Semperoper Schöner Schein

Heute vor 177 Jahren wurde die Semperoper eröffnet. Spätestens seit der Wiedervereinigung ist sie ein internationales Touristenziel. Was nur wenige wissen: Was wie Marmor aussieht, ist in Wahrheit Gips.

Semperoper in Dresden
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Semperoper in Dresden

Von Klaus Umbach


Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel aus dem SPIEGEL 48/1997.

Was für ein Prachtstück! Diese weite harmonische Rundung mit ihrer üppigen Figuration; diese plastisch ausgeleuchtete Exedra, pompös wie ein Triumphbogen; hoch oben, als Krönung, die bronzene Panther-Quadriga; unten, am Eingang, die sitzenden Dichterfürsten: Goethe links, Schiller rechts, der staunende Tourist inmitten.

Spätestens seit der Wiedervereinigung ist der Semperbau, einst von Hofarchitekt Gottfried Semper (1803 bis 1879) entworfen, ein internationales Touristenziel, und was vielen Erstbesuchern als ein Bollwerk aus der Florentiner Hochrenaissance erscheint, ist tatsächlich ein Monument der DDR-Denkmalspflege.

255 Millionen Mark hat seinerzeit der Arbeiter-und-Bauern-Staat in den Aufbau des 1945 ruinös zerbombten Juwels gesteckt.

Stuck und Portale mit güldenem Zierrat in Hülle und Fülle; an allen Ecken und Enden edelste Materialien, über deren kalte Pracht die Touristenhände streicheln. Aber was die meisten für echten Marmor halten mögen, ist nichts anderes als eine sorgfältig angerührte und perfekt polierte Pampe aus Modellgips MG 11, Farbengemisch, Bindemittel und Adermasse - ein schöner Schwindel, den seinerzeit der VEB Ellrich-Cleysinger Gipswerk, die Brigaden der Stukkateure, die Bau- und Montagekombinate sauber bewerkstelligt haben.

Echt oder Bluff - egal. Mögen nüchterne Betrachter den Semper-Tempel als knuspergoldige Pralinendose ächten oder die - ungleich zahlreicheren - Schwärmer ihn als einzigartigen Schmuckkasten anhimmeln: Sehen wollen ihn alle. Rund 600.000 Gäste pilgern im Jahr durch die heiligen Hallen, bloß so zum Gucken.



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