Fotoprojekt "Darunter sind wir Frauen" 100 Mal Schönheit

Schönheit ist für Amy Herrmann keine Frage von Modelmaßen oder Photoshop. Ihre Fotos inszeniert sie als Dessous-Werbung mit vielen Körpertypen - und hilft Frauen, sich wohl in ihrer Haut zu fühlen.

Amy D Herrmann

Ein Interview von


Zur Person
    Amy Herrmann stammt aus dem australischen Adelaide. 2015 gründete die Fotografin das Projekt "Underneath We Are Women" für das sie 100 verschiedene Frauen porträtieren möchte. Mittels Crowdfunding sammelt die 26-Jährige Geld, um die Fotos als Bildband herauszubringen. Amy Herrmann hat zwei Kinder. Wenn sie nicht fotografiert, arbeitet sie auch als Künstlerin.

SPIEGEL ONLINE: Frau Herrmann, Sie haben Frauen in Unterwäsche fotografiert. Das ist erst mal nichts Außergewöhnliches. Was machen Sie anders?

Herrmann: Photoshop nutze ich nicht, das ist der deutlichste Unterschied. Und ich erinnere mit meinen Modellen daran, dass es viele Körpertypen gibt, das ist in den meisten Medien unüblich. Die Frauen, die ich fotografiere, rechnen nicht damit, dass sie sich selbst auf meinen Bildern gefallen. Sie tragen ja nur Unterwäsche. Wer fotografiert sich schon selbst in Unterwäsche und ist mit dem Ergebnis zufrieden? Am Ende waren dann doch alle glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Frauen auf die Situation im Studio reagiert?

Herrmann: Es sind immer acht bis zwölf Frauen gemeinsam im Studio, und wir fotografieren sie voreinander. Das ist einschüchternd. Aber sie merken schnell, dass wir eine sichere Umgebung für sie geschaffen haben, in der sie sich gerade vor den anderen Frauen von ihrer verletzlichen Seite zeigen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum in Unterwäsche und nicht nackt? Um näher am Klischee der Frau in Hochglanzmagazinen zu sein?

Herrmann: Als ich noch zur Kunsthochschule ging, hatte ich mir eine Notiz neben einem Werbemotiv von einer Frau in Unterwäsche gemacht: Verwende unterschiedliche Körpertypen! Erst Jahre später fielen mir meine Aufzeichnungen wieder in die Hände. Also habe ich ein paar meiner Freundinnen überredet, sich von mir in Unterwäsche fotografieren zu lassen. Weiter wollten sie nicht gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Herrmann: Ich habe die Fotos auf Facebook gepostet. Daraufhin haben sich Frauen bei mir gemeldet und wollten auch fotografiert werden. Und die Australian Broadcasting Corporation wollte mit mir ein Interview über meine Body-Positivity-Kampagne führen. Dabei gab es gar keine Kampagne. Wir haben die Fotos für uns gemacht. Ich erbat mir aber eine Woche Bedenkzeit. Dann habe ich eine Website erstellt und ein Projekt daraus gemacht. Heute, zwölf Monate später, fotografiere ich immer noch. Das Ziel sind 100 Fotos von 100 Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sammeln per Crowdfunding Geld, damit aus dem Projekt am Ende ein Buch werden kann. Warum ein Buch?

Herrmann: Ich möchte nicht, dass diese Bilder nach 24 Stunden aus den Timelines verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Ich möchte etwas haben, das bleibt. Ein Buch, das in Bibliotheken von Schulen steht, das Eltern mit ihren Kindern ansehen und darüber sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Die 100 Fotos sollen auch 100 Geschichten erzählen. Gibt es Schicksale, die Sie besonders berührt haben?

Herrmann: Ich habe eine Frau mit Krebs im Endstadium fotografiert. Sie kam mit Sauerstofftank ins Studio, die Fotos haben wir in den Momenten gemacht, in denen es ihr körperlich möglich war. Das war ein sehr emotionaler Tag für uns alle. Eine andere Frau habe ich in Melbourne fotografiert, sie ist 49 Jahre und war unglaublich nervös. Nach dem Shooting erzählte sie mir, dass sie schon ihr Leben lang Probleme mit ihrem Körper hat und sie deshalb alle Fotos von sich weggeschmissen hat. Jedes einzelne Foto, weil sie ihren Körper so sehr hasst.

SPIEGEL ONLINE: "Darunter sind wir Frauen" lautet der Titel Ihres Projekts. Was bedeutet es im Jahr 2016, eine Frau zu sein?

Herrmann: Menschen, die sagen, im Jahr 2016 braucht es keinen Feminismus mehr, sind ignorant. Was ich täglich in den sozialen Medien sehe, ist nicht ansatzweise das, was ich mir an Gleichberechtigung für meine kleine Tochter vorstelle. Die Doppelstandards etwa, wenn es um den Körper von Frauen geht. Sind die Bilder auf Instagram und Facebook für Männer gedacht, ist so gut wie alles erlaubt - aufreizende Posen, vulgäre Sprüche. Poste ich aber ein Foto für mich und schere mich nicht um meine Achselhaare, wird das Foto von Männern als anstößig gemeldet und dann von den Plattformen gelöscht. Frauen müssen heute immer noch den Ansprüchen der Männer genügen.

SPIEGEL ONLINE: In den sozialen Medien kämpft eine junge Generation feministischer Künstlerinnen gegen dieses Anspruchsdenken, indem sie Bilder von sich mit Haaren im Intimbereich, Blut im Höschen und Pickeln im Gesicht posten. Instagram löscht solche Bilder, wie Sie sagen, weil andere Nutzer sich aufregen und die Bilder melden. Welche Erfahrungen haben Sie bei diesem Projekt mit Body Shaming gemacht?

Herrmann: Den Frauen rate ich, die Kommentare online nicht zu lesen. Viele von ihnen erleben das erste Mal, dass sich ihr Bild weltweit viral verbreitet. Ich versuche eigentlich auch, nicht in den Kommentarbereich großer Onlinemedien zu schauen. Das gelingt mir nicht gut. Jeden Tag bekomme ich Nachrichten von Trollen, die mich wissen lassen, dass ich einen furchtbaren Job mache. Meist sind es junge Männer, die sich einen Spaß daraus machen, im Netz nach Body-Positivity-Projekten und feministischen Seiten zu suchen, um dann die Frauen dort zu beleidigen. Das ist hart. Ich versuche immer noch zu verstehen, warum Menschen so gemein sein können.

SPIEGEL ONLINE: Was möchten Sie mit Ihren Fotos erreichen?

Herrmann: Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis Menschen kein Problem mehr damit haben, dass eine dicke Frau lacht und dass auch Frauen Achselhaare haben. Das wird nicht über Nacht passieren. Aber vielleicht sitze ich eines Tages mit meinen Enkeln beisammen und sie fragen mich verständnislos, warum übergewichtige Menschen beleidigt wurden, warum behinderte Menschen keinen Sex haben sollten und warum Körperbehaarung bei Frauen einmal ein Problem war.

SPIEGEL TV Magazin (22.03.2015)


insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
kopp 05.09.2016
1. Ganz toll ...
... Insbesondere die obligatorischen tatoos.
geando 05.09.2016
2. Worum geht es?
"Bodyshaming" soll nun bekämpft werden. Grundsätzlich ist es richtig, das gegenseitiger Respekt gewahrt werden mus. Aber der Weg ist falsch. Man kann nicht einfach etwas als Attraktiv darstellen, was es möglicherweise nicht ist. Leider ist die körperliche Attraktivität eine evolutionäre Vorgabe. Es gibt zwar kulturelle Schwankungen dazu, was als Schön oder Hässlich gilt- aber auch diese bewegen sich stets in einem gewissen Rahmen. Evolutionär betrachtet wird ein gesunder und wohlproportionierter Körper eben als Attraktiver betrachtet, als der Körper von Alten, Dicken oder Menschen mit starker Behaarung oder Akne. Das heisst aber nicht, das man vor diesen Menschen keinen Respekt hat, im Gegenteil: Der Respekt liegt auf einer anderen Ebene als der körperlichen. Kurz gesagt, man kann von jedem Menschen Respekt erwarten- man kann aber nicht von jedem erwarten, das er einen Attraktiv findet. Und man kann Geschmacksentscheidungen auch nicht einfordern.
miobri 05.09.2016
3.
Was sind denn "Körpertypten"?
albatros0612 05.09.2016
4. Schade
Es hat sich offensichtlich immer noch nicht rumgesprochen, dass der Begriff von Schönheit oder ein sog. Schönheitsideal eben nichts mit Evolution zu tun hat. Das zeigt, wie wichtig und berechtigt solche Projekte sind.
dergroßeradler 05.09.2016
5. Zwei sind ein Paar, drei sind ein paar!
Text zu Bild 6: "Mutter-Töchter-Paare" - und es sind drei Personen zu sehen?
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