"Farbe des Jahres" 2018 Ausgerechnet Lila

Ultra Violet ist die neue Trendfarbe, sagt das Farbunternehmen Pantone. Ein Blick in das Farblexikon der Designjournalistin Kassia St Clair zeigt, warum Lila früher die Farbe der Macht war - und entsetzlich stank.

Prince liebte Lila
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Prince liebte Lila

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Ausgerechnet Ultra Violet. Diese Farbe hat das einflussreiche Farbenunternehmen Pantone als "Farbe des Jahres" für 2018 ausgerufen. Augerechnet, weil: Es gibt wohl kaum eine Farbfamilie, die historisch so viel Macht und Reichtum symbolisiert wie Lila. Und dabei früher zumindest entsetzlich stank: nach irgendwas "zwischen fauligen Meeresfrüchten und Knoblauch", schreibt Kassia St. Clair in ihrem Buch "Die Welt der Farben".

Im vergangenen Jahr kürte Pantone eine Art grelles Lindgrün, im Jahr davor einen Roséton und ein blasses Blau - und jedes Mal setzt das selbst ernannte "Farbeninstitut" damit die Industriemaschinerie in Gang: In allen kurzlebigen Designsparten, von der Inneneinrichtung bis zur Mode, entstehen Produkte in jenem fiktiv gesetzten "Farbstyle des Jahres". Über diese Marktreflexe mag man schimpfen. Doch die Kommerzialisierung von Farben ist ein alter, will sagen: schmutzbrauner, Hut, wie die Londoner Designjournalistin St. Clair in ihrem neuen spektralfarbenen Kompendium Ton für Ton aufs Prächtigste aufdröselt.

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Kassia St. Clair:
Die Welt der Farben

aus dem Englischen von Marion Hertle

Tempo Verlag; 352 Seite; 25 Euro

Heute wie damals galt das bewährte Prinzip: "Follow the Money". Gold als Königsfarbe ist offensichtlich - dass Lilatöne so kostbar waren, liegt schlicht an ihrer aufwendigen Mischung. Das Ultramarin gewann man aus Lapislazuli, das in Blöcken von einer einzigen Fundstelle in Afghanistan entlang der Seidenstraße auf Kamelen über Venedig nach Europa transportiert wurde. Und das dunkle Rot ist Tyrischer Purpur, gepresst aus den im Mittelmeer lebenden Purpurschnecken: Jede sonderte nur einen Tropfen ab.

Die Farbproduktion bis Mitte des 15. Jahrhunderts war so immens, schreibt St. Clair, dass die "vor Jahrtausenden weggeworfenen Muschelberge zu Landmarken entlang der östlichen Mittelmeerküste geworden sind". Daher auch der bestialische Geruchsmix (die Schneckenmilch riecht nach Knoblauch) - der Preis fürs Hochpreisige. Der Ton hatte so viel Prestige, dass sogar "königliche Geburtsräume mit lilarötlichem und tyrischem Stoff geschmückt wurden": standesgemäße Atmosphäre für neue Königskinder.

Der Marktwert von Farben und somit ihr Ranking zu verschiedenen Zeiten zieht sich wie ein - sorry - Knietief-im-Dispo-roter Faden durch Kassia St. Clairs Lexikon. Als sie für ihre Doktorarbeit über Maskenballkostüme des 18. Jahrhunderts recherchierte, fielen ihr irgendwann die nuancierten Farbschattierungen auf. Bald war sie so fasziniert von all den kuriosen Namen und der Genese von Gerbmaterialien und Tönungen, dass sie eine Farbkolumne in der Zeitschrift "Elle Decoration" startete. Kleine Kostprobe aus dem vorrevolutionären Frankreich: Apfelgrün mit weißen Streifen war "Die muntere Schäferin", daneben gab es Farbtöne wie "Taktloses Klagen", "Von bestem Ruf", "Unterdrücktes Seufzen".

"Kaisergelb" und "Drachenblut"

Und so pickte sich St. Clair also 75 Nuancen der Spektralfarben heraus und ging mit grandioser Lust am Abseitigen ihren Geschichten nach. Neben Offensichtlichem wie "Kaisergelb" oder "Drachenblut" ist vor allem erhellend, wie präzise - und auch kryptische - Schattierungen existieren. Sonderlich geläufig sind sie jedenfalls nicht, diese Farbtöne zwischen Seladon (Grün), Heliotrop (Lila), Mumie (jepp: Braun), Obsidian (Schwarz), Koschenille (Rot), Gummigutta (Gelb), Minium (Orange), Isabellfarben (Weiß) und Flohfarben (Überraschung: Rosa).

Auch Letzteres übrigens eine Story über den Marktwert: Eigentlich wollte Louis XVI. nur das glänzende Taffetakleid aus aschigem Rosé beleidigen, das seine junge Gattin Marie Antoinette trug. Und ätzte, es sei "flohfarben". Das Ergebnis: Sie wandelte es in ein Must-have. Alsbald trug man bei Hofe sogar Schattierungen in "Flohrücken" und "Flohbauch".

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Inzwischen sind es höchstens Modekönige, die Farbtrends begründen - oder eben Unternehmen wie Pantone: 2018 wird also Lila überall zu finden sein. Im Pantone-Shop gibt es von der Kaffeemaschine bis zum Wanderrucksack alles in der Farbe. Wie sehr sich die Menschen hierzulande für die Farbe begeistern, wird sich zeigen. Bei Umfragen in Deutschland landet Lila regelmäßig auf den hinteren Plätzen, vor allem bei Männern ist es unbeliebt. Schon Goethe fand, die Farbe sei "ohne Fröhlichkeit". Immerhin ist sie inzwischen erschwinglich und stinkt nicht mehr nach fauligen Meeresfrüchten und Knoblauch.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 02.01.2018
1. Der letzte Versuch
Ich denke bei Lila immer an ältere Damen, vor denen sich jüngere Männer besser in Acht nehmen. Aber ich habe so meine ganz eigene Beziehung zu dieser an sich nicht hässlichen Farbe. Mein Vater besuchte früher immer gern Barockkirchen auf dem Land. Und dort gab es jeweils einige prachtvolle Glaskästen zwischen den Seitenältären mit großen, verschossenen lila Brokatkissen, auf denen neben ein paar seit Jahrhunderten vor sich hintrocknenden Schmeißfliegen und dem einen oder anderen grün blühenden Schimmelfleck die mit funkelnden Edelsteinringen geschmückten gelben Gebeine der Heiligen ruhten und mich angrinsten. Daran muss ich immer denken, wenn ich Lila sehe. Diese Saison wird also ein Zombie-Fest.
MickyLaus 02.01.2018
2. Mode- und Farbkartell
Siehe Spiegel von vor 11 Jahren http://m.spiegel.de/spiegel/print/d-47282171.html
mirage122 02.01.2018
3. Scheusslich!
Ich bin zwar eine Frau und seit kurzem haben wir auch das erste Mädchen in unserer Familie. Trotzdem werde ich weder in pink noch in lila oder so einen Puppenwagen oder sonstwas in den Farben anschaffen, Momentan trägt sie die Klamotten vom größeren Bruder in bleu. Vielleicht werde ich mich dann zu rot durch ringen. Ist das schlimm?
alexanderrr 02.01.2018
4.
Ich habe vor einigen Jahren in einer Werkstatt natürlich gefärbte Textilien (und Kleidung) gesehen - nach Jahrhundertealten Rezepten. Das Purpur wurde exakt aus den im Artikel genannten Stoffen hergestellt - stank aber nicht.
logikmensch 02.01.2018
5. laufen 2018 alle nackt herum?
Ultra Violett ist für das menschliche Auge nicht sichtbar. Wer weiß vielleicht wird das Märchen "des Kaisers neue Kleider" 2018 Wirklichkeit.
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