Als Häftling an die Uni: Kleine Freiheit

Von Christian Siepmann

Sebastian sitzt wegen Drogenhandels im Gefängnis, doch für ein paar Stunden am Tag darf er raus, an die Uni Bayreuth. Als Freigänger studiert er nebenbei Ingenieurwesen - ein Neuanfang, seine große Chance. Sich die zu erkämpfen, war gar nicht so leicht.

Gefangener Student Sebastian: Wie viele Freigänger es den Unis gibt, weiß niemand Zur Großansicht
Frank Boxler

Gefangener Student Sebastian: Wie viele Freigänger es den Unis gibt, weiß niemand

Ein Computerraum der Universität Bayreuth am Freitagmorgen. Die Studenten warten darauf, dass der Praxisunterricht in Konstruktion beginnt, an den Wänden hängen Zeichnungen von Kugellagern. Eine blonde Frau im Kapuzenpulli erzählt von der Party vergangene Nacht, sie ging bis vier Uhr früh.

Am Computertisch lehnt ihr Kommilitone Sebastian, Arme verschränkt über dem braunen Hemd, und hört zu. Er war nicht bei dem Fest. Bis zehn Uhr hat er gelernt und ist danach ins Bett gegangen, wie jeden Tag. Ein Wärter hat die Tür zugeschlossen, den Rest der Nacht verbrachte Sebastian auf dem schmalen Bett in seiner Zelle.

Seit fast zwei Jahren war der 26-Jährige nicht mehr auf einer Party. So lange sitzt er schon im Gefängnis, wegen Dealens. Er hat Ecstasy und Amphetamine verkauft und anderen geholfen, das Zeug zu verticken. Die Polizei observierte ihn, dann wurde er verhaftet, am Ende zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Seit neun Monaten muss er nicht mehr den ganzen Tag hinter Anstaltsmauern verbringen. Er studiert im zweiten Semester Ingenieurwesen an der Universität Bayreuth, als Freigänger.

Sebastian ist der einzige Bayreuther Häftling, der mehrmals pro Woche das Gefängnis verlassen darf, um sich in einen Hörsaal oder Seminarraum zu begeben. Wie viele studentische Freigänger es bundesweit gibt, lässt sich nicht genau ermitteln, ihre Zahl wird nicht erfasst. In den Justizministerien der Bundesländer heißt es nur vage: "wenige Ausnahmefälle".

Der Stundenplan bestimmt nicht nur das Studium, sondern sein ganzes Leben

Es ist sehr anders, dieses Studentenleben, das wird im Computerraum eine halbe Stunde später klar, als jemand kommt und sagt, dass der Konstruktionsunterricht heute ausfalle, der Lehrstuhl entschuldige sich. Unverhoffte Freizeit! Jetzt könnte man schön eine Tasse Latte macchiato trinken gehen. Oder sich ausschlafen nach der langen Partynacht, das ist der Plan der blonden Studentin. "Schönes Wochenende!", ruft Sebastian ihr zu, greift seine schwarze Tasche und geht schnurstracks Richtung Ausgang.

Er muss zurück in die Justizvollzugsanstalt Bayreuth. Kleine Abweichungen von der Regel kann er sich nicht leisten. Mit der geliehenen Freiheit, die ihm die Gefängnisleitung genehmigt, wäre es schnell vorbei. Wann Sebastian morgens die JVA verlassen darf und wann er zurück sein muss, ist genau in seiner Ausgangsverfügung festgehalten. Jeweils eine Stunde nach Veranstaltungsende wird er erwartet in der Abteilung für offenen Vollzug.

Die anderen Studenten fragen nicht, warum Sebastian so schnell verschwindet. Die meisten wissen, dass er ein Gefangener ist. Die Professoren auch: Im ersten Semester musste er nach jeder Vorlesung, jedem Seminar nach vorn eilen und sich seine Präsenz per Unterschrift bestätigen lassen. "Wenigstens ein Student, der regelmäßig anwesend ist", scherzte ein Dozent.

Waren die Kommilitonen geschockt? Nein, sagt Sebastian. "Erstaunt waren sie schon, und viel gefragt haben sie. Einige fanden's richtig toll, dass ich die Chance zum Studium nutze."

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insgesamt 16 Beiträge
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    Seite 1    
1. Strafe muss sein.
papp-kopp 14.12.2009
Na klasse. Abgesehen von dem löblichen Ehrgeiz des jungen Mannes und seiner neu gewonnen Lauterkeit: Hätte er sich ja vorher überlegen können. 3 Jahre Haft sind als Strafe ok für 'n Dealer. Und Strafe ist Strafe. Studieren kann er ja dann meinetwegen hinterher. Kann sich jeder popelige Anstaltsleiter über ein Richterurteil hinwegsetzen? Echt toll, wie Justitia hierzulande mit Füßen getreten wird.
2. Unverständlich
1976er 14.12.2009
Was mir nicht in den Kopf geht ist folgendes: Dieser Mann begeht eine Straftat, stürzt andere in die Drogensucht und als "Belohnung" darf er nicht nur studieren, nein, die Anstalt zahlt im auch noch Geld für jede gelistete Studierstunde!!! Also, da frage ich mich doch allen ernstes warum andere Studenten neben dem Studium arbeiten gehen müssen um sich Geld für Wohnung, Mensa etc zu verdienen. Das deutsche Rechtssystem, bist Du ehrlich bist Du der gelackmeierte! Wundervoll!!!
3. Ist okay
baiatul 14.12.2009
Zitat von sysopSebastian sitzt wegen Drogenhandels im Gefängnis, doch für ein paar Stunden am Tag darf er raus, an die Uni Bayreuth. Als Freigänger studiert er nebenbei Ingenieurwesen - ein Neuanfang, seine große Chance. Sich die zu erkämpfen, war gar nicht so leicht. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,656753,00.html
So ist das eigentlich richtig. Warum nicht? Er hat niemanden umgebracht. Überhaupt sollte in Gefängnissen den Leuten viel mehr Bildung beigebracht werden. Bildung aller Art. Heutzutage kommen die meisten Verurteilten blöd dorthin. Und noch blöder, aber dafür obendrein auch noch brutaler und schön vorbestraft, wieder raus. Prost Neujahr also. Prost Neuanfang.....
4. Gute Voraussetzung
eximius 14.12.2009
Sebastian - deine Studienvoraussetzungen sind garnicht mal so schlecht! Im offenen Vollzug kannst Du dich wenigstens konsequent auf dein Studium konzentrieren. Andere Studenten haben nicht die Möglichkeit, sich so konzentriert dem Studium zu widmen. Mach was draus, nutze deine Zeit und schätze die Situation! Dies soll natürlich kein Vorschlag für verschärfte Studienbedingungen sein ;) Alles Gute!
5. Völlig richtig
citizenkane 14.12.2009
Nur durch Schulische Bildung und beruflicher Weiterbildung haben Häfltline eine hance nach der Entlassung in unserer harten Gesellschaft zu bestehen. Es sollte für alle Häftlinge Pflicht sein sich auf der eine oder anderen Weise weiterbilden zu müssen. Nur so können wir dafür sorgen das Häftling nicht sofort wieder nach ihrer Entlassung straffällig werden und die Kosten der Justiz in die Höhe treiben. Nicht vergessen, wir reden hier von Kleinkriminellen und nicht von Mördern und Sexualstraftätter. Jeder Antrag muss natürlich genaustens geprüft werden denn die Sicherheit der Bevölkerung geht natürlich vor.
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