymbol war. Promis tragen russische Designer nun als Statement. Auf Ausstellungseröffnungen wird über dem Sektglas darüber gesprochen, dass man "die Unseren" trägt.

In Moskau und St. Petersburg eröffneten in den letzten Jahren gleich mehrere Boutiquen mit dem Konzept, nur russische Designer anzubieten. Längst nicht alle von ihnen gehen so plakativ mit der russischen Kultur um wie Chapman: Designer wie Cyrill Gassline, Asya Malbershtein und Alexander Terechov machen Mode ohne Russlandkitsch und reden gern darüber, dass sie in Russland produzieren.

"Die Krise kann auch stimulieren"

Der Trend verbreitet sich aber nur innerhalb der gut ausgebildeten urbanen Konsumelite. Die Millionärsgattinnen tragen weiterhin Gucci, die Masse kauft Billigware aus China und Weißrussland. Laut der Hochschule für Ökonomie kommen in Russland 82 bis 84 Prozent der Kleidung aus dem Ausland. Die russische Regierung, die in Zeiten von Sanktionen und der Wirtschaftskrise gern unabhängiger von ausländischer Produktion wäre, hat 2015 so viele Entwicklungsprogramme für die Modebranche angekündigt wie nie zuvor. Darunter sind Subventionen und Kredite für Modeunternehmen sowie Unterstützung und Werbeaktionen für Nachwuchsdesigner.

So hat die St. Petersburger Stadtverwaltung drei Monate lang einen Showroom für 35 junge Designer gemietet, in einer der teuersten Lagen der Stadt am Newsky Prospekt. Das russische Ministerium für Handel und Wirtschaft kooperiert mit AliExpress, einem der beliebtesten Mode-Onlinehändler in Russland, um heimische Mode voranzubringen. Seit November kann man bei AliExpress in der Kategorie "Mode. Made in Russia" Kleidung von etwa hundert russischen Designern bestellen.

Daria Gluchowa hat vor, sich für Subventionen der St. Petersburger Staatsverwaltung zu bewerben. Ihr gehört die Boutique "Veshalki", die ausschließlich Designer aus St. Petersburg anbietet. In dem kleinen Laden mitten in St. Petersburg wird Kleidung verkauft, die nichts mit dem Klischee zu tun hat, das so lange russischer Mode anhaftete: Es ist kein Glitzer, es sind keine tiefen Ausschnitte zu sehen, sondern wandelbare Mode mit smarten Details.

Gluchowa sieht aus wie eine Modebloggerin aus London: Sie ist groß, schlank, rehäugig und trägt einen langen Rock mit groben Bikerboots. Vor zwei Monaten hat sie die Boutique übernommen und ist trotz der angespannten Finanzlage in Russland optimistisch: "Die Krise kann auch stimulieren", sagt sie. Der Euro kostet gerade 80 Rubel, fast doppelt so viel wie noch vor anderthalb Jahren. Das mache Kleidung aus dem Ausland teuer - und die in Russland produzierte im Vergleich billiger. In "Veshalki" kann man ein Designerkleid kaufen, das genauso viel kostet wie ein Massenstück bei Zara. "Die heimischen Designer haben Talent und Kreativität. Jetzt haben sie auch eine Chance."

Putin-Parfüms und T-Shirts mit dem Gesicht des Präsidenten

"Es gibt mehr Unterstützung als früher, aber es ist definitiv nicht genug", sagt Juliya Newa, eine St. Petersburger Designerin mit asymmetrischem blondem Bob. Wenn russische Designer Erfolg haben, liege es momentan mehr an ihrer eigenen harten Arbeit. "In Russland mangelt es an Startkapital, gut ausgebildeten Spezialisten und russischen Stoffen." Momentan müsse sie, wie viele andere russische Designer, viele Materialien teuer aus dem Ausland importieren. Auch Nähfabriken, die Designerkollektionen in größeren Auflagen produzieren, seien in Russland schwer zu finden. Also näht Newa kleine Stückzahlen in Eigenfertigung.

An internationale Expansion ist unter solchen Bedingungen nicht zu denken, sagt sie. Außerdem sind die russischen Designer außerhalb ihres Landes wenig bekannt. In die Presse schaffen es, wenn überhaupt, die skurrilsten Modenachrichten aus Russland: Putin-Parfüms oder "Patriotic Boxes" - Automaten, aus denen man T-Shirts mit dem Gesicht des Präsidenten ziehen kann.

Sergey Bondarev ist einer, der nicht mehr allein an der heimischen Nähmaschine werkelt. Acht Mitarbeiter nähen die Kleidung seiner Brands "Bondarev" und "Sonya Marmeladova" in einem St. Petersburger Atelier. Verkauft wird die romantische, weibliche Kleidung in einem eigenen Geschäft nur ein paar U-Bahn-Haltestellen davon entfernt.

Bondarev, ein verwuschelter Mittdreißiger, wurde eigentlich als Künstler ausgebildet, arbeitet aber seit 2004 als Designer. Von staatlicher Unterstützung habe er in all den Jahren nicht viel gesehen, sagt er. Die jetzigen Programme hält er "für mehr Schein als Sein". "Es stimmt, russische Designer bekommen mehr PR als früher", sagt Bondarev. Aber lieber sollte der Staat gute Bedingungen schaffen: dass es Ausbildungen für Spezialisten gibt, dass Kreative verbilligte Arbeits- und Verkaufsflächen bekommen. Denn: "Momentan arbeiten die meisten Designer in Selbstausbeutung."

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1.
scream queen 15.01.2016
... muss es heißen. So viel Platz und Zeit sollten doch sein.
2. Die ersten paar Photos
odapiel 15.01.2016
zeigen tragbare, elegante Mode. Mit Bondarev allerdings fängt dann Möchtegern-Pariser-ChiChi an. Nee danke.
3. wie denn nun,
potkan 15.01.2016
"master and margarita" oder ganz einfach "meister und margarita"? schon der eingangssatz kontrastiert zum schlichten, farbigen Œu*v*re der designerin. eine angenehm zu schauende kleidung.
4. wie denn nun,
potkan 15.01.2016
"master and margarita" oder ganz einfach "meister und margarita"? schon der eingangssatz kontrastiert zum schlichten, farbigen Œu*v*re der designerin. eine angenehm zu schauende kleidung.
5.
Eluja 15.01.2016
Das Buch, von dem Sie gleich in der ersten Zeile sprechen, heißt "Der Meister und Margarita". Ein Meisterwerk der russischen Literatur hat es doch sicherlich verdient, korrekt benannt zu werden, oder?
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