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28.05.2009
 

Markus in Israel

"Was ist los mit euch Deutschen?"

2. Teil: Ron schreit den Jungen an: "So kannst du dich vielleicht in deiner Scheißsiedlung benehmen"

Dienstag, 7. April

Seit einem Monat kenne ich Liat, aber ich habe ihr noch nicht erzählt, dass mein Vater Pastor ist. Sie hat nicht gefragt, und ich wollte nicht alles noch komplizierter machen. Heute ist es so weit. Sie fragt dreimal nach, bevor sie es glaubt. "So wie ein Rabbi, nur für euch? Hat er auch so ein schwarzes Gewand an?" Einen Moment lang wird es sehr still. Sie schaut mich an.

Sie: "Du bist Deutscher, dein Großvater war ein Nazi, dein Vater ist Pastor?"

Ich: "Mein Großvater war in der Partei, aber kein Nazi."

Sie: "Und du bist nicht einmal beschnitten. Ich fasse es nicht."

Dann umarmt sie mich.

Freitag, 10. April

Es ist sechs Uhr morgens, und ich suche die Karfreitagsprozession der Lutheraner. Zwar bin ich rechtzeitig aufgewacht, habe aber den Treffpunkt vergessen. Hinter einer Wegbiegung sehe ich die Gruppe. Vier schwarz gekleidete Pastoren, einer von ihnen trägt ein Kreuz aus Holz vor sich her. Wir gehen die Stationen der Via Dolorosa ab, des Leidenswegs Jesu.

In der Altstadt ist es noch sehr ruhig, die Morgensonne taucht alles in einen Hauch aus Gold. Ich denke darüber nach, dass ich vor Ostern in den letzten Jahren immer streng gefastet habe: keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Fleisch, keine Süßigkeiten. Dieses Jahr habe ich eine Regel nach der anderen gebrochen. Heute, am Karfreitag, werde ich dafür gar nichts essen, bis die Sonne untergeht.

Nach der Prozession gehe ich mit Pastor Michael und ein paar deutschen Zivildienstleistenden noch einen Tee trinken. Zivi Ronald geht Schokohörnchen kaufen. Alle essen eins, nur ich nicht. Ich sage: "Heute esse ich nichts." Pastor Michael schaut mich an und sagt: "Ja, du hast ja recht. Hab nicht nachgedacht." Dann verschenkt er den Rest seines Hörnchens.

Donnerstag, 16. April

"Habt ihr alle braune Shirts?", fragt der Typ im Ajax-Amsterdam-Trikot. Ich spiele beim Fanclub-Turnier der Hapoel-Katamon-Fans mit. Fünf gegen fünf auf kleinem Feld. Ich bin der einzige Deutsche hier, aber weil mein Kumpel Ron und ich Fans des FC St. Pauli sind und wir selbstverständlich unsere braunen Trikots mitgebracht haben, spielt jetzt das ganze Team in unserer Farbe. Eine Moment haben wir nachgedacht, ob das jetzt irgendwie komisch ist, ganz in Braun, in Israel, in Shirts mit deutscher Aufschrift ... egal.

Markus beim Fanturnier: Im braunen Pauli-Shirt auf israelischem Grün
Markus Flohr

Markus beim Fanturnier: Im braunen Pauli-Shirt auf israelischem Grün

In den ersten beiden Spielen erkämpfen wir heldenhaft zwei Unentschieden. Vor dem dritten Match schwört Ron uns ein: "Wir spielen jetzt gegen die Siedler. Dieses Spiel müssen wir gewinnen. Hört ihr? Wir müssen es gewinnen."

Ron war als Soldat in Hebron und hatte den Auftrag, die jüdischen Siedler dort zu schützen - umgeben von Palästinensern, die weder Armee noch Siedler akzeptieren und sie bekämpfen. Ron hat sein Leben für diese Siedler riskiert - sie haben ihn zum Dank bespuckt und beschimpft. Die Soldaten sind für die Siedler Verräter, die ihr Land an die Palästinenser verschenken wollen.

Ich spiele in der Spitze, staube ab zum 1:0. Eine Minute später rammt mir ein Siedlerjunge im Zweikampf seinen Ellbogen ins Gesicht, ich taumele und schimpfe ihm etwas hinterher. Der Schiri hat es nicht gesehen, aber Ron. Er schreit den Typen an: "So kannst du dich vielleicht in deiner Scheißsiedlung benehmen." Sie geraten aneinander. Der Schiri pfeift, Schluss. Wir gewinnen 1:0.

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