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Fotos von Stephen Shore: Typisch Amerika

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Stephen Shore ist einer der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart, er prägte die Fotokunst - und unseren Blick auf die USA. In Berlin sind jetzt seine wichtigsten Bilder zu sehen - hier eine Auswahl.

"Die wahren Gefühle können nicht in Farbe übermittelt werden." Der große Fotograf Paul Strand sagte diesen Satz im Jahr 1973 bei einem Essen zu Stephen Shore in, wie der sich erinnert, "väterlicher Freundschaft".

Vergleicht man die Arbeiten Strands und Shores, kann man diese Worte nachvollziehen. Hier ein strenger, klare Linien setzender und oft dokumentierender Ästhet, zur Zeit des Gespräches über 80 Jahre alt. Und dort Shore. Ein Mittzwanziger, sogenannter junger Wilder, der alle Gesetze der amerikanischen Fotografie auszuhebeln scheint.

Shores Arbeiten sind gegenwartsbezogen, holen ihre Einflüsse auch aus Malerei und bildender Kunst, pfeifen auf klassische Ideen des Bildaufbaus. "American Surfaces", Shores Projekt damals, zeigte alles Mögliche. Porträts, Werbeschilder, das Innere von Hotelzimmern, Mahlzeiten, Autos. Eine Zufälligkeit, deren Bestandteile einzeln betrachtet schwer fassbar sind, die als Ganzes jedoch Sinn ergibt.

Absichtlich inszenierte Langeweile

Neun Jahre ist Shore alt, als er seine erste Kamera bekommt. Zwei Jahre später schenkt ihm ein Nachbar "American Photographs" von Walker Evans - ein Standardwerk. Mit 14 verkauft er erste Bilder an das Museum of Modern Art (MoMa). Ein Jahr später stößt er zu Andy Wahols Factory dazu, dokumentiert die Arbeit der Künstler, gestaltet die Bühnenbeleuchtung für The Velvet Underground; Bilder, die mit dem, was Shore einige Jahre danach zum Star des Genres machen wird, wenig zu tun haben, die eher vom Geist der Factory geprägt sind und häufig aus Wiederholungen des immer gleichen Motives bestehen.

Der Shore, den wir kennen, taucht erst 1971 auf: "Greetings From Amarillo: Tall in Texas" nennt sich die Postkartenreihe, die Gebäude der texanischen Stadt abbildet. Stechend blauer Himmel, Gebrauchsarchitektur, versiegelte Flächen, wenig Rasen. Die abgebildeten Sehenswürdigkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine sind, sie beziehen ihre Bedeutung aus reiner Behauptung. Martin Parr veröffentlichte später mit "Boring Postcards" Bildbände, die ästhetisch nach einem ähnlichen Prinzip funktionierten, der große Unterschied: Shore inszenierte auf seinen Postkarten die Langeweile absichtlich.

Auf "Greetings From Amerillo" folgten Projekte wie "American Surfaces" und vor allem "Uncommon Places", die wohl bekannteste Serie Shores. Hier setzte er das Prinzip einer ziellosen Reisefotografie ohne abgesteckte Motive fort. Die "Snapshotness", die Shore hier inszeniert, ist sorgfältiger aufgebaut denn je, was auch an den verwendeten Apparaten liegt: Er arbeitete nicht mehr mit 35-Millimeter-Filmen, sondern mit 4x5-, später mit 8x10-Plattenkameras, die er auf ein Stativ montierte. Dabei, das ist heute kaum noch vorstellbar, bemühte er sich, jedes Motiv nur einmal zu fotografieren, wohl auch aus finanziellen Gründen: Die Kosten für ein Negativ lagen bei mehr als 20 Dollar.

Gruß aus dem Gestern

Das Ergebnis zeigt nach wie vor keine Motive im eigentlichen Sinne - es ist das große amerikanische Nichts, das Shore abbildet. Heute wirken diese Bilder seltsam anheimelnd, vertraut. Das liegt an zweierlei: Zunächst prägte Shore die Fotografie der Gegenwart mit dieser Serie so stark, dass er selbst den Grundstein für jenen Kanon legte, in dem wir ihn heute einordnen. Und dann sind die Bilder von Shoppingmalls aus den Siebzigerjahren, von Straßen, die sich am Horizont verlieren, von Tankstellen, von Kreuzungen und nicht zuletzt von amerikanischen Autos ein wunderbarer Gruß aus der Vergangenheit. Wir erleben ein Amerika, das zwischenzeitlich popkulturell vielfach kontextualisiert wurde, das wir aus Film, aus Fernsehen, aus Musik kennen und an dem wir uns gerne festhalten, weil es so klar konturiert wirkt.

Diese Nostalgie konnte Shore nicht vorab anlegen, nachträglich nahm er sie aber auf: Für Doug Aitkens Kunstreise-Projekt "Station To Station" fotografierte er Winslow, Arizona, jenes Kaff, dem die Eagles 1973 in "Take It Easy", dem vielleicht besten Popsong über Amerika, einige Zeilen widmeten. Es sind die einzigen Bilder Shores, die nicht nach vorne blicken.

Was interessant ist an Shore: Nicht nur stellte er den Status quo der Fotografiekunst immer wieder in Frage. Vor allem wendete er sich mehrfach radikal von seinen eigenen Arbeitsweisen ab - offenbar immer dann, wenn er das Gefühl hatte, ein Prinzip, eine Idee auserzählt zu haben. Vor allem der häufige Bruch in der Motivauswahl ist so zu verstehen: Anfang der Achtzigerjahre zog Shore nach Montana und fotografierte ausschließlich Natur. In den Neunzigern wechselte er nach Europa und von Farbe auf Schwarz-Weiß, wir sehen Bäume, Steine, später archäologische Stätten. Ab 2003 veröffentlicht er mehr als 80 Print-on-Demand-Books, heute lädt er seine Bilder bei Instagram hoch.

Was immer gleich bleibt, ist Shores Suche nach den richtigen Linien, nach den richtigen Bezugspunkten, nach dem Detail. Es ist ein bisschen wie mit den "Das magische Auge"-Büchern aus den Neunzigern: Wenn man nur lange genug drauf guckt, sieht man etwas. Und wenn es das große Nichts ist.


Stephen Shore, bis zum 22.05., CO Berlin
Der Ausstellungsverlag ist bei Kehrer erschienen und kostet 49,90 Euro

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