Kreativtrend Gestickt eingefädelt

Stickerei kannte man bislang hauptsächlich aus Omas Wohnzimmer oder als Freizeitvertreib bourgeoiser Hausfrauen. Heute ist Sticken omnipräsent - in der Mode, im Wohnen und als Ausdrucksform subversiver Künstler

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Ob in New York oder Berlin, wer trendtechnisch vorne mitspielt, hat zu Hause ein Kissen mit Stickbildern liegen und trägt Jacken, die von oben bis unten mit Blüten, Tieren und Sprüchen bestickt sind. Wer richtig im Trend sein will, trägt dazu noch bestickte Loafer.

Ja, richtig gelesen: Sticken, Stickrahmen und alles Gestickte sind angesagt. Was lange Zeit geradezu als Sinnbild des Spießertums und des Konservativismus galt, ist plötzlich total en vogue.

Klar, bestickte Mode und Accessoires gab es immer - und bestickte Boho-Kleider und -Blusen gehören alljährlich zur Sommeruniform modebewusster Frauen. Aber der Durchbruch der Stickerei als großer Mode- und Lifestyletrend ist größtenteils Guccis Kreativchef Alessandro Michele zuzuschreiben.

Seit seiner Debütkollektion im Sommer 2015 sind Stickereien essenzielle Designelemente des italienischen Modelabels: Lässige Jeansjacken werden mit floralen Dekors und Tigerköpfen verziert, Handtaschen mit roten Schlangen, und Slipper bekommen pinkfarbene Blüten gestochen.

Bei der Schau der Resort-Kollektion 2017 wurde die Gucci-Mode gar fast nebensächlich. Im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit standen bestickte, tannengrüne Seidenkissen, die für die Gäste auf den Bänken in der Londoner Westminster Abbey bereit lagen. Verziert mit den jetzt schon markentypischen Schlangen, Tigerköpfen, Bienen und Blumen waren sie die gefragtesten Teile des Tages.

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Ein von Miguel Alberto Enamorado (@menamorado) gepostetes Foto am

Ganz offensichtlich hat Michele einen Nerv getroffen: Kein Gast, der nicht mit seinem Sitzkissen unterm Arm die Abbey verließ. Glücklich schätzen können sich die Fashionistas, deren Sofa jetzt ein Gucci-Kissen ziert. "Ich sammle alles. Ich liebe es, Drucke, Stickereien, Applikationen - wertvolle Dinge, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen - zu verwenden, um eine zeitgenössische, neue Geschichte zu kreieren", wird der Designer im Unternehmensblog zitiert.

Sticken ist das neue Stricken

Schon länger hatte sich das Comeback der Stickerei angekündigt. Kaum eine Kollektion kam 2016 ohne T-Shirts aus, die mit Mottos oder Namen bestickt waren - von Urban Outfitters und H&M bis zu Dolce & Gabbana, Stella Jean, Elie Saab, Chloe, Manish Arora oder Carven.

Auffällig ist, dass viele Stickarbeiten so aussehen, als hätte man selbst zu Nadel und Faden gegriffen. Und viele Kreative tun genau das. Dabei ist Sticken nicht nur das neue Stricken - mit anderen Worten das nächste große Ding unter Do-it-yourself-Fans auf der ganzen Welt - sondern eine angesagte künstlerische Ausdrucksform. Stickbilder, die man lange nur aus Omas Wohnzimmer kannte, sind plötzlich das bevorzugte Medium für junge Künstler.

Der Engländer James Merry wandelt ikonische Sportswear-Logos wie die von Nike und Fila mit klassischen Blumen- und Pflanzenstickereien ab. Die Südafrikanerin Danielle Clough bestickt Sneaker und Jacken.

#wildrose #speedembroidery #��

Ein von james merry (@james.t.merry) gepostetes Foto am

Die französische Künstlerin Cecile Jarsaillon ist eine von vielen, die realistische Motive - unter anderem pornografische - mit Nadel und Faden kreiert.

"Trautes Heim, Glück allein" war gestern

Auf der Handarbeitswebseite Etsy finden sich etliche Stickbilder mit subversiven oder feministischen Botschaften - von romantisch verzierten Eierstöcken bis zu Messages wie "Girls just wanna have fundamental rights" oder "Smash the patriarchy", eingefasst in runde Stickrahmen. Es gibt sogar einen Namen für diese neue kreative Bewegung: Craftivism, eine Neuschöpfung aus den englischen Begriffen "craft" und "activism".

Der Reiz entsteht aus dem ironischen Kontrast zwischen dem häuslichen, tradierten Medium und den rebellischen Inhalten. Ein Kunsthandwerk, das einst eine Art Beschäftigungstherapie für unvermählte Frauen war, ist heute zum Ausdrucksmittel einer jungen Protestbewegung geworden.

In Produkten wie einem T-Shirt, auf das in lieblicher Handschrift die Worte "cute but psycho" aufgestickt sind und das zum Internet-Hit wurde, sind diese kreativen Strömungen zusammengelaufen.

�� (Big thanks to @jazzabellediary for picking this up in-store/being the biggest enabler)

Ein von Rebecca (@rebeccacohen_) gepostetes Foto am

Ob mit einer politischen Botschaft verknüpft oder als reines Fashion-Statement, an Stickereien als Mode- und Interior-Trend wird in nächster Zeit in jedem Fall kein Weg vorbeiführen.

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