Ist das in Ordnung? Die Tochter trinkt Wasser von den Fidschi-Inseln

Sollte man Mineralwasser trinken, das um den halben Erdball geflogen wird?

Fidschi-Wasser
imago/ Kraehn

Fidschi-Wasser

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Nachdem ich morgens meinen Sohn zur Schule gebracht habe, spaziere ich durch einen Wald zurück, vorbei an einer kleinen Quelle. In der Früh ist dort ziemlich viel los. Migranten aus dem Osten, aus Russland und Polen, und Migranten aus dem Süden füllen dort ihre Kanister mit Trinkwasser, dann schmeckt der Tee besser. Sie nehmen sich Zeit dafür, denn es fließt nur langsam aus dem kleinen Rohr. Aber es ist ihnen wichtig, auf die Herkunft und die Qualität ihres Wassers zu achten. Und es freut sie, dass das Quellwasser umsonst ist - ein kleines Plus in einem oft harten deutschen Alltag. Dieses Wasser erzählt auch etwas darüber, wer sie sind: Menschen, die sich zu helfen wissen.

Aus dem S-Magazin

Eine ganze Industrie versorgt uns mit Wasser in Plastikflaschen, das zunehmend auch als Distinktionsmerkmal wirkt. Ich finde das albern. Der größte denkbare Luxus ist jener, den die morgendlichen Waldbesucher für sich entdeckt haben: kühles, sauberes Wasser aus der Quelle. Das ist mein kühler, sauberer Standpunkt. Aber es ist nicht der meiner Tochter. Sie kam eines Tages mit einer kleinen Flasche Fidschi-Wasser nach Hause. Das war natürlich keine Geschmacksfrage, sondern ein Versuch der Distinktion. Sie hört Musik, liest Bücher, sieht Bilder aus allen Ecken der Welt - warum sollte ausgerechnet das Wasser nur aus dem heimischen Hessen kommen? Und trinken wir Erwachsenen nicht auch Wein, der von weit her kommt? Sie weiß: Nichts gruselt mich mehr als die Vorstellung, lokalen Wein trinken zu müssen.

Was half, war ein Blick auf einen alten Globus. Die Fidschi-Inseln sind schon atemberaubend weit weg. Kaum ein Punkt der Erde ist weiter von uns entfernt. Und er ist nicht groß. Wir spielten eine Standardsituation durch: Sie möchte einen Schluck Wasser trinken. Was muss dann alles in Bewegung gesetzt werden, um Wasser aus Fidschi bis in unseren Supermarkt zu bringen? Das ist so absurd, dass wir beide lachen mussten. Warum nicht auch Luft aus Patagonien in Flaschen füllen, damit man hier in der Bundesrepublik mal durchatmen kann?

Wasser aus Fidschi ist ein Gag

Es gehört zum Eros des Westens, dass wir uns auch absurde Dinge leisten können und nicht immer vernünftig sein müssen. Aber es sind nicht wir, die den vollen Preis dafür bezahlen. Wasser aus Fidschi ist ein Gag auf Kosten Dritter, der Preis im Supermarkt entspricht nicht den verursachten ökologischen Kosten. Es sollte nicht mehr angeboten werden. Meine Tochter hat die Fidschi-Flasche noch ein paarmal mit Wasser aus Hessen nachgefüllt, aber dann war es auch genug mit der Distinktion. Nun spart sie auf eine Chilly's Bottle, eine Art moderne Thermoskanne aus Edelmetall. Scheint so, als ob die gerade alle super fänden. Aber auch davon habe ich wieder einmal nichts mitbekommen.

Nils Minkmar
Anje Jager

Nils Minkmar

In der Kolumne "Der Ethiker" wird Nils Minkmar künftig Antworten auf Fragen der Leser geben. Vorschläge können Sie per Mail einreichen.

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insgesamt 3 Beiträge
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hermann_müller 22.09.2017
1. Fantastisch!
Von einer Plastikflasche von den Fidschis zu einer ewig wiederverwendbaren Chilly's Bottle für lokale Getränke! Wow! Für diese 180°-Drehung ist eine Taschengelderhöhung um min. 100% geboten!
Bueckstueck 22.09.2017
2. Und?
Wie schmeckt denn das Wasser von Fidji? Ja wirklich, Wasser schmeckt nicht überall gleich. Sogar in Deutschland gibt es bestimmt 100 verschieden schmeckende Trinkwässerchen.
troy_mcclure 25.09.2017
3.
"Nichts gruselt mich mehr als die Vorstellung, lokalen Wein trinken zu müssen. " Ich tippe mal, bei einer Blindverkostung würden Sie die unterschiedliche Herkunft nicht erkennen. Zur Tocher: wenn sie so viel dafür ausgibt, dann ist sie doch selbst schuld. Mir käme es nicht in die Tüte (bzw. Jutebeutel)
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