Fotoserie über Transfrauen Das starke Geschlecht

Transsexuelle gelten in Peru als extreme Randgruppe. Sie werden verlacht, verstoßen, verprügelt. Für seine Serie "A Mazo" hat der deutsche Fotograf Frank Gaudlitz die mutigen Frauen in all ihrer Schönheit porträtiert.

Frank Gaudlitz

Ein Interview von


Zur Person
    Frank Gaudlitz, Jahrgang 1958, kommt aus dem Spreewald und lebt in Potsdam. Für seine Fotoprojekte reiste er nach Osteuropa, Russland und immer wieder nach Lateinamerika. Als Nächstes will er dort die Feierlichkeiten zu Allerheiligen und Allerseelen fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gaudlitz, was fasziniert Sie an Transfrauen?

Gaudlitz: Dieser Wandel vom ersten auf den zweiten Blick. Man sieht eine schön zurechtgemachte und geschminkte Frau, aber beim genaueren Hinsehen ist man verunsichert. Irgendwas scheint nicht zu stimmen: Vielleicht sind die Adern zu stark oder die Schultern zu breit...

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie für Ihre Serie Frauen in Peru fotografiert und nicht etwa in Potsdam, wo Sie selbst leben?

Gaudlitz: 2010 folgte ich für mein Projekt Sonnenstraße dem Weg Alexander von Humboldts über die Anden. In diesen Monaten begegneten mir vor allem im peruanischen Tiefland viele Transfrauen. Ich war beeindruckt, wie sie sich trotz massiver gesellschaftlicher Abwertung in ihrem "Anderssein" behaupten. Seit 2013 habe ich mich dann in Iquitos, einem Ort, der wie eine Insel im Urwald liegt und nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar ist, und in Pucallpa, einer relativ jungen Stadt, die durch den Ölboom groß geworden ist, diesen Frauen fotografisch genähert.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig, die Frauen zu finden?

Gaudlitz: Nein. Es gibt dort Communitys. Schwierig war es eher, das Vertrauen zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie das gemacht?

Gaudlitz: Am Anfang saß ich tagelang in Friseursalons herum, wo viele der Frauen arbeiten, sprach mit ihnen, interessierte mich für ihr Leben. Bis zum ersten Foto sind Wochen vergangen. Ich machte dann neben den Fotos mit der analogen Mittelformat-Kamera für das Projekt auch immer noch Aufnahmen mit einer Digitalkamera und ließ diese gleich vor Ort ausdrucken. Die Prints habe ich ihnen in den nächsten Tagen vorbeigebracht. Das sprach sich herum. Die Frauen merkten: Der meint es ernst, der kommt wieder. Insgesamt bin ich für die Serie drei Mal für jeweils zwei, drei Monate nach Peru gereist und habe mehr als 120 Frauen porträtiert.

ANZEIGE
Frank Gaudlitz:
A Mazo

Die Amazonen des Amazonas.

Hatje Cantz Verlag; Englisch; 136 Seiten; 39,80 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine besondere Protagonistin für Sie?

Gaudlitz: Ja, Angelina, Cristina und natürlich Morelia. Sie hat ein hartes Leben hinter sich. Davon zeugt auch die Narbe unter ihrer Lippe: Ihr damaliger Partner hatte sie mit einem Stuhl geschlagen. Außerdem ist sie seit Jahren HIV-positiv. Morelia hat mir sehr geholfen, hat Kontakte vermittelt, ohne sie hätte ich einige Fotos nicht machen können. Sie besitzt einen kleinen Friseursalon, der schon fast eine Art Sozialstation ist. Da habe ich Verlässlichkeit empfunden. Das war selten, oft musste man sich fünf, sechs Mal für einen Termin verabreden. Sie selbst wollte sich anfangs aber nicht fotografieren lassen. Irgendwie hat es dann doch geklappt. Das hat mich sehr gefreut.

Ivana Martinez, 53
Frank Gaudlitz

Ivana Martinez, 53

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass die meisten der Transfrauen in Ihrem Buch in den Zwanzigern und Dreißigern sind. Nur Ivana ist mit ihren 53 Jahren deutlich älter.

Gaudlitz: Ich hätte gerne das ganze Spektrum des Lebens vor der Kamera gehabt, aber bis auf Ivana gab es schlicht keine älteren Transfrauen. Und auch sie ist wieder in ihren männlichen Teil zurückgekehrt und arbeitet als Fischverkäufer auf dem Markt. Für das Foto hat sie ihr Kleid, das schon viele Jahre in einer Plastiktüte steckte, noch einmal angezogen. Die Zeit der Jugend und Schönheit ist etwas Kostbares für die Frauen. Wenn diese vorüber ist, stellt sich für viele die Identitätsfrage neu. Aber da gibt es gerade auch einen Generationswechsel.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Gaudlitz: Die jüngeren Transfrauen sind selbstbewusster und besser vernetzt. Seit ein paar Jahren gibt es Organisationen, die sich für die Rechte von Transsexuellen einsetzen, beispielsweise dafür, dass der Frauenname im Ausweis steht. Trotzdem bilden sie immer noch eine extreme Randgruppe, die starken Repressionen ausgesetzt ist. Sie werden verlacht, angegriffen und oft von ihren Familien verstoßen. Die Gesellschaft dort ist eben immer noch stark vom Macho geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen die Frauen denn so wie auf den Fotos auch im Alltag aus?

Gaudlitz: In jedem Fall haben sie sich schick gemacht. Das dauerte manchmal zwei Stunden. Ansonsten ist es im Alltag eher so: Man erkennt sie, beispielsweise an Frauenschuhen oder an den Haaren, aber die wenigsten tragen immer Kleider oder eine Brustprothese unterm T-Shirt. Das ist vermutlich auch eine Art Schutz. Wenn es jedoch eine Party gibt, oder in den Abendstunden, machen sich viele schön.

SPIEGEL ONLINE: Neben den Frauenporträts finden sich in dem Buch auch Stillleben mit Früchten und Tieren. Warum?

Gaudlitz: Ich habe in den meisten meiner Langzeitprojekten mit unterschiedlichen Genres an einem Thema gearbeitet. Text und Bild etwa. Eigentlich wollte ich neben den Porträts Innenräume fotografieren, also die Orte, wo die Frauen leben. Aber das hat sich als unmöglich herausgestellt, weil das oft nur Holzverschläge sind, zwei auf drei Meter groß, und da drin nichts zu fotografieren wäre. Da liegen eine Matratze, ein paar Klamotten, ein bisschen Schminkzeug. Das war's. Als ich überlegte, was die zweite Ebene sein könnte, kam ich auf die Idee, Stillleben zu inszenieren. Die Bilder funktionieren für mich als Metapher für diese Frauen. Die exotische Schönheit der Früchte wird durch die tierischen Fragmente gestört. Da ist wieder dieses Kippen des ersten Eindrucks, wenn sich auf den zweiten Blick ein anderes Bild ergibt.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.