Weiß-gold oder blau-schwarz Was wirklich hinter dem Kleider-Rätsel steckt

Millionen Menschen diskutierten die Farbe eines Kleides: Ist es weiß-gold oder blau-schwarz? Dabei ging es in dem Fall um etwas ganz anderes. Hier die definitive Antwort.

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Sieh mal an: Das Ding ist blau. Unter anderem.

Sieh mal an: Das Ding ist blau. Unter anderem.


"Swiked" ist ziemlich baff. Niemals, sagt Caitlin McNeill, die Frau hinter dem Tumblr-Pseudonym, hätte sie gedacht, mit der Veröffentlichung eines einfachen Fotos eine derartige Debatte vom Zaun zu brechen. An der sich dann noch Prominente vom US-Rapper bis hin zum Premierminister von Singapur beteiligen würden.

Alles, was sie getan hatte, war ein Foto bei Tumblr zu posten und zu fragen: Ist dieses Kleid weiß-gold oder blau-schwarz?

Kurz darauf debattierten Zehntausende diese Frage - und Medien interviewten Wahrnehmungspsychologen und Farbexperten über die Ambivalenz der menschlichen Farbwahrnehmung. Selten erfuhr man in so kurzer Zeit und in so großer Verbreitung so viel Interessantes und Wahres über dieses Thema - auch SPIEGEL ONLINE war am Ball.

So schlecht kann ein Foto sein: Der virtuelle Stein des Anstoßes für eine weltweite Debatte
swiked/Tumblr

So schlecht kann ein Foto sein: Der virtuelle Stein des Anstoßes für eine weltweite Debatte

Das Problem ist nur, dass die unklare Färbung des Kleides weder von individualpsychologischen Faktoren noch von individuellen Unterschieden in der Abgrenzung und Benennung von Farben abhing. Auch die Unterschiedlichkeit der Darstellung von Farbe und Kontrast auf verschiedenen Displays spielte wohl nur eine so untergeordnete Rolle wie verschiedene Hintergrundbeleuchtungen oder das Wetter auf den Äußeren Hebriden.

Was wirklich zu der Farbdebatte führte, war dies: ein enorm schlechtes Foto.

Und das zeigte das definitiv und ohne jede Frage blau-schwarze Kleid, das Caitlin McNeills Mutter kurz zuvor zu einer Hochzeit getragen hatte. In Natura war dessen Farbe völlig unstrittig, auf dem Foto aber ergab sich der nun weltbekannte seltsame Effekt. Den fand McNeill so kurios, dass sie das Foto bei Tumblr postete. Der Rest ist Geschichte - wenn auch eine ziemlich schräge.

Und wer hat was davon?

Für Caitlin McNeill ist die ganze Sache erfreulich. An Tag drei nach dem "Dressgate" verbreitet sich gerade weltweit die Kunde, dass die junge Frau Sängerin der Folkgruppe Canach ist. Die residiert auf der wunderschönen Isle of South Uis, berühmt wegen seiner Moormumien und der 2,9 Milliarden alten Gneiss-Gesteine. Auch das aber macht es für eine aufstrebende junge Gruppe nicht einfacher, bekannt zu werden.

Dieses 320 Quadratkilometer kleine Eiland liegt - man ahnt es - tatsächlich da, wo die Hebriden das Prädikat "Äußere" verdienen. Direkt links davon liegt in respektvollem Abstand nur Grönland, näher dran ansonsten der Kontinentalschelf Europas - wer auf South Uis lebt, wohnt in echter Randlage. Aber was soll's, es geht doch: Einem miesen Handyfoto sei Dank ist Canach nun die weltberühmteste Band der Äußeren Hebriden.

Schon besser: Warum über Farbe streiten, wenn es sogar Pink und Elfenbein im Angebot gibt?

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Sektkorken könnten ansonsten beim Kleiderhersteller Roman Originals geflogen sein. Der nahm am Tag nach Beginn der Debatte schnellstmöglich das eigentlich bereits ausgemusterte Kleid wieder ins Angebot. Nun mit einem schicken, neuen Namen: "#TheDress Lace Bodycon". 68% Viscose, 27% Polyamid, 5% Elastan. Waschhinweis: Nur chemisch reinigen.

Dafür gibt es das Modell in vier schönen Farben, und gold-weiß ist definitiv keine davon: Ganz so, wie auch Caitlin McNeill bestätigt, ist das Kleid absolut blau-schwarz.

Gerade mal 50 Pfund kostet der Fummel, trotz unerwarteter Aufwertung durch die weltweite Debatte und inzwischen gehörigem Promi-Appeal. Teurer zu haben ist es nur bei Ebay, denn natürlich haben sich längst diverse Trittbrettfahrer daran gemacht, auf der Auktionsplattform ein paar Pfund, Dollar oder Euro als Kleidermakler zu machen.

Die Kleider-Farbfrage dürfte damit endgültig beantwortet sein. Darüber, ob quergestreifte Viscose-Polyamidkleider mit Spitzenapplikationen nun noch ein überraschender Sommertrend werden, wagen wir keine Prognose. Vorhersagen kann man aber wohl, dass die Sache in die Geschichte des Marketings eingehen wird: Billiger als mit einem einzelnen, schlechten Foto wurde noch nie ein Kleid beworben.

Oder eine Band von den Äußeren Hebriden. Mhaith dhu, Caitlin!

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
627235 28.02.2015
1. Wer hätte es gedacht?
Photochips in Mobiltelefonen haben sich offenbar in den letzten zehn Jahren nur hinsichtlich ihrer Pixelzahl geändert. Damals schoss ich eine Reihe schön blauer Bilder eines Holzfeuers (bei hereinbrechender Dunkelheit). Kontrast vertragen die Dinger offenbar immer noch nicht.
arrache-coeur 28.02.2015
2.
Also letztlich wieder nur eine Werbekampagne....Werbung wird immer schlimmer. Auch für MarsOne wurde/wird kräftig geworben, obwohl es sich nur um eine weitere Containershow handelt, bei der es überhaupt nicht um Vorbereitungen für eine Marsbesiedelung geht, sondern nur um Gruppendynamik im abgeschlossenen Container, also schlicht irdische Unterhaltung.
frutsch 28.02.2015
3. Und was steckt nun wirklich hinter diesem Effekt?
Leider verrät das der Artikel nicht, nur dass es sich um ein "unglaublich schlechtes Foto" handelt. Wieso sehen denn einige Leute weiß-gold, andere blau-schwarz? Oder haben die blau-schwarz-Seher nur im Produktkatalog nachgeschaut? Wenn Ihr schon eine Antwort versprecht, dann veröffentlicht sie bitte auch.
tillh 28.02.2015
4. Mobiltelefon Kameras
Doch, die haben sich sehr verändert. Und mit aktiviertem HDR wäre das nicht passiert. Wer ein neueres iPhone hat kann sich ja auch mal den Blitz anschauen. Der hat 2 Farben, um die Farben besser berechnen zu koennen. Da passiert sehr viel. Aber wer sagt denn, dass das Foto mit einer Handykamera der neusten Generation gemacht wurde?
tetaro 28.02.2015
5.
So richtig schwarz ist das ja auch nicht, der Teil am Hals ist z .B. transparent. Und überbelichtetes Blau sieht nun mal aus wie Weiß mit Blaustich, was zum Wetter passt. Ohne dass man eine größere und bessere Aufnahme sieht, ist die Farbeinschätzung bei der Bildqualität reine Spekulation und Richtig oder Falsch gibt es da gar nicht.
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