"Sound of Design" in der Pinakothek der Moderne Quietsch, dröhn, schepper, klick

Die Pinakothek der Moderne hat ihre Designsammlung um Töne erweitert. Denn kaum ein Ding funktioniert geräuschlos. Die Besucher erwartet nun eine akustische Reise bis ins Jahr 1810. Hören Sie rein!

Tonspurgerät
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Tonspurgerät

Von Franziska Horn


Als stumme Diener waren sie nie konzipiert, die rund 100.000 Objekte der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Vom Kurbeltelefon bis zum Küchengerät, vom Kleinempfänger zur Kamera: Die heute ikonischen Gebrauchsgeräte der wohl größten Designsammlung der Welt prägten zu ihrer Zeit das Alltagsleben, optisch - vor allem aber auch akustisch. Ihr Rauschen und Knacken, Knattern, Klackern, Klicken und Piepen, Quietschen und Rasseln, Dröhnen und Scheppern bildete den Klangteppich für Arbeits- und Freizeit.

Doch seit Entstehen des Designbegriffs wird hauptsächlich über die gute Form und ihre Gestaltung diskutiert, über Optik, Haptik, Textur und Material. Weil Verstehen aber nicht zuletzt über das Hören funktioniert, hat Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung, einen originellen und bisher einmaligen Weg gewählt, um Besuchern sogenannte "sound journeys" zu eröffnen, physische Erfahrungen also, die den zum Schweigen verurteilten Exponaten die ursprünglichen Begleittöne zurückgeben. "Dafür haben wir die Funktionsgeräusche von 49 Objekten zu einer auditiven Kollektion zusammengestellt, die wir zuvor in einer Klangkabine eingespielt hatten. Voraussetzung war natürlich, dass die historischen Geräte einwandfrei funktionierten", sagt Nollert.

Mit Akribie haben die Ausstellungsmacher Geräusche von vor mehr als 100 Jahren festgehalten, haben den Sound des Wirtschaftswunders und der Walkman-Ära eingespielt, haben Schalter, Hebel und Rücklauftasten bewegt, Knöpfe gedrückt, Blenden, Klappen und Deckel geschlossen, an Spulen gedreht oder Kassetten ausgeworfen. In einer eigens für die Ausstellung programmierten App lassen sich die verschiedenen Tonkollagen nun anhören, in bis zu fünf Tonspuren mischen und sogar als Klingelton herunterladen.

Bei allem Klingen der Dinge geht es den Ausstellungsmachern aber um weit mehr als bloß eine phonetische Spielerei. "Wir möchten die Besucher für das Wahrnehmen von Alltagsgeräuschen sensibilisieren", sagt Florian Clemens Käppler von der Stuttgarter Agentur Klangerfinder, der die Idee mitentwickelt hat. Käppler weiß: "Das Hören ist unser wichtigster Warnsinn, wir hören nonstop und das in 360 Grad, selbst wenn wir schlafen."

Käppler, Jahrgang 1969, hat sein Leben der Welt der Töne verschrieben: Er studierte Filmkomposition sowie Jazz- und Popularmusik am Berklee College of Music in Boston, bevor er Schallplattenverträge unterschrieb, mit Bands und internationalen Showstars auf Tournee ging und als Artdirector sowie Klangkünstler für Musik, Film, Events, Museen und Werbung arbeitete. Aus seinem Atelier stammt unter anderem das tieffrequente Soundlogo mit dem bekannten Herzschlagmotiv für die Marke Audi. "In der Objektgestaltung wird generell eher fürs Auge designt", sagt er. Erst seit rund 25 Jahren würden Funktionsgeräusche überhaupt in den Designprozess einbezogen.

Dass die Bedeutung des Hörens beim Gestalten mitunter vernachlässigt wurde, dafür findet Käppler Beispiele: "Ein Kollege bezeichnete einmal die heutigen Intensivstationen von Krankenhäusern als 'akustischen Vorhof zur Hölle', dessen Signale vorrangig für das Personal erdacht wurden, oft aber eine Irritation für den Patienten bedeuten, denn die steten Signaltöne halten ihn unterschwellig im Alarmzustand."

Heute gehören Akustikingenieure längst zum Gestaltungsprozess, das erstreckt sich vom Zuschlagen einer Autotür über das Laune machenden Ploppen eines Flaschenverschlusses bis hin zum krossen Knacken von Kartoffelchips. Mitunter werden auch Töne in Geräten installiert, wo gar keine hingehören: Das Ticken eines Blinkers beim Abbiegen zum Beispiel, obwohl die KFZ-Industrie längst keine Relais-Schaltungen mehr verbaut. Oder das Klick-Geräusch beim Auslösen der Fotokamera in Smartphones - ein reiner Anachronismus.

"Diese Geräusche sind im universellen Klangvokabular verankert und werden übernommen, weil sie verlässliche Werte bieten oder sogar Sicherheit", sagt Käppler. Das sei aber in etwa so, als hätten Carl Benz und Gottlieb Daimler ihren Verbrennungsmotor mit Pferdegetrappel vom Band überspielt, weil die Menschheit eben bis dahin akustisch so konditioniert war. "Ein Geräusch sollte jedoch in seiner Funktion verankert sein, nicht rückwärtsgewandt."

So ist die Münchner Ausstellung vor allem ein Plädoyer für die Phonetik, für die Sprache der Dingwelt und darüber, wie Geräusche uns Menschen helfen, sich in einer technologisch schnell verändernden Welt zurecht zu finden. Käpplers Wunsch an die Zukunft? "Aktuell feiern wir ja 100 Jahre Bauhaus und damit den Blick des Auges auf die gute Form. Eventuell geht es ja die kommenden 100 Jahre um unsere Ohren und das Wahrnehmen der Welt über das Hören". Und ja, auch museale Konzepte mit einem Zusammenspiel aus Klang, Geruch und Geschmack kann Käppler sich vorstellen - für ihn keine allzu ferne Zukunftsmusik.


Zur Einführung von "Sound of Design" zeigt die Neue Sammlung bis zum 31. Dezember 2020 einen Themenschwerpunkt zur Wirtschaftswunderzeit, in der neue elektrische Geräte und mit ihnen vielfältige Geräusche in den Alltag einzogen.

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insgesamt 3 Beiträge
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ted211 15.03.2019
1. Tonspurgerät
Im letzten Jahrtausend hießen diese Geräte noch Tonbandgerät!
Zündkerze 17.03.2019
2. interessante Perspektive
das Beispiel mit dem Auto und dem Pferdegetrappel hinkt aber etwas. Hätte der Verbrenner keine eigenen Geräusche produziert so wie heute E-Autos, dann wäre vermutlich schon ein Geräusch hinterlegt worden. So wie es eben heute auch die Überlegung bei E-Autos gibt. Übrigens gab es auch mal eine Radio Quiz-Reihe, in der man einen Alltags-Gegenstand nach seinem Geräusch erraten sollte. Würde bestimmt auch gut in die Ausstellung passen.
forscher56 19.03.2019
3. Erst informieren, dann polemisieren
Der klickende Blinker erinnert Sie daran, dass er "gesetzt" ist und Sie ihn tunlichst ausschalten sollten, wenn der Rücksetz-Mechanismus nicht gegriffen hat. Die klickende Digitalkamera soll dafür sorgen, dass nicht jeder ohne Weiteres "heimliche" Aufnahmen machen kann.
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