Schmuckdesignerin Colleen B. Rosenblat Heimat sind Rituale

Die Schmuckdesignerin erfuhr erst spät, dass Magda Goebbels ihre Großmutter war. Halt fand sie im Judentum.

  Colleen B. Rosenblat, 54:  Sie war die erste Schmuckdesignerin, die große Steine modern machte. Die Unikate kosten zwischen 3000 und 150.000 Euro. Die ausgebildete Goldschmiedin und Designerin betreibt Geschäfte in Hamburg und auf Sylt.
Benno Klandt

Colleen B. Rosenblat, 54: Sie war die erste Schmuckdesignerin, die große Steine modern machte. Die Unikate kosten zwischen 3000 und 150.000 Euro. Die ausgebildete Goldschmiedin und Designerin betreibt Geschäfte in Hamburg und auf Sylt.

Aufgezeichnet von Bianca Lang, Andreas Möller und Mariam Schaghaghi


Ich bin vor 30 Jahren zum orthodoxen Judentum konvertiert. Mit 25. Ich hatte endlich gefunden, wonach ich mich immer gesehnt hatte: Geborgenheit. Jeden Freitagabend, zum Schabbat, zünde ich zwei Kerzen an und sage einen Segensspruch. Egal, wo ich bin. Ein kleines Ritual, aber es ist mir wichtig. Es fühlt sich nach Heimat an.

Der Neuanfang damals war enorm wichtig für mich. Mein Vater war bei einem Flugzeugabsturz umgekommen, als ich fünf war. Ich hatte ihn kaum gekannt. Mit meiner Mutter, ihrem zweiten Mann und meinen Schwestern lebte ich in Bad Homburg. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Frankfurter Clique. Meine Freunde waren, zufällig, fast alle jüdisch. Sie gingen in die Synagoge und beteten am Schabbat. Mir fiel die Herzlichkeit in diesen Familien auf, und mich beeindruckte die Art der Zugehörigkeit untereinander.

Meine Mutter starb überraschend, als ich 16 war. Kurz darauf nahm sich unser Stiefvater das Leben. Wir waren plötzlich Vollwaisen. Als wäre das nicht genug, erfuhr ich, wer die Mutter meines Vaters war: Magda Goebbels. Die Frau, die kurz vor Kriegsende im Führerbunker ihre sechs Kinder vergiftet hat. Nur mein Vater, ein Kind aus erster Ehe und mit 23 deutlich älter als seine Halbgeschwister, war davongekommen, weil er in Afrika in Kriegsgefangenschaft gewesen war. Mein jüdischer Freund hat es mir erzählt. Das wusste anscheinend jeder. Nur ich nicht!

Eine meiner älteren Schwestern kümmerte sich um mich und meine kleinere Schwester. Wir haben uns ziemlich gezofft. Ich bin dann schnell in ein Internat nach Lausanne, ein reines Mädcheninternat. Ich wollte nur lernen und an nichts anderes denken.

Das Judentum faszinierte mich nach wie vor. Auf meinen Reisen nach dem Abitur habe ich viel darüber gelesen. Mit Anfang 20, in Los Angeles, ging ich zu einem Rabbiner. Ich wollte spüren, ob ich mich in der jüdischen Religion wirklich wohlfühle. Nach einigen Jahren Lernen in L.A. und einer kurzen Rückkehr nach Deutschland zog ich nach New York, wo ich mir gleich wieder einen Rabbiner suchte. Der fragte dann ziemlich schnell: Warum konvertierst du nicht? Er sagte: "Wenn du dich jüdisch fühlst, dann sorg dafür, dass deine Kinder auch jüdisch werden." Nur deswegen bin ich übergetreten.

Aus dem S-Magazin

Meinen ersten Mann, ebenfalls ein Jude, lernte ich 1987 in New York kennen. Seine Eltern waren wenig begeistert: eine Konvertitin und dann auch noch diese Familiengeschichte. Wir haben nie darüber gesprochen. Heute habe ich ein gutes Verhältnis zu meiner Ex-Schwiegermutter. Sie wohnt in Israel und Hamburg. Ich treffe sie regelmäßig.

Ich mochte das Leben mit den strengen jüdischen Traditionen. Als wir später nach Hamburg zogen, ließ sich das nicht aufrechterhalten. Wir behielten aber viele Rituale bei. Das gemeinsame Schabbatessen zelebrierten wir jahrelang. Die Kinder haben es geliebt. Ich glaube, auch ihnen damit ein Stück Heimat gegeben zu haben. Mein jetziger Mann, mit dem ich seit 20 Jahren zusammenlebe, ist Norweger und kein Jude. Die Kinder sollen selbst entscheiden, welche Tradition sie später übernehmen. Wir feiern Weihnachten und jüdische Feste.

        Topas-Ring von Colleen B. Rosenblat aus 18 Karat Roségold, 22.500 Euro
Colleen B. Rosenblat

Topas-Ring von Colleen B. Rosenblat aus 18 Karat Roségold, 22.500 Euro

Für mich ist Glaube eher ein Ritual. Da ich keine Eltern mehr hatte, brauchte ich ein Nest. Wenn Sie an Jom Kippur, Rosch Haschana oder Pessach in einer fremden Stadt sind, werden Sie von unbekannten Menschen eingeladen. Man gehört zusammen, egal, ob man die gleichen Ansichten hat, ob man sich mag. Im Vordergrund steht der Zusammenhalt der Minderheit. Heute beschränkt sich mein Judentum auf regelmäßige Synagogenbesuche und darauf, die großen Feiertage zu begehen. Ich habe meinen Frieden gefunden im Judentum.

Unter uns Schwestern haben wir viel über die Vergangenheit unserer Familie geredet. Es bleibt für mich das größte Rätsel, wie ein Mensch seine eigenen Kinder vergiften kann. Wie schlimm muss das für meinen Vater gewesen sein? Fast alles, was ich weiß, stammt aus Büchern. Ganz offensichtlich war Magda Goebbels machthörig. Sie war eine sehr junge Frau, als sie den Industriellen Günther Quandt heiratete, meinen Großvater. Ich glaube nicht, dass das eine Liebesheirat war. Sie ist sogar jüdisch aufgewachsen, ihr Stiefvater war Jude und sie war als junges Mädchen auch mit einem zionistischen Politiker zusammen. 1931 heiratete sie Joseph Goebbels, da war sie gerade 30 geworden. Ich wüsste wirklich gerne mehr darüber. Ich verschlinge alles, was es zu dem Thema zu lesen gibt. Es gibt ja niemanden mehr, den ich fragen kann.



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