Verplemperte Zeit Ordnung ist nicht das halbe Leben

Ordnung führt zu schlechter Laune, weil sie ständig gefährdet ist, weil sie viel Arbeit macht, aber keinen Spaß. Genau deshalb sollten wir nicht das halbe Leben damit verbringen.

Ausmisten ist Mist, meistens
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Ausmisten ist Mist, meistens

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Von den Dingen des Lebens besitzen die meisten Menschen zu viele. Das ist zumindest die Überzeugung einer japanischen Aufräum-Expertin, die mit ihren Theorien vom Entrümpeln und Sortieren begeisterte Anhänger und Nachahmer auf der ganzen Welt gefunden hat. Die Lehrmeisterin heißt Marie Kondo, sie wurde 2015 vom US-Magazin "Time" zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten ernannt, und sie hat bereits ein neues Wort geprägt: "to kondo". Sein Leben aufräumen.

Ich habe Zweifel, ob hinter diesem Trend eine wirklich gute Idee steht. Eine Nobelpreisträgerin für Chemie hat mir mal erklärt, dass Frauen die Neigung hätten, ihre Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verplempern. Sie habe das bei ihren Studentinnen beobachtet. Ich fürchte, die meisten Bücher verkauft Marie Kondo an Frauen.

Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich finde auch, dass die Weingläser in den Küchenschrank gehören und Pullover bei den Pullovern liegen sollten. Jetzt im Herbst werde ich meine Stricksachen aus dem Keller holen und die Sommerkleider dort unten einmotten. Aber die Dinge nach Farben zu sortieren, nach Größen oder Marken, ist verplemperte Zeit. Ausmisten und Aufräumen gehören zu jenen Aufgaben, zu denen man sich nur durch die Aussicht auf das Nachher motivieren kann. Das ist mir suspekt.

Im vergangenen Jahr musste ich meine Wohnung umräumen, Stück für Stück gleitet einem dabei das eigene Leben durch die Hände: eine selbst gebastelte Laterne aus der Kindergartenzeit des Sohnes, ein Elefantenbecher aus Porzellan, der ein Geschenk zum 40. Geburtstag war. Für so eine Rückschau muss man nervlich gut gewappnet sein.

Marie Kondo rät dazu, nur jene Teile zu behalten, die eine spontan positive Reaktion auslösen. Hm. Und was ist mit der Bratpfanne? Dem Verbandskasten? Den grauen Socken? Nachdem so eine Wohnung dann umgeräumt ist, liegt für kurze Zeit alles auf Kante. Bis das Teenagerkind einen Bettbezug aus dem Schrank zerrt. Große Gereiztheit: "Kannst du nicht ...?" Haben Sie schon mal versucht, ein Spannbettlaken zu falten? Eben, verplemperte Zeit. Ordnung führt zu schlechter Laune, weil sie ständig gefährdet ist, weil sie viel Arbeit macht, aber keinen Spaß.

Aus dem S-Magazin

Dabei ist jede Ordnung sowieso nur ein vorübergehender Zustand, der unweigerlich von Unordnung abgelöst wird. Und dieser Satz ist durchaus metaphorisch gemeint. Denn hinter der populären Idee vom Ausmisten und Sortieren steht ja die Überzeugung, man könne das eigene Leben irgendwie in den Griff bekommen. Guter Scherz.

Stattdessen sollte man es feiern, wenn es gut ist. Deshalb besitze ich so viel Geschirr, dass ich jederzeit zehn Leute zum Essen einladen kann, ich kann ihnen Suppe in Suppentellern servieren, Nudeln und Dessert auftischen, ohne zwischendurch abwaschen zu müssen. In meinem Schrank stehen auch ein Fonduetopf und ein Raclette-Set. Ich benutze beides so gut wie nie, es beschwert, anders als Marie Kondo meint, mein Leben aber in keiner Weise, dass die Geräte dort in ihren Kartons einstauben. Nein, die Vorstellung, an einem Herbstwochenende viel Schweizer Käse zu kaufen und mit Freunden einen schönen Abend zu verbringen, macht mir gute Laune. Kann sein, dass ich im April feststelle, daraus ist wieder nichts geworden. Das Raclette-Set werde ich trotzdem nicht wegwerfen. Vielleicht habe ich es nur als Stimmungsaufheller. Nach den Kondo-Regeln dürfte ich es dann sogar behalten. Ein kompliziertes Regelwerk.

Es widerstrebt mir, meine persönlichen Dinge allein auf ihren Nutzen zu reduzieren, zu überprüfen, ob ihr Besitz noch lohnenswert ist oder gute Gefühle auslöst. Die Idee der Effizienz breitet sich aus wie ein Virus, in jeder Nische soll das ökonomische Prinzip gelten. Wie wäre es mit einem neuen Trend? Das Leben gegen dieses Nutzdenken verteidigen.



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 30.09.2017
1.
Unordnung kann aber auch ganz schön anstrengend sein. Seit einer Woche suche ich verzweifelt nach meinem Reisepass. Die alte Matraze liegt vor meinem Kleiderschrank, davor drei Pappkartons. Weil ich an meinen Kleiderschrank jetzt nicht mehr rankomme, ist mein Kleiderschrank jetzt der Schreibtischstuhl. Hosen liegen auf der Sitzfläche, Unterwäsche darunter, ich selbst sitze ganz vorne auf der Kante. Wenn ich mich bewege erhebt sich eine Staubwolke wie ein Krähenschwarm. Diese Situation ist nur teilweise selbstverschuldet, zum anderen Teil einer besonders unerfreulichen Lebenssituation geschuldet, aber ich fände es nicht schlecht, mal wieder auf den Boden zu sehen, und zu wissen, wo ich drauftrete.
max-mustermann 30.09.2017
2.
Jeden Tag "Stunden" damit zu verbringen seinen Kram im Chaos zu suchen ist natürlich viel zeitsparender und macht auch viel mehr Spaß als ein bisschen Ordnung zu halten. Ja ne is klar.
Newspeak 30.09.2017
3. ...
Wie wäre es mit...jeder wie er meint und wie es praktisch ist? Mein Schreibtisch z.B. wuchert regelmäßig mit Papier zu. Das ist am Anfang gut, weil man alles schnell zur Hand hat. Nach einer Weile fängt man an zu suchen. Irgendwann ist es dann so schlimm, dass ein halber Arbeitstag mit Aufräumen draufgeht. Es befreit aber wirklich, sich dann von einem Teil zu trennen und den anderen Teil sortiert wegzulegen. Danach macht es wieder Spaß. Ich finde beides, Ordnung und Unordnung, hat seine Berechtigung. Oder die Wohnung. Nichts ist so deprimierend wie in eine unaufgeräumte Wohnung zurückzukommen.
G. Seiters 30.09.2017
4. Das Leben selbst
ist auch ein "vorübergehender Zustand", der unweigerlich vom Tod abgelöst wird. Trotzdem würde es niemand deshalb gering schätzen. Mit der "Ordnung" ist es wie mit allen Dingen, die Stress auslösen: Wenn man es aus innerem Antrieb macht, ist es kein Stress. Wenn man eine Schönheit in der Ordnung entdeckt und diese wertschätzt, dann ist sie eine Motivation und natürlich Erfüllung. Wenn man allerdings erst einen Ratgeber braucht, ist es wohl verschwendete Zeit.
Grenor 30.09.2017
5. Das Maß halten
Wie bei den meisten Dingen ist es wichtig das Maß zu halten. Ja, es gibt sows wie Ordungsbesessenheit und die ist sicherlich zu viel des Guten. Allerdings ist ein gewisses Maß an Ordnung für viele schon sehr wichtig. Es spart Zeit, es macht auch sauber machen einfacher. Es ist einfach etwas das auch bei vielen etwas Selbstrespekt ausdrückt.
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