Welches Glas zu welchem Wein Weg vom Rotweißdenken!

Rotwein in große, Weißwein in kleine Gläser: Diese Faustregel kennt jeder Weintrinker. Künftig gilt sie so nicht mehr.

Schott Zwiesel

Von Gerald Franz


Viele Glashersteller halten in ihren Kollektionen Modelle für fast jede Rebsorte vor. Aber selbst Weinenthusiasten werden sich nur selten ein Dutzend verschiedene Gläser in die Vitrine stellen.

Nun scheint bei den namhaften Produzenten ein Umdenken stattzufinden: Reduktion auf wenige Formen, hin zur Orientierung an Weinstilen - und sogar die strenge Trennung in Rot- und Weißweingläser scheint im Schwinden begriffen.

Dass Rotwein eher in große Gläser soll, hat damit zu tun, dass durch das Mitvergären der Traubenschalen und Kerne sowie in vielen Fällen einem Ausbau im Holzfass Gerbstoffe ins Spiel kommen. Diese sind der Grund dafür, dass diese Weine sich meist etwas voller, aber auch rauer und leicht bitter präsentieren können. Dieser insbesondere bei jüngeren Jahrgängen oft strenge Eindruck wird abgemildert durch den Kontakt mit Sauerstoff: Die Gerbstoffe weben sich in die fruchtige Struktur ein, was durch eine breitere Oberfläche im Glas, dem sogenannten Weinspiegel, befördert wird.

Bei dem mundgeblasenen Glas "Bordeaux" der Serie Q1 von Stölzle zum Beispiel sitzt der Scheitelpunkt des Kelches so tief, dass schon bei einem Zehntelliter Füllmenge der maximale Weinspiegel von zehn Zentimeter Durchmesser erreicht ist. Der hochgezogene Kamin und das mächtige Gesamtvolumen lassen den Inhalt schneller erwärmen.

Das ist bei sehr gerbstoffbetonten Roten, für die der Name "Bordeaux" hier stellvertretend steht, bis zu etwa 18 Grad Celsius allerdings auch wünschenswert. Denn bei zu niedrigen Temperaturen schmeckt man bei einem Cabernet Sauvignon oder einem Nebbiolo häufig nur noch den bitteren Gerbstoff, während die sonstigen Aromen etwas Wärme zu ihrer Entfaltung benötigen.

Rot oder weiß, klein oder groß - in der Fotostrecke erfahren Sie, welches Glas wirklich zu welchem Wein passt:

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Glasrand, Scheitelpunkt, Weinspiegel: Was ein gutes Weinglas ausmacht

Wie aber sieht es mit einem Chardonnay aus, der im Eichenholzfass ausgebaut wurde und richtig Schmelz hat, also leicht süß schmeckt? Auch ein solcher Weißer kann durchaus von einem größeren Glas profitieren.

Das "Burgunder"-Glas der mundgeblasenen Serie Denkart von Zalto etwa, das auch für "Weißweine mit tiefer Aromatik und Länge" gedacht ist, bietet mächtig Volumen und kann am Scheitelpunkt des Kelchs einen Weinspiegel von zwölf Zentimeter Durchmesser bilden. Der großflächige Kontakt mit Sauerstoff hilft nicht nur den roten Burgundersorten, die fruchtig-duftigen Aromen freizusetzen, welche durch den sich verjüngenden Kamin des Glaskelchs gebündelt und konzentriert an die Nase geführt werden.

Leichtes Schwenken entlockt die fruchtigen Noten

Junge, spritzige Weiße fühlen sich dagegen in schlankeren, kleineren Gläsern wohler. Durch die geringere Ausbreitung können sie ihre ideale, niedrigere Temperatur länger halten. Trotzdem sollte genügend Platz bleiben, um etwa einem jungen Riesling oder Sauvignon Blanc durch leichtes Schwenken die fruchtigen Noten zu entlocken.

Nach oben sollte sich der Kelch deutlich verjüngen. Das hilft sowohl dabei, die Aromen zur Nase zu transportieren als auch die knackige Säure sowie die Mineralität dieser in der Regel im Edelstahltank ausgebauten Gewächse einzubetten. Ein dünner Glasrand lässt den Wein in einem feineren Strahl auf die Zunge treffen. Dadurch wirkt er schlanker, und die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge werden besser angesprochen.

Die Säure eines jungen Rhein-Rieslings beispielsweise wirkt in einem solchen Glas nicht zu dominant. Die meisten Hersteller halten für diesen Weintyp nach wie vor ein eigenes Glas vor. Bei Zalto heißt es schlicht "Weißwein", was angesichts des "Burgunder"-Modells nicht ganz konsequent ist.

Konsequent über die Farbe des Weins hinweggesetzt

Fülligen und sanften Weinen dagegen tun ein gemäßigt breiter Weinspiegel und ein weiter Glasrand gut: Die große Öffnung bewirkt, dass der Wein in einem breiten Schwall über die ganze Zunge gespült wird und so das samtige und auskleidende Gefühl noch verstärkt.

Auch hier kann ein Grauburgunder, der womöglich lange auf der Hefe im Holzfass gelegen hat, an Fülle und Schmelz viel gemeinsam haben mit einem Merlot, der ebenfalls gern voll und mit einer sanften Struktur daherkommt.

Wenn es nach Schott Zwiesel geht, gehören beide in das Glas mit der Bezeichnung "Samtig und Üppig". Auch die übrigen Formen der mundgeblasenen Reihe "Simplify" setzen sich konsequent über die Farbe des Weins hinweg und orientieren sich stattdessen an solchen Stilistiken.

Natürlich gibt es auch gute maschinell hergestellte Gläser in verschiedenen Formen, die wesentlich günstiger sind. Die mundgeblasenen Stücke sorgen vor allem für eine edle Optik sowie Haptik, da das Material bei dieser Technik extrem dünn gearbeitet werden kann und die Exemplare trotz ihres geringen Gewichts recht stabil daherkommen.

Einen sensorischen Vorteil kann auch darstellen, dass die Oberfläche des handgefertigten Kristallglases im mikroskopischen Bereich etwas uneben ist und beim Schwenken des Weins dabei hilft, die Aromen aufzubrechen.

Klar bleibt aber auch: Ein eindimensionaler Massenwein wird aus einem edlen Glas auch keine bessere Figur machen.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog "Weinsprech".



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
mag-the-one 31.05.2017
1. Was ist das hier...
...ein nicht als solcher gekennzeichneter Werbebeitrag für Weinglas-Hersteller? (Sorry - sind natürlich alles mundgeblasene, handabgedrehte Unikate...). Damit dem verunsicherten deutschen Spießer hier auch ja kein Fauxpas unterläuft? Seltsam, dass in den Ländern, die sich erwiesenermaßen mit Wein auskennen, wie Frankreich oder Italien, dieser Gläser-Tinnef noch nie mitgemacht wurde. Oder warum wird der rote, recht kräftige Chinonais dort in relativ kleinen Gläsern ausgeschenkt?
Stäffelesrutscher 31.05.2017
2.
Was bin ich froh, dass ich nur Viertelesgläser mit Henkel und Zehntelesgläser brauche ...
fliffis 31.05.2017
3. endlich
>Darum dürfen Sie Rotwein auch aus kleinen Gläsern trinken Endlich entkomme ich der Illegalität - seit Jahren tue ich das, natürlich nur geschützt, zu Hause. Vorhänge zu, Licht gedimmt. Für das Trinken aus der Weinflasche gehe ich aber besser weiterhin in den Keller.
ulibutz 31.05.2017
4. egal ob Weiß-oder Rotwein,
ich bevorzuge die großen Gläser. Passt einfach mehr rein :-)
Moewi 31.05.2017
5.
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