Streetstyle-Fotografie Der coolste Opa von China

Ein Enkel wollte seinem Großvater zeigen, wie gern er ihn hat. Also steckte der junge Modefotograf den 85-Jährigen, der sein Leben lang nur auf Reisfeldern geackert hatte, in Hipster-Klamotten. Gute Idee.

Ein Interview von

Jesse Ding

Vor Kurzem entstand auf Weibo, dem chinesischen Twitter-Pendant, ein Candystorm: Fotos von einem 85-jährigen Chinesen kursierten da, der Anzug, Krawatte und Hornbrille trägt und dabei so stylisch aussieht, als sei er direkt dem Lifestyle-Magazin "GQ" entstiegen. Auf einem Foto schmaucht Ding Bingcai, so der Name des älteren Herren, eine Zigarre, auf einem anderen scheint er mit einer jungen Frau zu schäkern - und stets blinzelt Sanftmut aus seinen Augen.

Die Weibo-Nutzer waren entzückt. Und auch die klassischen Medien begeisterten sich für den Hipster-Opa. Sie verglichen Ding mit der amerikanischen Streetstyle-Ikone Nick Wooster, die chinesische "Volkszeitung" nannte den Rentner einen "Frauenschwarm". Auf manchen Fotos ist Ding mit einem jungen Chinesen zu sehen; Ding Guoliang, ist Dings Enkel und nennt sich lieber Jesse. Der 30-Jährige hatte das Foto-Shooting mit seinem Großvater organisiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ding, wie kamen Sie denn bitte auf die Idee, ein Fashion-Shooting mit Ihrem Großvater zu machen?

Ding: Ursprünglich wollte ich ihm nur meinen Job zeigen. Ich arbeite als Mode-Fotograf in Xiamen, einer Stadt in Südchina. Mein Opa wusste, dass ich Fotograf bin, hatte aber keine Ahnung, wie ein modernes Fotostudio so aussieht. Also habe ich kurzerhand ein Shooting mit ihm gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr Großvater auf die Idee reagiert?

Ding: Mein Opa ist ein ganz einfacher und sehr umgänglicher Mensch. Er war glücklich, Zeit mit mir verbringen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Kein Widerstand?

Ding: Nein, im Gegenteil, er hat sich gefreut. Mein Opa hatte noch nie einen Anzug an. Es war das erste Mal in seinem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Gefallen ihm die Fotos?

Ding: Ja, ihm gefällt vor allem die Botschaft hinter den Fotos.

SPIEGEL ONLINE: Und die lautet?

Ding: Dass es wichtig ist, sich um seine Familie zu kümmern und Zeit mit ihr zu verbringen. Wir jungen Chinesen sollten das so oft wie möglich tun. Wir sehen unsere Familien nicht so oft. Außerdem zeigen die Fotos, dass auch alte Menschen, die aus einer anderen Zeit stammen, elegant sein können.

SPIEGEL ONLINE: Aus welcher Zeit stammt denn Ihr Großvater?

Ding: Er wurde 1931 geboren. Da herrschte in China Bürgerkrieg; der war erst 1949 vorbei, als Mao Zedong die Volksrepublik gründete. Mein Opa ist ein Bauer gewesen. Er hat Reis angebaut und Kühe gehütet. Er hat Hungersnöte und die Kulturevolution erlebt. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Spricht Ihr Großvater viel von früher?

Ding: Nein, er spricht ja generell nicht so viel.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft sehen Sie Ihren Großvater?

Ding: In letzter Zeit ein bisschen öfter, weil er jetzt in Xiamen lebt. Er wohnt bei einem meiner Onkel. Das war aber auch schon anders. Immer, wenn mein Onkel umzieht, zieht mein Opa mit um. Unsere Familie ist zwischen Xiamen und Shanghai zerstreut, zwischen den Städten liegen ungefähr tausend Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Familie Ihres Großvaters?

Ding: Er hat fünf Kinder und zehn Enkel.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos sind in China gut angekommen. Auf Weibo, Chinas Twitter-Pendant, wurden sie vielfach geteilt und kommentiert, es kursierte das Hashtag "Chinas coolster Großvater", schließlich wurden Sie sogar ins Fernsehen eingeladen. Was haben die Menschen in Ihren Fotos gesehen?

Ding: Ich glaube, ihnen hat der Kontrast gefallen. Normalerweise sind ältere Chinesen nicht so schick angezogen, sondern tragen sehr simple Kleidung. Einen alten Mann so elegant zu sehen, war für die meisten etwas Neues. Außerdem sehen die jungen Chinesen, die in den großen Städten leben, ihre Familien einfach selten. Wenn wir Familienfotos angucken, werden wir schnell sentimental.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Fotos im Dezember auf Weibo hochgeladen, wenige Wochen vor dem chinesischen Neujahr.

Ding: Das war wahrscheinlich auch ein Grund. Die Fotos haben viele Leute daran erinnert, dass bald das neue Jahr beginnt und es Zeit ist, mal wieder nach Hause zur Familie zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihren Großvater am Neujahrsfest besucht?

Ding: Ich habe einen Ausflug nach Peking mit ihm gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso Peking?

Ding: Mein Opa war noch nie da, er hat sich das gewünscht. Er wollte endlich einmal auf den Platz des Himmlischen Friedens und in das Mausoleum von Mao Zedong.

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade dorthin?

Ding: Für meinen Opa ist Mao Zedong eben der Staatsgründer, ein Idol sozusagen. Das hat etwas mit seiner Generation zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie: Wie fühlt sich Ihr Großvater, wenn er heute auf sein Leben zurückblickt?

Ding: Ich glaube, ihm geht es gut, und er ist glücklich, dass wir heute alles haben, was wir brauchen. Er hat ganz andere Zeiten erlebt.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 25.02.2016
1.
Ein wirklich schöner Artikel.
rjlegrand 25.02.2016
2. Endlich
einmal ein rundum positiver Artikel. Ganz nebenbei wird man daran erinnert, dass wirkliche Schönheit doch eher im Gesicht eines alten Mannes, der das Leben kennt, zu finden ist und weniger in schicken Klamotten, obwohl offensichtlich ist, dass diese ihm besser stehen als seinem Enkel . Ganz große Klasse.
nine1011 25.02.2016
3. ich finde...
...dass es sehr, sehr schöne Fotos sind. Ich frage mich aber, was das wirkliche Leben ist: die Fotowelt in Chanel und feinem Zwirn oder das Leben als Bauer in der Natur? Und ist es tatsächlich so, dass der Großvater glücklich ist, dass die Kinder heute alles haben, oder ist der Mangel nicht auch ein Antrieb? Ich glaube, die Antworten sind nicht ganz so einfach und nicht ganz eindeutig und liegen irgendwo dazwischen...
Leser161 25.02.2016
4. Cool
Cool ist für mich eine Person, nicht die Klamotten. Aber danke für dieses prägnante Schlaglicht auf das Cool das manche gerne hätten.
heavyonwire 25.02.2016
5. Großartig
die Menschen haben doch manchmal großartige Ideen verbunden auch noch mit einer simplen und wertvollen Botschaft. Das nährt doch wieder meine Hoffnung ein wenig. Chapeau an den Fotografen.
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