Junge Designer aus dem Osten Hammer, Sichel, Style

Nicht aus London, nicht aus Paris, nicht aus Berlin - die derzeit angesagtesten Designer kommen aus Moskau, Kiew oder Nowosibirsk. Ihr Erfolgsrezept: der marode Charme des Ostens.

Michael Smits/ Yulia Yefimtchuk

Von Judith Brachem


Die Haare kurz geschoren, in Sporthosen und Bomberjacken laufen die Jungs durch die verlassene Tabakfabrik. Die Kapuzenpullover mit Fila-Logo sind viel zu groß, zur grünen Cordhose wird ein Shirt mit kyrillischem Print kombiniert. Alles sieht nach Ostblock aus, nichts nach der größten Modemesse für Herrenmode. Nichts, außer dem Designer Gosha Rubchinskiy - und den Journalisten und Bloggern, die eine Modenschau lang rausgezogen werden aus Florenz und hinein in eine Welt von vor 25 Jahren.

Gosha Rubchinskiy gehört zu einer Riege junger Modeschöpfer, die mit ihren Gegenentwürfen die Modewelt aufmischen. Seit 2008 designt er Kleidung, seit fünf Saisons zeigt er sie im Westen. Zunächst in London, vor einigen Wochen zum ersten Mal auf der Männermodemesse Pitti Uomo jüngst in Florenz.

Rubchinskiy hat Mode nicht studiert, produzierte anfangs nur jeweils ein Exemplar pro Größe. Inzwischen wird seine Kollektion in mehr als 150 Ländern verkauft, die Absatzzahlen haben sich gegenüber 2015 fast vervierfacht - auch dank des Vertriebs- und Marketingapparats des japanischen Labels Comme des Garçons, unter dessen Dach Rubchinskiys Linie seit vier Jahren läuft. Viele etablierte Marken möchten mit ihm arbeiten.

Die Mode von Gosha Rubchinskiy erinnert an die Zeit der Perestroika, in der sich die Grenzen langsam öffneten und der Westen Stück für Stück Einzug in den Osten hielt. Mit Kollektionstiteln wie "Save and Protect" - ein Spruch, der auf Russisch-Orthodoxen Kreuzen zu finden ist - und Hammer und Sichel, die seine T-Shirts zieren, hat er die Garderobe russischer Jugendlicher direkt auf den Laufsteg geholt. "Der Hauptgedanke ist die Schönheit Russlands und seiner neuen Generation", erklärte Adrian Joffe, der Chef von Comme des Garçons, in einem gemeinsamen Interview.

Wie ein Statement gegen schöne Kleidung

Auch die Macher von Vetements versetzen die Modebranche in Aufruhr. Schon der Name des Labels, der übersetzt nichts anderes als "Kleidung" bedeutet, ist eine Ansage gegen die allgegenwärtige Opulenz. Demna und Guram Gvasalia, zwei Brüder aus Georgien und die russische Stylistin Lotta Volkova präsentieren mit ihrem kleinen Team dekonstruierte Versionen von klassischen Teilen: Pullover mit überlangen Ärmeln, ein gelbes T-Shirt im DHL-Design. Die Sachen wirken fast billig, manchmal sogar ein bisschen hässlich. Ausverkauft sind sie trotzdem regelmäßig. Demna Gvasalia ist inzwischen auch Chefdesigner von Balenciaga.

Zwar verkaufen Vetements, Gosha Rubchinskiy und Co. Kleidungsstücke, die sich die meisten Jugendlichen - weder im Westen, noch im Osten - nicht leisten können, doch wirkt die Mode weniger elitär und unerreichbar. Seine Philosophie umriss Vetements-Chef Gvaslia in einem Interview wie folgt: "Unsere Entwürfe sind verständlich."

Schuluniformen als Vorbild

In der Mode von Yulia Yefimtchuk aus Kiew treffen Politik und mädchenhafte Elemente aufeinander. Maßgeblich inspiriert wurde die Designerin von der Schuluniform, die sie als Kind tragen musste. Viele ihrer Stücke sind bedruckt mit großen kyrillischen Lettern. "Arbeit" oder "Ich brauche Frühling" sind typische Slogans. Eine ganze Kollektion in leuchtendem Orange weckt Assoziationen an die Orange Revolution, die 2004 ihre Heimat erschütterte.

Auch günstigere Streetwear-Marken wie Sputnik 1985 sind inzwischen Verkaufsschlager im Westen. Ein Sweatshirt mit "Ich werde immer dagegen sein"-Print war sofort vergriffen; ebenso ein T-Shirt mit dem russischen Wort für "Jugend" von Volchok. In Russland ist es die ärmere Bevölkerungsschicht, die das trägt, was die Designerlabels in Paris, London und Tokio für das Hundertfache verkaufen. Ein Mythos aus ikonischen Bildern, die beim Gedanken an den Ostblock auftauchen, wird zu einer sowjetischen Legende zusammengenäht und an Modeliebhaber in aller Welt verkauft.

Während junge Leute in der Sowjetunion früher nichts sehnlicher tragen wollten als die Kleidung westlicher Marken, gieren modeverrückte Großstädter im Westen heute nach Kleidung mit Sowjetnote: "Ich denke es gibt dieses Bedürfnis und den Wunsch, ein wenig anders zu sein", sagte Vetements-Gründer Demna Gvasalia der "New York Times" über seine Kunden .

Es ist weder hohe Schneiderkunst, noch sind es besonders hochwertige Materialien, die diese Labels vertreiben. Wer mit kyrillischem Print auf der Brust herumläuft, ohne ein Wort zu verstehen, will vor allem zeigen, dass er eines der limitierten Teile ergattert hat, die oft nur Kopien von viel günstigeren Varianten sind.

Luxus sieht anders aus. Aber Luxus ist nicht halb so cool.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 30.08.2016
1.
Man kann vieles hineininterpretieren oder auch nicht, Fakt ist für mich aber: das Zeug des russischen Designers ist potthässlich und untragbar, die Entwürfe der jungen Ukrainerin haben mir hingegen weitestgehend gefallen.
ththt 30.08.2016
2. Vetements
Die Kleider von Vetements sind einfach nur langweilig und unkreativ. Das trifft auch auf die meisten Leute zu, die auf den Vetements-Zug aufgesprungen sind. Gosha oder Sputnik haben dagegen ein paar echt schöne Teile, leider aber viel zu teuer.
Kanalysiert 30.08.2016
3.
Der "Charme"? Sehe keinen - und der Osten ist nicht hipp, wenn man dort weder reich noch mächtig ist, ist das leben da ganz ganz armselig. Wer sowas glorifiziert, kann nur aus der naiven Welt der Künstlichkeit kommen, wozu die "Mode" eindeutig dazu gehört.
dodgerone 30.08.2016
4.
2 Modelle hat schon seit Jahren die BSR... ansonsten hat das mit Design wenig zu tun... lustig ist es allemal. Aber so ist es wohl in dieser Welt die immer nach neuem und vermeintlich exotischem giert...
BarisP 30.08.2016
5. ...die Teile können häßlich sein,
verkaufen sich aber offensichtlich besser als "schöne" Kleider der klassischen Mode. Ein Paradox. In der Mode gilt - wer verkauft hat recht. Wer recht haben will nicht verkauft, schließt am Ende den Laden oder die ganze Kette.
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