Von Christian Siepmann
Ein Computerraum der Universität Bayreuth am Freitagmorgen. Die Studenten warten darauf, dass der Praxisunterricht in Konstruktion beginnt, an den Wänden hängen Zeichnungen von Kugellagern. Eine blonde Frau im Kapuzenpulli erzählt von der Party vergangene Nacht, sie ging bis vier Uhr früh.
Am Computertisch lehnt ihr Kommilitone Sebastian, Arme verschränkt über dem braunen Hemd, und hört zu. Er war nicht bei dem Fest. Bis zehn Uhr hat er gelernt und ist danach ins Bett gegangen, wie jeden Tag. Ein Wärter hat die Tür zugeschlossen, den Rest der Nacht verbrachte Sebastian auf dem schmalen Bett in seiner Zelle.
Seit fast zwei Jahren war der 26-Jährige nicht mehr auf einer Party. So lange sitzt er schon im Gefängnis, wegen Dealens. Er hat Ecstasy und Amphetamine verkauft und anderen geholfen, das Zeug zu verticken. Die Polizei observierte ihn, dann wurde er verhaftet, am Ende zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Seit neun Monaten muss er nicht mehr den ganzen Tag hinter Anstaltsmauern verbringen. Er studiert im zweiten Semester Ingenieurwesen an der Universität Bayreuth, als Freigänger.
Sebastian ist der einzige Bayreuther Häftling, der mehrmals pro Woche das Gefängnis verlassen darf, um sich in einen Hörsaal oder Seminarraum zu begeben. Wie viele studentische Freigänger es bundesweit gibt, lässt sich nicht genau ermitteln, ihre Zahl wird nicht erfasst. In den Justizministerien der Bundesländer heißt es nur vage: "wenige Ausnahmefälle".
Der Stundenplan bestimmt nicht nur das Studium, sondern sein ganzes Leben
Es ist sehr anders, dieses Studentenleben, das wird im Computerraum eine halbe Stunde später klar, als jemand kommt und sagt, dass der Konstruktionsunterricht heute ausfalle, der Lehrstuhl entschuldige sich. Unverhoffte Freizeit! Jetzt könnte man schön eine Tasse Latte macchiato trinken gehen. Oder sich ausschlafen nach der langen Partynacht, das ist der Plan der blonden Studentin. "Schönes Wochenende!", ruft Sebastian ihr zu, greift seine schwarze Tasche und geht schnurstracks Richtung Ausgang.
Er muss zurück in die Justizvollzugsanstalt Bayreuth. Kleine Abweichungen von der Regel kann er sich nicht leisten. Mit der geliehenen Freiheit, die ihm die Gefängnisleitung genehmigt, wäre es schnell vorbei. Wann Sebastian morgens die JVA verlassen darf und wann er zurück sein muss, ist genau in seiner Ausgangsverfügung festgehalten. Jeweils eine Stunde nach Veranstaltungsende wird er erwartet in der Abteilung für offenen Vollzug.
Die anderen Studenten fragen nicht, warum Sebastian so schnell verschwindet. Die meisten wissen, dass er ein Gefangener ist. Die Professoren auch: Im ersten Semester musste er nach jeder Vorlesung, jedem Seminar nach vorn eilen und sich seine Präsenz per Unterschrift bestätigen lassen. "Wenigstens ein Student, der regelmäßig anwesend ist", scherzte ein Dozent.
Waren die Kommilitonen geschockt? Nein, sagt Sebastian. "Erstaunt waren sie schon, und viel gefragt haben sie. Einige fanden's richtig toll, dass ich die Chance zum Studium nutze."
Schnelles Geld - Wie Sebastian zum Drogendealer wurde
Sebastian meldet sich im Dienstzimmer der JVA, diesmal eben eine Stunde früher als sonst. Wie immer öffnet er seine Tasche, stellt sie auf den Tisch. Ein Beamter zieht Bücher und Schreibblock heraus, blättert sie durch, sucht nach Waffen, Kassibern, Drogen, Geld oder einem Handy. Sebastian ist sauber. "Dann gehen Sie mal und ziehen sich um", sagt der Beamte, sein Ton ist höflich, aber bestimmt. Ergeben trottet Sebastian davon - er hat sich arrangiert mit den Regeln, die der Knast über seine kleine Freiheit stülpt, was bleibt ihm auch anderes übrig? Als er wiederkommt, hat er sein lässiges Hemd gegen den grauen Anstaltspulli getauscht. Der Student ist jetzt wieder Gefangener.Die Abteilung für offenen Vollzug ist in einem ehemaligen Gut aus dem 16. Jahrhundert untergebracht. Weiß gestrichene Mauern ragen hoch um einen gepflasterten Innenhof; in dessen Mitte lagert ein Misthaufen. Man riecht ihn noch im Gebäude. Viele der 40 hier einsitzenden Männer arbeiten in der Landwirtschaft.
Aus Sebastians Zelle im ersten Stock geht der Blick auf grüne Hügel, durch die sich der Rote Main schlängelt. Ein Idyll, nur gebrochen durch die geschmiedeten Gitterstäbe vorm Fenster. Die Zimmertür ist aus grün lackiertem Stahl, die Einrichtung: drei Metallbetten, eins für Sebastian, die anderen für seine beiden Stubengenossen. Je eine Kommode und ein Kleiderschrank. In der Mitte ein Tisch mit drei Stühlen, in der linken Raumhälfte ein schmaler Schreibtisch.
Sebastian will die Knastkollegen zum Lernen treiben
Das ist Sebastians kleines Studentenreich, hier lernt er jeden Abend im Lichtkegel einer Leselampe, die er sich selbst gebastelt hat. Die Bücher bewahrt er in einer Kiste unter dem Bett auf. All das Lesen, Schreiben, Grübeln bringt ihm gelegentlich den Spott der Zellengenossen ein. Der eine arbeitet auf einem Schrottplatz, der andere bei einer Spedition. Sebastian hat oft versucht, die Knastkollegen zum Lernen von Fremdsprachen zu bewegen: "Jungs, überlegt mal, wenn man jeden Tag nur ein einziges Wort lernt, dann kann man nach drei Jahren tausend Wörter!"
Über sein Bett hat Sebastian einen Abreißkalender mit dem Foto einer barbusigen Frau gehängt, das gehört hier irgendwie zum guten Ton. Daneben ist ein Bild von Nelson Mandela angepinnt. Der saß fast 30 Jahre im Gefängnis, studierte nebenbei ein zweites Mal und wurde Präsident Südafrikas. "Wenn der sein Studium unter solchen Bedingungen hingekriegt hat, werde ich es doch auch schaffen können", sagt Sebastian und lacht.
Dann hockt er sich auf einen Stuhl und erzählt, wie alles begann. Damals besuchte er die Berufsoberschule, um das Abitur nachzumachen. Nachts ging er feiern, war von seinem Heimatort im Allgäu aus in ganz Süddeutschland unterwegs, bis nach Frankfurt.
Nur ein Ding wollte er noch drehen, sagt Sebastian
"Wenn man Kontakt zu dieser Szene hat, in der Leute Drogen nehmen, bekommt man einen Eindruck von Angebot und Nachfrage. Man hört, dass jemand sucht, und weiß, wer etwas hat. Und dann kommt man in Kleinigkeiten rein, und die werden immer größer." Ihn habe das "schnelle und stressfreie Geld" gereizt, und die Macht: Menschen waren von ihm abhängig.
Vor zwei Jahren war es dann, da hatte er das Abitur in der Tasche, den Wehrdienst fast hinter sich, und den festen Plan, sich in Bayreuth zum Ingenieurstudium einzuschreiben. Nur ein letztes Ding habe er noch drehen wollen, sagt Sebastian, um schönes Geld für die ersten Semester zusammenzukriegen.
Doch stattdessen wurde er geschnappt, ein halbes Jahr Untersuchungshaft folgte, der Staatsanwalt drohte mit sieben Jahren. "Die Ungewissheit machte mich fertig. Und was ich meiner Familie angetan hatte." Kurz hält er inne, erzählt dann weiter. "Was mir nicht aus dem Kopf geht, ist das Bild von meinem Vater, wie er dem Polizeiwagen hinterherschaut, in dem ich weggefahren werde." Seine Stimme bricht, er blinzelt Tränen weg.
Kommilitone Knacki - Wie Sebastian sich den Studienplatz erkämpfte
Die Haft habe ihn verändert, sagt Sebastian. Das Leben im geschlossenen Vollzug sei hart. Wer Gefühle oder Schwäche zeige, werde gemobbt. Drastisch schilderte ihm ein Psychologe die Langzeitfolgen der Drogen, mit denen er sein schnelles Geld gemacht hatte. Er gewann Abstand von den alten Freunden. Die Beziehung zur Familie wurde enger, sie gab ihm Halt, unterstützte seine Pläne.
Denn daran hält er auch in Haft fest: so schnell wie möglich ein Studium zu beginnen. Das naheliegende, ein Fernstudium, ist ohne Internetzugang kaum möglich - den gibt es bundesweit aber nur in zwei speziellen Studienzentren für Häftlinge, in Freiburg und Berlin. Nicht in Bayern. Sebastians Anliegen geht bis in den Bayerischen Landtag, Erfolg hat es nicht. Schließlich überzeugt er den Bayreuther Anstaltsleiter Dieter Waas. "Sebastian hatte sehr klare Vorstellungen und ist uns geschildert worden als zugänglicher und fleißiger Mann, der viel Energie auf sein Ziel verwandt hat."
Dann galt es noch, die Uni für den Plan zu gewinnen. Es gibt eine Klausel, wonach die Uni einen Bewerber ablehnen kann, der zu mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt ist und dessen Straftat den Studienbetrieb stören könnte. "Wir haben große Bedenken gehabt, denn Drogenhandel ist eine kritische Sache", sagt Helmut Übelhack, Leiter der Studentenkanzlei.
Einen Euro Lohn gibt's pro Semesterwochenstunde
Es gibt einen Gesprächstermin. Übelhack, die Abteilungsleiterin für akademische Angelegenheiten und eine Studienberaterin befragen Sebastian. Eine der Frauen sagt: "Wie soll ich reagieren, wenn eine Mutter zu mir kommt und fragt, warum ein Drogenhändler im Hörsaal neben ihrem Kind sitzen darf?" Sebastian weiß keine Antwort. Er fürchtet, dass seine Studienpläne geplatzt sind. Doch die Uni gibt ihm eine Chance: Drei Tage später kommt die Zusage.
Sebastian beantragt Urlaub, um von seinen Eltern Kleidung zu holen - bloß nicht im Anstaltspulli in den Hörsaal! Keine Woche später wird er aus dem geschlossenen Vollzug in Niederschönenfeld bei Augsburg nach Bayreuth verlegt, am Montag darauf geht er zum ersten Mal zur Uni. Seine Eltern, der Vater ein selbständiger Handwerker, bezahlen die Studiengebühren. Das Gefängnis gibt ihm einen guten Euro Lohn pro Semesterwochenstunde, Bildung gilt als Arbeit. Von dem Geld bezahlt Sebastian das Mensa-Essen.
"Mehr Bildung ist immer ein Gewinn", sagt JVA-Leiter Waas. Ob ein im Gefängnis nachgeholter Hauptschulabschluss oder ein Studium, beides mache ein straffreies Leben nach der Haft wahrscheinlicher.
Seine Entscheidung, straffrei zu leben, sei längst gefallen, sagt Sebastian, schon vor dem Studium. Aber natürlich helfe es, diesen Entschluss umzusetzen. "Ich habe jetzt mit Leuten zu tun, für die Leben etwas anderes bedeutet, als jeden Tag auf der Straße rumzuhängen und Blödsinn zu machen."
Bisher sind alle Prüfungen gut gelaufen. Die nächsten acht Semester seines Studiums wird Sebastian, wenn seine Vorsätze halten, in Freiheit verbringen. Bald wird er zwei Drittel der Strafe verbüßt haben - und kommt frei.
Er will mit einer Kommilitonin eine Wohngemeinschaft gründen, keinesfalls in einem Studentenwohnheim leben. "Lange, dunkle Gänge und graue Türen", sagt Sebastian. "Da käme ich mir vor wie im geschlossenen Vollzug."
© UniSPIEGEL 5/2009
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