Die Sapeurs von Brazzaville Kongos Dandys

Was ist die passende Kleidung für ein Leben in Armut? Geht es nach den Sapeurs, dann kann die Antwort nur lauten: Designermode. Doch hinter dem sonntäglichen Schaulaufen steckt mehr als nur Eitelkeit.

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In ihren schicken Anzügen schlendern die zehn Kongolesen eine staubige Straße entlang. Es ist eine bizarre Szene. Sie stampfen mit den Füßen auf, lüpfen ihre Hosen, zeigen ihre bunten Socken. Zwischendurch tänzeln sie, bleiben stehen, schauen ernst und wedeln sich Luft zu mit ihren Einstecktüchern. Einige reißen ihre Jacketts auf, damit man die Labels europäischer Luxusmarken sieht.

Die Männer sind Sapeurs. Was hier stattfindet ist ein "Fashion Battle". Sapeurs sind Anhänger der Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes, was so viel bedeutet wie "Vereinigung der Nachtschwärmer und eleganten Menschen", kurz SAPE. Die staubige Piste in Brazzaville, Hauptstadt der Republik Kongo, ist ihr Laufsteg und ihre Arena.

Die Regeln sind klar definiert: Sauberkeit und zivilisiertes Verhalten sind die obersten Gebote. Kleidung von einheimischen Schneidern gilt als No-Go, Fälschungen sowieso. Tragbar sind eigentlich nur Marken aus Frankreich und Italien: Yves Saint Laurent, Jean-Paul Gaultier, Armani - diese Liga. Japaner gehen auch, Hauptsache die Logos sind zu erkennen. Schuhe kommen bestenfalls von Weston oder Church's.

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Schaulaufen im Slum: Haute Couture als Lebenskunst

Die exklusiven Kleidungsstücke sind aber nur ein Kriterium, auf das Gesamtkunstwerk kommt es an. Es zählen auch Gesten, Posen und Grimassen. Jede Bewegung ist einstudiert.

Der sonntägliche Auftritt der Sapeurs ist eine willkommene Abwechslung für die Anwohner. Menschen halten inne im nachbarschaftlichen Schwatz. Der Eisverkäufer vergisst, seine Kunden zu bedienen. Kinder schauen über die Hofmauer. Jugendliche stoppen ihr Fußballspiel. Diese Show will keiner verpassen. Die Männer genießen die Aufmerksamkeit, schauen dabei aber betont unbeteiligt. Das gehört zur Inszenierung.

Als Sapeur hat man Verpflichtungen

Bei den Auftritten geht es auch darum, sich von den anderen abzuheben. "Man will allen zeigen, dass man erfolgreich ist, weil man sich teure Sachen leisten kann", erklärt Patience Moutala, der heute ein rosa Jackett gewählt hat.

Ihren exklusiven Geschmack können sich viele Sapeurs eigentlich nicht leisten. Für ihre Kleidung geben sie das wenige Geld aus, das sie haben. Sie leben dafür auf kleinstem Raum, verzichten auf ein Auto oder eine Klimaanlage. Doch wenn sie ihren Kleiderschrank öffnen, hängt dort ein Schatz. Wie sie das hinkriegen, darüber sprechen sie nicht so gerne.

Manche nähen einfach Markenetiketten in ihre Garderobe. Für diese Label gibt es genauso einen Markt wie für gebrauchte Designeranzüge. Neuware können sich die wenigsten leisten. Andere tauschen ihre Imponier-Kleidung untereinander.

"Wir verehren das Dandytum", sagt Férole NGouabi, der eigentlich Feuerwehrmann ist und mit seinen Geschwistern bei seiner Mutter lebt. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der schöne Kleidung liebt, und einem Sapeur. Man braucht nicht nur schöne Kleidung. Sie richtig zu kombinieren, ist eine besondere Fähigkeit der Sapeure."

Das Äußere bestimmt das Innere

Ist die SAPE ein Club von Narzissten? Nein, meint NGouabi. Er will mit dem modischen Auftritt nicht nur blenden. Er will mit der Schale auch seinen Kern verändern. "Wenn du dich schick anziehst, hält dich das davon ab, dich zu schlagen. Oder an schmutzige Orte zu gehen. Es hält dich von allem Negativen fern." Für ihn ist die SAPE eine Lebenshaltung.

Ihren Ursprung hat die Gesellschaft der feinen Herren in den Zwanzigerjahren. "Unsere Vorfahren haben bei den Weißen als Hausangestellte gearbeitet. Sie sahen, wie die Weißen sich anziehen und haben diesen Stil in unsere Viertel gebracht", erklärt Kevin Samba. Schon damals war es ein Wettstreit.

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"Wer etwas besser gekleidet war, sagte: im Gegensatz zu mir lebt ihr doch noch im Dschungel", so Patience Moutala. Er schaut dabei demonstrativ auf seine goldene Uhr. Diese Geste ist von Bedeutung. Es ist eine Parodie auf die französischen Kolonialherren, die immer die Zeit im Blick hatten, weil sie so beschäftigt waren, oder mit den Füßen stampften, um den Staub von den Schuhen abzuschütteln.

Die SAPE steht für Stolz und Selbstbewusstsein der kongolesischen Kultur. Diese Haltung macht die Sapeurs in Brazzaville so beliebt. Es ist eine Alltagsflucht gespickt mit Selbstironie. Ein Statement ihrer Lebensphilosophie: "Jeder kann im Leben verkörpern, was er verkörpern möchte. Respektiert Euch selbst wie die anderen und nehmt die Widrigkeiten nicht so schwer - Leben ist Leichtigkeit."


Wenn Sie mehr über die Sapeurs erfahren möchten: Arte zeigt am Samstag, den 22.9., ab 8.40 Uhr die zwölfteilige Dokumentation "Äquator - Die Linie des Lebens". Die Sapeurs sind in der Folge "Träume am Breitengrad 0" zu sehen (10.25 Uhr).



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