Ungewöhnliche Ansichten von Tokio Night on earth

Tom Blachfords Aufnahmen von Tokioter Gebäuden bei Nacht zeigen eine mysteriöse Seite der Millionenmetropole. Sie scheinen fast einem Science-Fiction-Film zu entspringen.

Tom Blachford

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Es gibt fast nichts, was der Fotograf Tom Blachford nicht für eine perfekte Aufnahme tun würde: Um den Nakagin Capsule Tower in Tokio aus einem idealen Winkel abzulichten, ließ sich der Australier sogar von einem Straßenbauteam mit einem Kran 20 Meter in die Höhe heben. Den Wohnturm mit seinen austauschbaren Modulen und 19 andere futuristische Gebäude der japanischen Hauptstadt zeigt Blachford nun in seiner Fotoserie "Nihon Noir".

Der Titel spielt auf das Filmgenre Neo-Noir an, das die Tradition des klassischen Film noir fortführt. Besonders inspiriert habe ihn "Blade Runner" - die überdimensionalen Gebäude und die Optik erinnern an den Science-Fiction-Klassiker. Die Farbpalette bei Blachford spielt sich hauptsächlich im blauen Bereich ab, dazwischen grüne, rote, gelbe oder lilafarbene Lichttupfer.

Blachford erhielt von einer japanischen Bierfirma den Auftrag, eine andere, sonst verborgene Seite Tokios zu zeigen. "Als ich das erste Mal in der Stadt war, fühlte ich mich, als ob ich in eine fortschrittliche Paralleldimension transportiert worden wäre", sagt Blachford. "Diesen Eindruck wollte ich in Bilder übersetzen."

Sechs Tage lang fotografierte Blachford von neun Uhr abends bis zum Sonnenaufgang Gebäude, die er vorher ausgewählt hatte: das von dem japanischen Architekten Kiyonori Kikutake entworfene Edo-Tokyo-Museum, das wie ein Schlachtschiff wirkende New Sky Building oder die monumentale Zentrale von Fuji Television. Sie alle wirken, wie in ein Geheimnis gehüllt.

Fotostrecke

12  Bilder
Nachtansichten Tokios: Wie aus einem Science-Fiction-Film

Die sonst so lebhafte Stadt liegt in Blachfords Bildern in fast unheimlicher Stille. Die Architektur steht ohne Ablenkung im Mittelpunkt. Sie wirkt wie aus einer anderen, zukünftigen Welt. Der Fotograf bewundert die Größe und Dichte der japanischen Baukunst, die nicht nur Megastrukturen schafft, sondern auch Gebäude, die große Erdbeben überleben.

Blade Runner spielt im Jahr 2019 - wir besitzen zwar noch keine fliegenden Autos und leben nicht in Kolonien außerhalb der Welt. Doch laut Blachford haben sich viele Vorhersagen des Films, darüber, wie unsere Städte wachsen und sich weiterentwickeln, tatsächlich bewahrheitet. Als Beispiel nennt er das Konferenzzentrum des Tokyo Big Sight, das ihn an ein Gebäude aus "Blade Runner" erinnert.

Galerie: ARTITLEDcontemporary

NZZ-Format-Reportage über modernes Wohnen in Tokio

NZZ Format
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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
fettbemmedesgrauens 02.02.2018
1. toll
Schöne Idee und großartige Bilder. Metropolen bei Nacht gibt's ja schon zuhauf, aber in der Regel als kunterbuntes Lichtermeer. Der Blade-Runner-Style hier ist gut gewählt und sehr treffend (fehlt eigentlich nur noch der Regen).
Max Dralle 02.02.2018
2.
Interessant: Der auf Bild 7 abgebildete Nakagin Capsule Tower wurde, wie ich recherchiert habe, im Jahre 1972 fertiggestellt. In dem in diesem Jahr entstandenen Godzilla-Film, der hierzulande unter dem Titel "Frankensteins Höllenbrut" vermarktet wurde, wird im Kampfgetümmel der Monstren ein Gebäude zerstört, das zwar noch ein wenig verwegener gestaltet ist, aber eindeutig von dieser Architektur inspiriert ist. Bisher dachte ich immer, es handele sich um ein reines Phantasieprodukt.
Papazaca 02.02.2018
3. Futuristisch, abschreckend, geheimnisvoll - alles
Ich weiß nicht, wie es bei Tag aussieht. Bei Nacht sieht es wie eine Filmkulisse aus. Klar, Blade Runner. Viele Kulissen. Beeindruckende Fotos. Um sie bei sich aufzuhängen. Wenn man aber in diesen Kulissen lebt, hängt man sich vielleicht selbst auf.
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