Von Christian Siepmann
Die Haft habe ihn verändert, sagt Sebastian. Das Leben im geschlossenen Vollzug sei hart. Wer Gefühle oder Schwäche zeige, werde gemobbt. Drastisch schilderte ihm ein Psychologe die Langzeitfolgen der Drogen, mit denen er sein schnelles Geld gemacht hatte. Er gewann Abstand von den alten Freunden. Die Beziehung zur Familie wurde enger, sie gab ihm Halt, unterstützte seine Pläne.
Denn daran hält er auch in Haft fest: so schnell wie möglich ein Studium zu beginnen. Das naheliegende, ein Fernstudium, ist ohne Internetzugang kaum möglich - den gibt es bundesweit aber nur in zwei speziellen Studienzentren für Häftlinge, in Freiburg und Berlin. Nicht in Bayern. Sebastians Anliegen geht bis in den Bayerischen Landtag, Erfolg hat es nicht. Schließlich überzeugt er den Bayreuther Anstaltsleiter Dieter Waas. "Sebastian hatte sehr klare Vorstellungen und ist uns geschildert worden als zugänglicher und fleißiger Mann, der viel Energie auf sein Ziel verwandt hat."
Dann galt es noch, die Uni für den Plan zu gewinnen. Es gibt eine Klausel, wonach die Uni einen Bewerber ablehnen kann, der zu mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt ist und dessen Straftat den Studienbetrieb stören könnte. "Wir haben große Bedenken gehabt, denn Drogenhandel ist eine kritische Sache", sagt Helmut Übelhack, Leiter der Studentenkanzlei.
Einen Euro Lohn gibt's pro Semesterwochenstunde
Es gibt einen Gesprächstermin. Übelhack, die Abteilungsleiterin für akademische Angelegenheiten und eine Studienberaterin befragen Sebastian. Eine der Frauen sagt: "Wie soll ich reagieren, wenn eine Mutter zu mir kommt und fragt, warum ein Drogenhändler im Hörsaal neben ihrem Kind sitzen darf?" Sebastian weiß keine Antwort. Er fürchtet, dass seine Studienpläne geplatzt sind. Doch die Uni gibt ihm eine Chance: Drei Tage später kommt die Zusage.
Sebastian beantragt Urlaub, um von seinen Eltern Kleidung zu holen - bloß nicht im Anstaltspulli in den Hörsaal! Keine Woche später wird er aus dem geschlossenen Vollzug in Niederschönenfeld bei Augsburg nach Bayreuth verlegt, am Montag darauf geht er zum ersten Mal zur Uni. Seine Eltern, der Vater ein selbständiger Handwerker, bezahlen die Studiengebühren. Das Gefängnis gibt ihm einen guten Euro Lohn pro Semesterwochenstunde, Bildung gilt als Arbeit. Von dem Geld bezahlt Sebastian das Mensa-Essen.
"Mehr Bildung ist immer ein Gewinn", sagt JVA-Leiter Waas. Ob ein im Gefängnis nachgeholter Hauptschulabschluss oder ein Studium, beides mache ein straffreies Leben nach der Haft wahrscheinlicher.
Seine Entscheidung, straffrei zu leben, sei längst gefallen, sagt Sebastian, schon vor dem Studium. Aber natürlich helfe es, diesen Entschluss umzusetzen. "Ich habe jetzt mit Leuten zu tun, für die Leben etwas anderes bedeutet, als jeden Tag auf der Straße rumzuhängen und Blödsinn zu machen."
Bisher sind alle Prüfungen gut gelaufen. Die nächsten acht Semester seines Studiums wird Sebastian, wenn seine Vorsätze halten, in Freiheit verbringen. Bald wird er zwei Drittel der Strafe verbüßt haben - und kommt frei.
Er will mit einer Kommilitonin eine Wohngemeinschaft gründen, keinesfalls in einem Studentenwohnheim leben. "Lange, dunkle Gänge und graue Türen", sagt Sebastian. "Da käme ich mir vor wie im geschlossenen Vollzug."
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