Das Verbrechen an Ursula Herrmann war eines der spektakulärsten in der deutschen Kriminalgeschichte: Das Leben des Mädchens endete an einem Dienstagabend in einem Wald nahe des bayerischen Ammersees.
Es ist der 15. September 1981, der erste Schultag nach den Ferien. Ursula Herrmann, zehn Jahre alt, geht nach der Schule zunächst zur Turnstunde im Nachbarort Schondorf, danach besucht sie ihre Tante. Auf dem Heimweg wird sie entführt.
Ein Unbekannter verschleppt sie in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching und zwängt sie in eine Holzkiste, die 1,60 Meter tief in den Waldboden eingelassen ist. In die Plastikrohre für die Belüftung sind 2400 Löcher gebohrt, die Kiste wird über eine Autobatterie beleuchtet. Das Innere ist mit rosafarbenem Stoff ausgekleidet, auf dem Boden liegen Kinderbücher, Comics, Gebäck und Kinderkleidung.
Ursula wird nichts essen, nicht in den Büchern lesen. Die Zehnjährige erstickt qualvoll - bereits sechs Stunden, nachdem sie vom Rad gezerrt worden war.
Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein aus Zeitungsbuchstaben zusammengestückelter Erpresserbrief ein: Sie sollen zwei Millionen Mark Lösegeld für die Freilassung ihrer Tochter zahlen.
Es folgt ein weiterer Brief, in dem der Erpresser detaillierte Übergabemodalitäten angibt, und neun Telefonanrufe, auf denen lediglich die Bayern 3-Verkehrsfunkmelodie zu hören ist. Sie sollen Ursulas Eltern die Möglichkeit geben, sich zu den Forderungen zu äußern. Immer wieder beteuern die Herrmanns, das Geld - eine Summe, über die sich nicht einmal im Ansatz verfügten - irgendwie zu beschaffen. Dann bricht der Kontakt zum Entführer ab.
Am 4. Oktober, 19 Tage nach Ursulas Verschwinden, finden Ermittler die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens.
Werner M., ein gelernter Maler, wurde am 28. Mai 2008 in seiner Wohnung in Kappeln in Schleswig-Holstein festgenommen. Zur Tatzeit lebte er in Eching am Ammersee, im selben Ort wie Ursulas Familie.
Wenige Wochen nach der Tat war er erstmals ins Visier der Ermittler geraten: Ein anonymer Hinweisgeber hatte ihn beschuldigt, doch eine Hausdurchsuchung blieb ergebnislos. Zudem hatte der Verdächtige ein Alibi, das die Ermittler trotz aller Zweifel nicht entkräften konnten. Jahrelang hatte er ein Radio-Fernseh-Geschäft geführt, sich verschuldet und den Laden schließlich geschlossen. "Der Tatverdacht gegen ihn war nie ausgeräumt", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.
Das Landgericht Augsburg verurteilte den 59-Jährigen nun zu lebenslanger Haft.