Fotografin Sage Sohier Meine wunderschöne Mutter

Die Fotografin Sage Sohier hat über viele Jahre hinweg ihre eigene Mutter Wendy porträtiert. Nun erscheint ihr Bildband "Witness to Beauty" - eine intime Hommage an eine lebensfrohe Schönheit.

Sage Sohier/ Kehrer

Ein Interview von Lisa Srikiow


SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie ausgerechnet Ihre Mutter für die Serie "Witness to Beauty" porträtiert?

Sage Sohier: Meine Mutter hat echte Star-Qualitäten - selbst heute mit ihren 89 Jahren. Ich habe endlich erkannt, dass das für andere Leute interessant sein könnte. Außerdem ist ihr Haus sehr farbenfroh, eine prächtige Kulisse. Als sie 16 Jahre alt war, machte der bekannte Fotograf Richard Avedon ein Bild von ihr, zusammen mit anderen Mädchen. Ihm gefiel das Foto, und er ermutigte sie, als Model zu arbeiten. Er hat sie sozusagen entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange arbeiteten Sie an der Serie?

Sohier: Von 2000 bis 2014. Mein Buch enthält außerdem zahlreiche Model- und Werbefotos meiner Mutter. Die Bilder ihrer glamourösen Jugend sind ein rührender Kontrast zu meinen Fotos, die zeigen, wie sie altert.

SPIEGEL ONLINE: Welche waren die ersten Bilder, die Sie für das Projekt machten?

Sohier: Das waren "Self-portrait with Mum" und "Mum and I in bathrobes". Als ich sie machte, waren die Fotos allerdings noch für ein semi-dokumentarisches Projekt gedacht, an dem ich arbeitete. Ich hatte versucht, meine Freunde mittleren Alters mit ihren alternden Eltern zu fotografieren. Doch diese Bilder waren ziemlich langweilig und ich wollte herausfinden, wie ich sie verbessern könnte. Ich flog nach Washington, um meine Mutter zu besuchen. Ich fordere meine Studenten stets auf, sich selbst und ihre Familien zu fotografieren. Also dachte ich, dass es an der Zeit wäre, es ebenfalls auszuprobieren. An diesem Wochenende machte ich also diese Bilder und als ich sie ausdruckte, erschienen sie mir gleich viel interessanter als die bisherigen Fotos. Ich erkannte, dass ich mich bei diesem Projekt ganz auf meine Mutter konzentrieren sollte.

ANZEIGE
Sage Sohier:
Witness to Beauty

Englische Ausgabe

Kehrer Verlag; 108 Seiten; 39,90

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie auch Ihre Schwester und sich selbst porträtiert?

Sohier: Wir beide dienen als Kontrast zu meiner Mutter. So wird klar, wie sehr sie sich von anderen Leuten unterscheidet. Außerdem erzählen die Bilder etwas über die verschiedenen Generationen und die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Und ich liebe es, dass der Betrachter teilweise nicht erkennt, wer die Mutter und wer die Tochter ist. Unsere Mutter hatte nämlich kosmetische Eingriffe, im Gegensatz zu meiner Schwester und mir. Wir sehen oft älter aus als sie.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Motive und Hintergründe ausgewählt?

Sohier: Viele Fotos basieren auf Erinnerungen oder Bildern meiner Kindheit. Mir war klar, dass ich ein Bild meiner Mutter im Badeanzug machen wollte. Früher hatte sie stets darauf bestanden, dass wir Badekappen tragen. Sie sind also eine Verweis auf diese Zeit. Auch das Bild von ihr in der Badewanne mit mir daneben ist eine Referenz. Wir verbrachten früher oft Zeit miteinander, wenn sie ihr abendliches Bad nahm. Auch ihre Schönheitsrituale - zum Beispiel das Bleichen oder Schminken - sind Erinnerungen meiner Kindheit. Außerdem wollte ich sie in den Spiegeln eines Kaufhauses fotografieren, weil wir uns früher beim Einkaufen immer zusammen in die Umkleidekabinen gequetscht hatten. Einige Motive entstanden natürlich ungeplant. Als Dick, der Lebensgefährte meiner Mutter starb, war ich zufällig da. Auch die Bilder während der Delfinbeobachtung, dem Minigolfen oder beim Essen in Vietnam waren spontan. Sie entstanden bei gemeinsamen Reisen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es, mit Ihrer Mutter zusammenzuarbeiten?

Sohier: Sie war sehr geduldig und eine gute Schauspielerin. Wir diskutierten jedes Mal unsere Vorgehensweise. Viele der Bilder entstanden mithilfe eines Stativs und mit natürlichem Licht - es war bemerkenswert, wie lange sie eine Pose halten konnte. Das Titelbild von ihr in der Badewanne war eine zweisekündige Belichtung. Ich kenne niemanden, der so lange still halten kann. Aber obwohl es leicht war, das Einverständnis meiner Familie zu bekommen, musste ich aufpassen, das nicht zu sehr auszunutzen. Wissen Sie, Fremde sagen einfach Nein, wenn sie nicht mehr fotografiert werden wollen. Aber meine Familie ist mir gegenüber natürlich viel großzügiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es früher für Sie, eine so schöne Mutter zu haben?

Sohier: Als Kind war ich oft meist sehr stolz auf ihr Aussehen. Ich denke, es gab mir das Gefühl auch besonders zu sein. Ihre Schönheit setzte mir also nie zu. Vielleicht nur, dass sie manchmal versuchte, mich zu perfektionieren oder mich zu einer Frau zu machen, die ich nicht sein wollte. Wir waren beide sehr dickköpfig, wissen Sie. Die Sechzigerjahre, während der ich aufwuchs, waren eine vollkommen andere Ära als die Dreißiger- und Vierzigerjahre - die Jugendzeit meiner Mutter. Ihre Modelaufnahmen sind kulturell sehr interessant. Sie zeigen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben und wie weit Frauen gekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt Ihre Mutter mit dem Altern zurecht?

Sohier: Sie ist unglaublich. Sie ist stoisch, flexibel, robust und macht aus allem das Beste. Für mich ist sie ein Vorbild, wie man das Alter genießen kann. Darüber bin ich sehr froh. Und natürlich hat sie es geschafft, wesentlich jünger auszusehen als sie ist. Außerdem schaut sie stets nach vorne, voller Lebensfreude. Sie fährt noch immer, reist und macht nie einen Mittagschlaf. Meine Schwester und ich sind überzeugt, dass sie uns überleben wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die alten Fotos und Ihre Bilder Ihrer Mutter betrachten, wie definieren Sie Schönheit?

Sohier: Äußere Schönheit ist die Domäne der Jugend. Aber dann gibt es noch liebenswerte, lebendige und rücksichtsvolle Menschen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass gut aussehende Menschen nur dann wirklich schön sind, wenn sie auch diese Qualitäten besitzen. Das macht sie besonders anziehend für andere. Und meine Mutter besitzt natürlich alle diese Vorzüge.

Das Interview führte Lisa Srikiow für das Fotoportal seen.by

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 06.12.2016
1.
wundervoll fotografiert
Minette 06.12.2016
2. Eine schöne Frau
ohne jeden Zweifel. Und perfekt inszeniert. Mir erscheint die Dame im Alter beinahe schöner als in der Jugend. Nur sieht eine 89 jährige normalerweise nicht mehr so aus. Ich denke an "Mamarazzi", die mit 98 Jahren sehr gut aussieht, eine Grande Dame. In wahrer Würde gealtert.. Nicht fast faltenlos und jugendlich, das erscheint geschönt
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.