Wie die Gastarbeiter nach Deutschland kamen
Schon in den späten fünfziger Jahren kamen vereinzelt türkische Arbeiter in die Bundesrepublik - eine gesetzliche Rahmenregelung zwischen Ankara und Bonn wurde erst Jahre später getroffen Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die sogenannten "Gastarbeiter" sollten maximal zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Die Türkei erhoffte sich, dass durch das Geld, das türkische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat überwiesen, die Wirtschaft angekurbelt würde. Deutschland suchte in den Jahren des Wirtschaftswunders billige Arbeitskräfte. Das Rotationsprinzip, nachdem die "Gastarbeiter" nach zwei Jahren ausgewechselt werden sollten, wurde 1964 auf Wunsch der Arbeitsgeber in einer Neufassung des Abkommens aufgehoben. 1973 kam es zum Anwerbestopp.
Von 1961 bis November 1973 bewarben sich etwa 2,66 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in Deutschland, nur knapp 650.000 wurden nach Angaben des "Dokumentationszentrums und Museums über die Migration aus der Türkei" (DOMIT) vermittelt. Fast jeder dritte Gastarbeiter war laut DOMIT Facharbeiter oder angelernte Arbeitskraft - die Quote war deutlich höher als etwa unter den Gastarbeitern aus Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal. Ein Fünftel aller Angeworbenen aus der Türkei waren Frauen.
Das Bewerbungs-Prozedere spielte sich wie folgt ab: Die deutschen Arbeitgeber wandten sich an die Arbeitsämter mit einem so genannten "Vermittlungsauftrag - Türkische Arbeitskräfte", die Angebote wurden weitergeleitet zur deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul und von dort an das türkische Arbeitsamt. Es gab verschiedene Altersgrenzen: Qualifizierte männliche Bewerber durften nicht älter als 40 Jahre sein, Frauen nicht älter als 45 Jahre. Bei unqualifizierten Arbeitern lag die Grenze bei 30 Jahren.
Etwa die Hälfte aller zwischen 1961 und 1973 angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei sind Schätzungen zufolge wieder in ihre Heimat zurückgegangen. Die andere Hälfte blieb, immer mehr Familienangehörige zogen nach. Heute haben rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln.
Alle Arbeiter, die vom türkischen Arbeitsamt ausgewählt wurden, mussten sich in Istanbul untersuchen lassen. Gruppenweise mussten die Kandidaten vor Ärzte treten - Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben unternommen, körperliche Übungen mussten vorgeführt werden, der Körper wurde nach Operationsnarben abgesucht, Genitalien wurden abgetastet. Letzteres "war für die Menschen aus Anatolien vermutlich das Schlimmste", schreibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei DOMIT. Zwischen 10 und 17 Prozent der Kandidaten, die das türkische Arbeitsamt als geeignet befunden hatte, wurden bei den Gesundheitsprüfungen in Istanbul aussortiert. Wer beí den Gesundheitschecks als nicht geeignet befunden wurde, musste den Traum von der Arbeit in Deutschland für immer begraben.