Der Nehru-Gandhi-Clan
Die Politik Indiens wird seit der Unabhängigkeit des Landes 1947 maßgeblich von der Nehru-Gandhi-Familie bestimmt. Der prominente Clan, der nicht mit Mahatma Gandhi verwandt ist, dominiert bis heute die Kongresspartei und hat mit Jawaharlal Nehru, Indira Gandhi und Rajiv Gandhi bereits drei Premierminister gestellt.
Die Nehrus sind eine Familie kaschmirischer Brahmanen, die seit dem 18. Jahrhundert in Nordindien leben. Jawaharlal Nehru kämpfte an der Seite Mahatma Gandhis gegen die britische Kolonialherrschaft und wurde 1947 der erste Premierminister des unabhängigen Indien. Unter seiner Führung errang die Kongresspartei große Wahlsiege. Nehru trat für die Trennung von Staat und Religion ein, für einen demokratischen Sozialismus und nach außen für die Blockfreiheit. Nach seinem Tod im Mai 1963 übernahm zunächst Lal Bahadur Shastri die Regierung. Als dieser im Januar 1966 plötzlich starb, machten die Führer der Kongresspartei Nehrus einziges Kind, Indira, zu seiner Nachfolgerin.
Nehrus Tochter war mit dem Parsen Feroze Gandhi verheiratet. Sie regierte Indien von 1966-1977 und von 1980-1984. 1977 wählte die indische Bevölkerung die Premierministerin ab, nachdem sie den Notstand ausgerufen, zahlreiche Oppositionspolitiker verhaftet und eine Kampagne zur Massensterilisierung angeordnet hatte, die das Bevölkerungswachstum bremsen sollte. Als die Regierung der zwischenzeitlich amtierenden Janata-Partei zerfiel, gelangte Indira Gandhi 1980 erneut an die Macht. Anfang der 1980er Jahre kämpften im Panjab militante Sikhs für einen eigenen Staat. Als sich die Radikalen im Goldenen Tempel von Amritsar verschanzten, ließ Indira Gandhi das Heiligtum der Sikhs von der Armee stürmen. Wenige Monate später, am 31. Oktober 1984, erschossen zwei ihrer eigenen Sikh-Leibwächter die Premierministerin.
Noch am Tag der Ermordung Indira Gandhis wurde ihr Sohn Rajiv als Regierungschef vereidigt. Das indische Wahlvolk bestätigte ihn kurz darauf durch einen grandiosen Wahlsieg. Als Rajiv Gandhi 1991, inzwischen in der Opposition, erneut in den Wahlkampf zog, wurde er von einer tamilischen Selbstmordattentäterin getötet. Die Täterin stammte wahrscheinlich aus dem Kreis der militanten Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die Rache für die Rache für die Intervention des indischen Militärs im Bürgerkrieg auf Sri Lanka suchten.
Rajiv Gandhis Witwe lehnte es zunächst ab, die Führung der Kongresspartei zu übernehmen. Die gebürtige Italienerin hatte ihren Mann während des Studiums im britischen Cambridge kennen gelernt und hielt sich politisch zurück. 1998 gab sie doch dem Drängen der Partei nach und ließ sich zu deren Präsidentin wählen. Nach acht Jahren in der Opposition errang die Kongresspartei 2004 unter ihrer Führung wieder einen Wahlsieg. Überraschend verzichtete Sonia Gandhi jedoch auf das Amt der Premierministerin und überließ es ihrem Partei-Kollegen Manmohan Singh.
Aus der Ehe von Sonia und Rajiv Gandhi stammen zwei Kinder. Rahul Gandhi (*1970) studierte Wirtschaftswissenschaften in Harvard und Cambridge. Er arbeitete als Finanzberater in London, bevor er 2002 nach Indien zurückkehrte und zwei Jahre später ins Parlament einzog. Als politische Hoffnung gilt auch seine Schwester Priyanka (*1971), der Bewunderer das Charisma ihrer Großmutter Indira nachsagen.
Die Witwe von Indira Gandhis älterem Sohn Sanjay ist das politische Enfant terrible des Nehru-Gandhi-Clans. Sie überwarf sich mit ihrer Schwiegermutter und trat 2004 der hindunationalistischen BJP bei.