Designerin Leyla Piedayesh Daheim ist nicht Heimat

Die deutsch-iranische Designerin und Gründerin des Labels Lala Berlin findet, dass Mode politisch sein muss.

  Leyla Piedayesh, 47:  2004 gründete die Deutsch-Iranerin das Stricklabel Lala Berlin. Kaschmir-Schals im Palästinenser-Look wurden zu ihrem Markenzeichen. Heute wird ihre Mode mit den bunten Mustern und auffälligen Prints auf der ganzen Welt verkauft. Sie gehört zu den führenden Modemachern Berlins.
Yves Borgwardt

Leyla Piedayesh, 47: 2004 gründete die Deutsch-Iranerin das Stricklabel Lala Berlin. Kaschmir-Schals im Palästinenser-Look wurden zu ihrem Markenzeichen. Heute wird ihre Mode mit den bunten Mustern und auffälligen Prints auf der ganzen Welt verkauft. Sie gehört zu den führenden Modemachern Berlins.

Aufgezeichnet von Bianca Lang, Andreas Möller und Mariam Schaghaghi


Als Donald Trump den Einwanderungsstopp ausrief, bin ich spontan mit einem Schild rauf auf den Laufsteg: "I'm an immigrant." Das war ein Bauchgefühl. Ich konnte das alles nicht begreifen, vielleicht auch, weil ich selbst betroffen bin. Ich bin Iranerin, in Deutschland zu Hause, Deutsch würde ich als meine Muttersprache bezeichnen.

Mit Anfang 20 bekam ich die doppelte Staatsbürgerschaft. Der persische Staat verbietet mir, den Pass abzulegen. Früher als Teenager in Deutschland hat mich der iranische Pass genervt, weil ich für jede Klassenfahrt ein Visum brauchte. Aber ich kann meine Herkunft so wenig ablegen wie meinen Ausweis. Sie steckt in meinen Genen.

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Lala Berlin: Politische Mode aus der Hauptstadt

Meine Eltern sind Perser, die ersten neun Jahre meines Lebens verbrachte ich im Iran. Meine Herkunft ist Teil meiner Identität und meiner Kollektionen, die aktuelle heißt "Persian Punk". Angefangen habe ich mit Prints, ich bin aufgewachsen mit Farben und Mustern, aber das wurde mir erst klar, als ich vor zwei Jahren in den Iran reiste: die tollen Teppiche, die Handarbeit, die Liebe zum Dekor. Da liegen die Wurzeln meiner Kreativität. Als Teenager fand ich die Teppiche schrecklich, das alte Zeug meiner Eltern, und jetzt kann ich nicht mehr genug davon haben. Früher war für mich der Iran meine Heimat und Deutschland mein Zuhause.

Heute glaube ich, Heimat ist da, wo wir uns wohlfühlen. Meine Heimat ist meine Wohnung in Berlin, mein Bett. Heimat ist Vergangenheit, Gegenwart und die Vorstellung von Zukunft. Heimat ist in dir. Sie ist ein Teil, von dem man sich niemals trennen kann. Heimat ist dein inneres Zuhause. Die Generation meiner Eltern hat ihre Wurzeln stärker gespürt. Mein Vater, ein Ingenieur, war politisch aktiv, hat den Schah unterstützt. Die Flucht nach dem Regimewechsel war traumatisch. Für mich nicht, ich dachte, wir fahren in die Ferien. Und als wir bei meiner Tante in Deutschland waren, sagten meine Eltern, dass wir bleiben. Später wurde mir klar, wie total irre dieses Deutschland war, ein Land der sozialen Gerechtigkeit, der Freiheit, ein Land, in dem sich jeder einen Golf kaufen konnte.

Aus dem S-Magazin

Als vor zwei Jahren die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war mir gleich das Schicksal meiner Eltern wieder präsent. Ich reiste nach Belgrad in ein Flüchtlingsheim und unterstützte die Hilfsorganisation "Be an Angel".

Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Ihm hätte meine Aktion auf dem Laufsteg sicherlich gefallen. Ich kannte sein Leid. Seine Zerrissenheit. Eigentlich war er nie glücklich. Er hatte Probleme mit der Sprache, obwohl er Deutsch toll fand. Mein Vater war, wie viele geflüchtete Iraner, eher melancholisch. Irgendwann bekam er seinen ersten Gehirnschlag. Ich stelle mir das immer so vor, dass der Druck zu groß wurde. Und dann hat es peng gemacht. Nach dem zweiten Schlag reiste er mit meiner Mutter nach Teheran, nach 30 Jahren. Es war seine letzte Reise.

Ich lebe in Berlin und komme aus Teheran. Ich bin Tourist auf dieser Welt. "I am tourist" heißt meine nächste Kollektion. Wir kommen und gehen. Am Ende sind wir alle Immigranten, egal, woher.



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dirk.resuehr 03.10.2017
1. Banale Massenerkenntnis
Jetzt wissen wirs, von Bloch Grönemeyer, irgendwelchen Kreativen und Tante Emma, Heimat ist ein Gefühl! Hab ich´s doch geahnt!
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