Stillen in der Öffentlichkeit Brust rein oder Brust raus?

Der Mutter Lou Burns wurde in einem Londoner Luxushotel das Stillen ihres Kindes nur abgedeckt gestattet. Das sorgte für einen Twitter-Sturm gegen das Etablissement - auch vor der Politik machte der Streit nicht halt.

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Anfang Dezember in einem Londoner Luxushotel: Lou Burns, 35, lüftet ihren Pullover im Café des Hotels Claridge's, einem 5-Sterne-Etablissement in der City, um ihre wenige Wochen alte Tochter zum Stillen an die rechte Brust zu legen.

Ein Hotelmitarbeiter kommt und fordert sie auf, ihre Brust mit einer Stoffserviette zu bedecken - und das regt Burns ziemlich auf. Dem "Telegraph" sagte sie später, bei Isidora, ihrem dritten Kind, sei sie zum ersten Mal in der Lage zu stillen, und der Druck auf Frauen sei beim Thema Stillen ohnehin erheblich.

"So viel offensichtlicher als ohne!", schreibt sie unter ein Foto mit Kind an der Brust …

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… und schickt ein weiteres Twitter-Bild hinterher, in dem die halbe Lou Burns und das ganze Kind unter einem gelben Stück Stoff verschwunden sind.

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Lou Burns ist keine Prominente und keine Politikerin, sie ist eine Mutter mit Twitter-Account, die sich im Café eines ziemlich mondänen Hotels mit ihrer Schwester und ihrer Mutter zum Tee traf. Doch beim Thema Brust rein oder Brust raus? schlagen in Großbritannien die Emotionen besonders hoch.

Reihenweise solidarische Tweets folgten, von Stillaktivisten ebenso...

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... wie von vielen anderen - flankiert mit Bildern, die zeigen, wann und wo schon überall öffentlich gestillt wurde, eingeschlossen die Jungfrau Maria und der kleine Jesus, gemalt Anfang des 16. Jahrhundert von Albrecht Dürer.

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Die Woche über diskutierte das Königreich über Brüste in der Öffentlichkeit und wie selbstverständlich das doch eigentlich sei. Schon einen Tag nach dem Vorfall hatte sich das Hotel …

… offiziell entschuldigt, doch die Aufregung blieb. Lou Burns Brust und Kind erreichten auch den stellvertretenden Premier Nick Clegg, der die Haltung der britischen Regierung in einer Radiotalkshow zum Thema erklärte: Es brauche ein Umfeld, in dem Mütter sich gut damit fühlten, zu stillen, und das sei jedem zuzumuten, auch Männern von 18 bis über 80, zitierte der "Guardian" Nick Clegg.

Vor dem Londoner Luxushotel demonstrierten am Samstag rund 100 junge Mütter mit ihren Babys für das Recht auf Stillen in der Öffentlichkeit. Mit der ungewöhnlichen Aktion wollten die Frauen ihre Solidarität mit einer Mutter bekunden.

Nach einem 2010 verabschiedeten Gleichheitsgesetz ist es in Großbritannien verboten, stillende Frauen zu diskriminieren. Die Frauengruppe Free to Feed, die den Protest organisiert hatte, schrieb: "Claridge's glaubt offenbar, über dem Gesetz dieses Landes zu stehen."

Tatsächlich machte der Streit auch vor der Politik nicht halt: Ins Fettnäpfchen trat, wenn auch wenig überraschend, der britische rechtskonservative Nigel Farage von der Ukip. Antworten auf die Frage nach seiner Muttermilch würde Farage wohl spöttisch mit "Ale" oder "Wine" kommentieren, zum Stillen in der Öffentlichkeit hat er eine klare Position: "Wer stillt, soll bitte in die Ecke gehen", sagte er einem Radio-Interviewer. Gerade älteren Briten sei es einfach peinlich, sich das Stillen in der Öffentlichkeit ansehen zu müssen.

Später dann beschwerte er sich, man habe ihn ganz und gar aus dem Zusammenhang gerissen zitiert. Er persönlich habe überhaupt kein Problem mit dem Stillen in der Öffentlichkeit. Nur die alten Briten, also.

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