Ein Sondertribunal der Uno soll klären, wer den früheren libanesischen Regierungschef Rafik al-Hariri tötete. Die Untersuchungen haben eine tiefgreifende Regierungskrise in Beirut ausgelöst.
Rafik al-Hariri war mehrere Jahre libanesischer Ministerpräsident. Er regierte von 1992 bis 1998 und von 2000 bis 2004 - und wurde zur Symbolfigur des Wiederaufbaus im Libanon nach dem Bürgerkrieg. 2005 strebte Hariri in die Politik zurück. Er plädierte vehement für den Abzug der syrischen Besatzungstruppen aus seiner Heimat.
14. Februar 2005, Valentinstag, 12.56 Uhr. Vor dem Hotel St. Georges in Beirut explodiert eine gewaltige Bombe, als gerade die Wagenkolonne Hariris vorbeifährt. Der Sprengkörper reißt einen zwei Meter tiefen Krater in die Straße, Leichenteile werden bis auf die Dächer der umliegenden Häuser geschleudert. In dem Inferno kommen neben Hariri auch Leibwächter und Passanten um, 22 Menschen insgesamt.
Das Beben erfasst schnell den gesamten Nahen Osten. Warum musste Hariri sterben? Wer waren die Ausführenden, wer die Hintermänner des Attentats, was wollten sie politisch erreichen? In die Trauer der Libanesen mischt sich Wut. Die Drahtzieher des Anschlags sitzen in Syrien, wird vermutet. Es gibt Massendemonstrationen, unter dem wachsenden internationalen Druck zieht Damaskus schließlich seine Armee aus dem Libanon ab.
Eine von den Vereinten Nationen beschlossene Untersuchung, geleitet vom deutschen Staatsanwalt Detlev Mehlis, befindet nach siebenmonatigen Recherchen Ende 2005, dass für den Mord an Hariri wohl syrische Sicherheitskräfte und ranghohe Libanesen verantwortlich sind; vier Verdächtige werden verhaftet. Doch die Smoking Gun, der letzte Beweis, wird nicht gefunden.
Die Einrichtung eines Uno-Sondertribunals soll Gewissheit bringen. Am 1. März 2009 nimmt es seine Arbeit auf. Die Höchststrafe, die das Tribunal verhängen kann, ist lebenslänglich. Der Etat, an dem die Weltgemeinschaft zu 51 und Beirut zu 49 Prozent beteiligt ist, beträgt allein für das erste Jahr gut 40 Millionen Euro.
Die Ermittler des Gerichts werden bei Untersuchungen vor Ort immer wieder behindert und teils sogar gewaltsam angegriffen. Aus Sicherheitsgründen wird als Tagungsort für das Gericht dann auch Den Haag gewählt.
Im Frühjahr 2009 kommt die überraschende Wende: Nach neuen Erkenntnissen waren es nicht Syrer, sondern Sondereinsatzkräfte der libanesischen Schiiten-Organisation Hisbollah, die den Anschlag auf Hariri geplant und durchgeführt haben.
Im Oktober 2010 meldet sich Hassan Nasrallah, Chef der Hisbollah, zu Wort. Das Uno-Sondertribunal für den Libanon werde Mitglieder seiner Organisation anklagen, am Mordanschlag beteiligt gewesen zu sein, sagt er. Er fordert alle Libanesen zum Boykott des Tribunals auf.
Die Anklageschrift des Uno-Tribunals steht im Januar 2011 kurz bevor. Die Hinweise verdichten sich, dass mehrere Hisbollah-Mitglieder als Tatverdächtige genannt werden.
Die Hisbollah und ihre Verbündeten ziehen am 12. Januar elf Minister aus dem Kabinett der libanesischen Regierung ab - und bringen sie damit zu Fall. Sie beschuldigen Ministerpräsident Saad al-Hariri, Sohn des getöteten Rafik al-Hariri, sich nicht von dem Tribunal distanziert zu haben.