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28.05.2009
 

Markus in Israel

"Was ist los mit euch Deutschen?"

3. Teil: Mein Lehrer sagt, er sei kein Antisemit, nur gegen Israel

Montag, 20. April

Liat sagt: "Wir sind wie Zigeuner, wie Obdachlose." Wenn wir uns sehen, irren wir planlos durch Tel Aviv, auch in der Nacht, bis wir irgendwann eine Entscheidung fällen müssen: Fahre ich zurück nach Jerusalem? Oder fragen wir einen Freund, ob wir auf der Wohnzimmercouch, im Gästezimmer oder in der Abstellkammer Asyl bekommen?

Zur Person

Matthias Thiele
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.
Wir dürfen bei Felix wohnen, er ist russischer Jude und arbeitet als Designer. Er wohnt in einer großen Garage im Industriegebiet von Tel Aviv. Da, wo einmal die Autos oder was auch immer standen, ist jetzt eine Sitzgruppe. Küche und Bad hat er selbst hier hineingebaut, das Schlafzimmer ist auf einer Empore unter der Decke.

Felix hat einen etwas ruppigen Humor: "Du darfst zwar hier schlafen", sagt er, "aber glaube ja nicht, ich vergesse, dass morgen Shoa-Tag ist." An diesem Tag gedenken die Israelis der Menschen, die im Holocaust ermordet wurden. Um zehn Uhr morgen früh wird eine Sirene gehen und jeder für zwei Minuten wie zu Stein erstarrt verharren. Nach Felix' Spruch habe ich meine vorgezogene Shoa-Minute. Ich stehe da wie eine Salzsäule. Liat lacht, aber ich muss mich erst einmal fassen. Felix klopft mir auf die Schulter: "Willst du ein Bier?"

Mittwoch, 22. April

Meine Nase klebt an der Scheibe, und der Mund steht offen. Es ist sechs Uhr morgens, ich sitze in der S-Bahn vom Flughafen Köln-Bonn zum Kölner Bahnhof. Diese Bäume! Ich kann kaum fassen, wie viele Bäume es in Deutschland gibt, das hatte ich in Israel vergessen. Gab es die hier schon immer?

Ich bin in Deutschland weil meine Schwester heiratet, und zwar in Heidelberg. Am Morgen nach der Feier stehe ich auf dem Dach unseres Hotels und schaue in die Gassen der Altstadt hinunter. Halbmarathon ist heute. Die Straßen sind abgesperrt, da steht ein Polizist in seiner grünen Uniform, daneben ein Krankenwagen. Ein altes Pärchen kreuzt auf Fahrrädern die Straße, da hinten verkauft jemand Brezeln. Es sieht aus wie gemalt, aber auch irgendwie wie aus Plastik. Mir kommt für eine Sekunde dieser Gedanke: Deutschland ist eigentlich gar nicht echt, sondern ein Land aus Playmobil.

Montag, 27. April

"Ich bin ja kein Antisemit, aber ...", sagt mein ehemaliger Lehrer und bezahlt seine Zeitung. Ich bin zu Besuch in der norddeutschen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, wir treffen uns zufällig am Kiosk. Nach diesem Satzbeginn kann eigentlich nur noch Blödsinn kommen. Er setzt seinen Gedanken fort: " ... ich werde immer mehr zum Anti-Israeli." Wir diskutieren zehn Minuten, dann erzählt er mir, dass er bald mal in den Libanon und nach Syrien fahren wird, er habe da Verbindungen zu einem ehemaligen Hisbollah-Kämpfer, dessen Tochter nach Deutschland gekommen sei. Oder so. Kein Antisemit, nur gegen Israel - manchmal ist das nahe beieinander.

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