Social Design Eine bessere Welt ausarbeiten

Solartische, DIY-Webstühle, eine Stuhlmanufaktur als NGO: Design wird politisch. Und damit wandelt sich die Rolle der Designer selbst. Sie wollen die Gesellschaft verändern.

Michael Tsegaye

Von


"Wir müssen aufhören, die Welt zuzumüllen mit schlecht designten Objekten", schreibt Viktor Papanek. "Design muss, um ökologisch und sozial verantwortlich zu sein, revolutionär und radikal sein." Design also: hochpolitisches Werkzeug. Als sei es gar nicht anders denkbar. Das Erstaunliche: Der Text ist fast 50 Jahre alt. Überschrift von Papaneks Ansatz: "Design für die reale Welt".

Dass das Vitra Design Museum derzeit eine große Ausstellung über den Design-Aktivisten Viktor Papanek zeigt, ist nur ein Symptom von vielen, dass sich etwas dreht. Und Design, Kunst und Architektur politischer werden, sich als "Social Design" begreifen: "Es ist der Gegenentwurf zu einer entfesselten Konsumgesellschaft, die weiterhin Wachstum propagiert. Und das, obwohl klar ist, dass die Ressourcen nicht reichen, wenn wir so weitermachen", sagt Angeli Sachs, die fürs Züricher Museum für Gestaltung die aktuelle Ausstellung über "Social Design" kuratierte und alle Beispiele auch in einem Buch zusammengetragen hat: Ökologisch, sozial verantwortlich, mit den Menschen zusammen nach Lösungen suchen, statt fertige Objekte, finale Stadtplanung wie vom All aus auf sie abzuwerfen.

Wie bei der Solarlampe "Little Sun" von Künstler Olafur Eliasson, die es Menschen in Gegenden ohne Stromanschluss ermöglicht, genug kostenloses Licht zu haben, um zu arbeiten, zu lernen, mit Freunden zu sein, kurz: zu leben. Oder dem "Flying8"-Webstuhl, den sich der Hamburger Weber Andreas Möller zusammen mit der GIZ ausgedacht hat, und der aus ein paar Holzstücken, Pappe, Klebeband und Schnüren mit wenigen Handgriffen zu bauen ist. Und auch beim Wohnprojekt einer Gruppe in Liverpool, die als Treuhand-Kollektiv gemeinsam leer stehende Häuser in vier Straßenzügen vor dem Verfall retteten und renovierten - für bezahlbaren Wohnraum.

Fotostrecke

10  Bilder
Fotostrecke: Überleben dank Design

"Designer geraten gerade in eine neue Rolle", sagt Angeli Sachs. Die politische und gesellschaftliche Erschütterung reiche tief in die Design- und Architekturbranche hinein, beobachtet sie. Dazu verbreite sich die Strategie, mit den Erlösen gut dotierter Aufträge Projekte in Social Design zu finanzieren. "Das ist aber keine Erfindung der Gegenwart", sagt Sachs. "Immer wenn die Welt im Krisenzustand ist, gibt es Gegenbewegungen: Zur Industrialisierung, nach dem Ersten Weltkrieg oder in den Sechziger- und Siebzigerjahren entstand Design mit sozialer Relevanz, Design für die Gesellschaft." Vor allem aber gehe es darum, dass der ökonomische Ansatz stimme: "Wenn es wirtschaftlich nicht funktioniert, ist es nur guter Wille."

ANZEIGE
Angeli Sachs, Museum für Gestaltung Zürich (Hrsg.):
Social Design - Participation and Empowerment

Lars Müller Publishers; 192 Seiten; 25,- Euro

Design mit Wirkung auf Käufer und Umwelt: Zwei, die genau das liefern, sind Marjan van Aubel und Corinna Sy. Die Holländerin van Aubel bezeichnet sich als "Solar-Designerin". Gerade neu entstanden und schon mit Preisen bedacht: "Power Plant", eine Indoor-Farm, die Gemüse, Salat, Kräuter vertikal wächsen lässt - aber anders als andere vergleichbare Ideen eben mit Solarenergie. Ihr "Current Table" - ein Tisch aus Solarzellen, mit dem man akkubetriebene Geräte aufladen kann - soll demnächst in Massenproduktion gehen. Sie will für die Masse entwerfen, keine Luxusartikel. "Öko ist wichtiger als Ego", sagt van Aubel.

Corinna Sy hat das Berliner Designkollektiv "Cucula" 2014 mitbegründet. Der Kern: ein Stuhl, 1975 entworfen vom Italiener Enzo Mari, nun von Geflüchteten nachgebaut aus recyceltem Holz. Sie wurden ausgebildet, bekamen Arbeit und Aufgabe, stellten ein Produkt her, das andere kaufen konnten. Ein Angebot zur Selbstermächtigung. Aus den Designern wurde eine NGO. Die Stühle sind alle ausverkauft, auch die Tische, Bänke, Regale, die dazu entstanden.

Gerade basteln Sy und ihr Team am nächsten Projekt. Wenn alles gut läuft und die Förderung steht, startet es im kommenden Jahr. "Meine Sicht als Designerin hat sich dank Cucula stark verändert", sagt Sy. "Wir haben uns hingestellt und einen Gegenentwurf formuliert - um zu zeigen, wie wir Strukturen verändern wollen." "Sketching Utopia", haben sie es genannt. Design müsse sich stärker mit Politik auseinandersetzen, Verantwortung übernehmen: "Wir können mit Gestaltung Konsum und Haltung beeinflussen", sagt Sy.

ANZEIGE
Christoph Rodatz und Pierre Smolarski (Hrsg.):
Was ist Public Interest Design? - Beiträge zur Gestaltung öffentlicher Interessen

transcript Verlag; 412 Seiten; 34,99 Euro

Dass sich die Anzeichen mehren, zeigen nicht nur van Aubel und Cucula, nicht nur die Ausstellungen über Papanek und "Social Design", nicht nur all die beeindruckenden Objekte, die allein die Plattform "What Design Can Do" versammelt und die regelmäßig neue Wettbewerbe ausruft. Da sind etwa die Feiern zum 100. Jubiläum des Bauhaus-Manifests, das ein Plädoyer war für klassenloses Design mit "dem Volke". Ebenso dazu gehört die aktuelle, ökologisches Bewusstsein sensibilisierende Schau im Berliner Museum für Gegenwart sowie die Ausstellung über "Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters", die im September im Kunstmuseum Wolfsburg anläuft.

Gerade erschien auch ein beeindruckender Sammelband über "Public Interest Design". (Das Buch gibt es hier als kostenloses PDF.) Und schon 2017 - als im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt verschiedene Entwürfe vorgestellt wurden, die Geflüchteten am besten ein neues Zuhause sein könnten - erklärte Direktor Peter Cachola Schmal, nicht nur Architekten müssten politischer werden: "Alle sollten sich fragen, was sie beitragen können. Die Zeit, in der man sich mit Luxusproblemen beschäftigen konnte, ist vorbei."

Wie gründlich sich die Rolle von Designern wandeln wird, zeigen auch die neuen Ansätze an den Hochschulen. Immerhin gibt es seit zwei Jahren einen entsprechenden Masterstudiengang in Wuppertal, in Bozen seit drei, in Wien seit sechs. Hier wird gelehrt, Entwürfe mit denen zu erarbeiten, die das Objekt nutzen oder bewohnen werden. Nicht nur Designer werden von ihrer Künstlerhoheit abgeben. Mehr noch: Es werden Dinge entstehen, die wirken. Dinge, die helfen, die Umwelt zu verbessern, die den Menschen neue Perspektiven öffnen.

"Überleben durch Design", nannte es Viktor Papanek. Was 1971 noch nach fernster Utopie klang, ist heute eine Fünf-vor-zwölf-Realität.


Ausstellungen

"Social Design", Museum für Gestaltung, Zürich; noch bis 3. Februar 2019. Ab 29. März bis 27. Oktober im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

"Viktor Papanek. The Politics of Design", Vitra Design Museum, Weil am Rhein; noch bis 10. März 2019

"How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions", Hamburger Bahnhof, Berlin; noch bis 12. Mai 2019

"Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters", Kunstmuseum Wolfsburg; 29. September 2019 bis 16. Februar 2020

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
uksubs 14.01.2019
1. schade
dass zu so einem thema kaum beiträge vorhanden sind. ich denke, jedes dieser projekte verdient förderung und zudem sollte es jeden einzelnen dazu ermuntern, im eigenen umfeld auf nachhaltigkeit zu achten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.