Architekturfotografie aus Bayern Schwarz-weiße Herrlichkeit

Bayern besteht nicht nur aus Schloss Herrenchiemsee und Neuschwanstein: Zeitgenössische Bilder der Fotografin Sigrid Neubert zeigen ein Voralpenland der schicken Spätmoderne.


Wie eine überdimensionale Satellitenschüssel ragt die Antenne der Erdfunkstelle Raisting in den gewitterwolkenverhangenen Himmel. Dahinter, verschwindend klein, der Zwiebelturm der oberbayerischen 2000-Einwohner-Gemeinde. Am Horizont sind schneeweiße Bergspitzen zu sehen. Die frühen Bilder der Fotografin Sigrid Neubert zeigen Beispiele moderner Nachkriegsarchitektur, mit denen man den Voralpenraum nicht unbedingt in Verbindung bringen würde.

Ab der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre dokumentierte Neubert die Arbeit bedeutender Architekten in München und Bayern, aber auch in Österreich. Rund 30 Jahre fotografierte sie für Kurt Ackermann, Alexander von Branca, Walther und Bea Betz, Hans-Busso von Busse, Hardt-Waltherr Hämer, Gustav Peichl und Karl Schwanzer, aber auch für hervorragende, heute zu Unrecht in Vergessenheit geratene Architekten wie Herbert Groethuysen, Detlef Schreiber oder Paul Stohrer.

"Bayern hatte nicht so die Szene wie Berlin", sagt Frank Seehausen. "Dafür gab es hier eine unglaubliche Vielfalt." In seinem neuen Bildband zeigt der Architekt mit den Fotografien Neuberts Beispiele süddeutscher Baukunst, die noch heute das Flair amerikanischer Spätmoderne versprühen: funktionale Architektur wie die Satellitenanlage von Raisting. Aber auch praktische öffentliche Gebäude im Bauhaus-Charme wie zum Beispiel die Universitätsbibliothek Regensburg oder das Reuchlinhaus in Pforzheim: ein Museumskomplex mit weiten Glaskastenfenstern und quadratisch strukturierten Außenfassaden.

Sigrid Neubert wurde zuletzt mehr durch farbintensive Naturfotos bekannt: Parkanlagen, Detailaufnahmen von Blütenblättern. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren fotografierte sie aber hauptsächlich Architektur. Mit ihren einprägsamen Fotografien - die Besonderheit liegt in starken Lichtkontrasten - machte die heute 90-Jährige die ikonische Wirkung vieler bekannter Bauwerke weltweit bekannt.

Beinahe sämtliche Architekturfotos von Neubert sind in schwarz-weiß abgezogen. "Sie hatte ein gutes Gespür für die Besonderheiten jedes Bauwerkes", sagt Seehausen. "In schwarz-weiß funktionierte das für sie am besten." Aus Licht und Schatten formen sich auf den Fotografien die schnörkellosen Kanten moderner Nachkriegsarchitektur: glatte Fassaden, schroffe Betonflächen. Manche Gebäude wirken steril, stehen für sich, so wie die Zentrale der Hypobank am Arabellapark in München.

Neubert wartete oft Wochen, bis sie den passenden Lichteinfall fand. Für eine Fotoserie zum BMW-Verwaltungshaus in München begleitete sie sogar den gesamten Bauprozess: 1972 stand sie mit Kamera an der Baustelle, wenige Meter vom damals frisch angelegten Olympiapark entfernt. Nach und nach floss der Betonkern in die Bodengrube, wuchsen sieben Stockwerke in den Himmel. Ein Jahr später beendete Neubert ihre Bildserie.

"Neubert brauchte den perfekten Moment"

"Architekturfotografie ist Zeit", sagt Seehausen. "Neubert brauchte den perfekten Moment, um ein Gebäude in Szene zu setzen." Auf den Fotos zeichnet Neubert die Konturen der silbrig glänzenden Aluminiumfassade nach. Auf Innenaufnahmen des BMW-Museums schlängeln sich Fahrbahnen, scheinbar ohne Anfang und ohne Ende. Vom Boden führt eine Rolltreppe in ein überbelichtetes Nichts.

Auf späteren Fotografien wird das Lebensgefühl der Sechziger- und Siebzigerjahre auch atmosphärisch greifbar. Die Universitätsbibliothek Regensburg erscheint als abgeschlossenes Idyll. Hinten die streng geometrischen Fassaden des Lesesaals. Vorne sitzt eine Gruppe Studenten am Teichufer. "Die Bibliothek ist hier als Campus konzipiert", sagt Seehausen. "Das Bild zeugt von einer Zeit, in der auch Arbeiterkinder studieren sollten."

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Frank Seehausen, Ludger Derenthal (Hrsg.):
Sigrid Neubert: Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne

Hirmer Verlag; 336 Seiten; 45 Euro

Viele der abgelichteten Gebäude sind kaum noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten, fielen Umbaumaßnahmen zum Opfer oder sind inzwischen komplett verschwunden. Das frühere Bürogebäude des Süddeutschen Verlags am Färbergraben etwa wurde 2009 abgerissen. "Architektonisch und handwerklich war das Maßarbeit", sagt Seehausen. Neuberts Fotografien zeigen glatt polierte Fassaden aus schwarzem Aluminium. Symmetrische Bürogänge spiegeln sich in den Glastüren ins Unendliche. Bürosessel, Schreibtische, sogar Aschenbecher sind in rechten Winkeln wie zu Stillleben arrangiert. Denkmalschützern galt das Gebäude als Beispiel hochentwickelter Architektur, im Stil prominenter Vorbilder wie Mies van der Rohe.

"In ein paar Jahren könnten viele Werke in Vergessenheit geraten", sagt Seehausen. "Mit den Fotografien bleiben sie zumindest dokumentarisch erhalten."


Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin zeigt noch bis zum 3. Juni 2018 eine Sonderausstellung im Museum für Fotografie: "Sigrid Neubert - Fotografien. Architektur und Natur", Di, Mi, Fr, Sa + So 11 - 19 Uhr, Do 11 - 20 Uhr.



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