"Die Banken setzen die Lehren aus der Krise Schritt für Schritt um. Schwerpunkt dieser Reformen ist das Risikomanagement: Die gewohnten Modelle werden gründlich überarbeitet, Stresstests intensiver eingesetzt. Die Banken haben ihr Eigenkapital erhöht, die Fremdfinanzierung ihrer Geschäfte abgebaut, ihre Liquiditätspuffer verstärkt, die Abhängigkeit von kurzfristigen Geldern verringert und die Strukturen von Forderungen und Verbindlichkeiten noch mehr miteinander in Einklang gebracht. Überkomplexe Finanzprodukte sind zugunsten mehr standardisierter und transparenter Produkte aus dem Angebot verschwunden. Die Leitlinien für die Kundenberatung wurden überarbeitet, und besonders für Verbriefungen und Derivate entstehen derzeit übersichtlichere und solidere Marktinfrastrukturen. Nicht zuletzt passen die Banken aber auch ihre Vergütungsmodelle an. Ziel ist dabei, die Vergütung noch besser am nachhaltigen Erfolg und den längerfristigen Interessen der Aktionäre auszurichten."
"Die Bezahlung von Mitarbeitern sorgt für kontroverse Diskussionen. Anreize können zu Exzessen führen, wenn sie falsch gesetzt werden. Und es gibt wohl keine Rechtfertigung für die Zahlung überhöhter Boni, wenn eine Bank Verlust gemacht hat. Die notwendige Verbesserung von Anreizstrukturen ist allerdings kein Allheilmittel gegen unzureichendes Risikomanagement. Nicht wenige Finanzinstitute hatten Vermögenswerte in Milliardenhöhe in ihren Büchern. Oft behielten sie diese, weil sie nicht wussten, dass es sich um hochgefährliche Instrumente handelte. Diese Institute und ihre Mitarbeiter hatten die Folgen zu tragen. Nach solchen Schocks besteht verständlicherweise der Wunsch, unser Regulierungssystem zu reformieren. Wir sollten jedoch überlegen, was wir mit Regulation erreichen wollen. Es wird faktisch unmöglich und für die wirtschaftliche Entwicklung schädlich sein, jegliches Risiko zu eliminieren. Risikomanagement und Fair-Value-Bewertung sind wichtige Lehren aus der Krise."
"Trotz vieler Diskussionen über Regulierung wird man sich dem größten Fehler in unserem Finanzsystem wohl nicht widmen. Er lässt sich in einem Satz ausdrücken: 'too big to fail' - die Banken sind zu groß, um unterzugehen. Leider gibt es keinen Hinweis darauf, dass Politiker in den USA oder Europa den ernsthaften Wunsch haben, das Existenzrecht dieser Institute in Frage zu stellen. Auch die Medien begreifen das Wesentliche nicht. Die Menschen beschäftigen sich lieber mit Gehältern von Bankern, weil es leicht zu verstehen ist, dass der Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein 2000-mal mehr verdient als der Durchschnittsbürger. Aber das ist nicht die Ursache des Problems. Die Banken, die zu groß sind, um unterzugehen, können wahnsinnige Summen zahlen, weil sie den Lohn der Risiken einheimsen, ohne die Kosten zu tragen: das Risiko pleitezugehen. Solange sie existieren, wird das internationale Finanzsystem nicht mehr sein als eine Parodie eines wirklich freien Marktes."
"Europa hat schnell und mutig auf die Krise reagiert. Die Europäische Zentralbank hat ihre Fähigkeit zu raschem und entschlossenem Handeln unter Beweis gestellt, in völligem Einklang mit ihrem vorrangigen Auftrag, Preisstabilität zu gewährleisten. Der Euro hat einen unverzichtbaren Beitrag geleistet, die Auswirkungen der Krise zu vermindern. Was das globale Finanzsystem betrifft, so müssen wir seine Widerstandsfähigkeit stärken, übermäßiges Kurzfristdenken abbauen und für volle Transparenz sorgen. Wir müssen insbesondere gegen solche Faktoren vorgehen, die übermäßige Schwankungen nach oben wie nach unten verstärken. Vergütungssysteme müssen längerfristigen Zielsetzungen Rechnung tragen und dürfen exzessive Risikobereitschaft nicht belohnen. Die allgemeine Wirtschaftspolitik sollte übergroße binnen- und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte, wie sie der Krise zugrunde lagen, vermeiden und sich auf die Förderung eines nachhaltigen Wohlstands ausrichten."