Von Christoph Titz
Da waren diese drei Kanadier. Das Wetter sei ihnen zu schlecht gewesen, nicht italienisch genug, erzählt Massimo Plaino, der sich an der Universität Udine um die Gaststudenten kümmert. "Das haben wir in Montreal auch", hätten sie gesagt und vorzeitig ihre Koffer gepackt.
Wer mit realistischeren Vorstellungen nach Udine kommt, ist hingegen meist angetan von der Stadt. So wie Robert Noack, 25, der im Februar in Udine sein Erasmus-Semester antrat. "Ich hatte zuerst nur Schlechtes gehört", sagt er, nippt am Espresso und blinzelt in die Sonne. "Dass nichts los sei und alles grau und trist. Aber das können nur Leute behaupten, die hier einmal schnell durchgefahren sind."
Robert Noack studiert Kunstgeschichte, und dass er dies in Italien tun wollte, sei ja wohl selbstverständlich, sagt er. Von der TU Dresden kommend, gab es für ihn nur drei Optionen: Trento, Mailand oder eben Udine. "Trento schien mir nicht attraktiv, und in Mailand hätte ich 450 Euro für ein Zimmer bezahlt", sagt er.
Robert entschied sich für die Stadt in der nordöstlichsten Ecke Italiens, rund eine Stunde Zugfahrt nördlich von Triest an der Adria. Italien-Klischees sucht man hier vergebens, knatternde Vespas in engen Gassen, deren Fahrer viel Gel im Haar und eine teure Sonnenbrille tragen. Udine bietet eher Loden als weit aufgeknöpfte Hemden, Fahrräder sind häufiger zu sehen als Motorroller.
Günstige Studentenzimmer in Privathäusern
Ihre Universität bekam die Stadt erst 1978, nachdem zwei Jahre zuvor Erdbeben die Region Friaul-Julisch Venetien verwüstet hatten, rund tausend Menschen waren dabei umgekommen. Mit Hilfe der Wissenschaft sollte die damals strategisch wichtige Region an der Grenze zu Jugoslawien wieder auf die Füße kommen. Zugleich bekam das Friaul ein akademisches Zentrum, jene Region, die über eine eigene rätoromanische Sprache verfügt und ihre kulturellen Eigenheiten pflegen möchte, ähnlich wie Katalonien innerhalb Spaniens.
Udine liegt etwas ab vom Schuss, fern der üblichen italienischen Sehnsuchtsziele junger Ausländer; das ist Massimo Plaino und Alessia Bruno im International Office bewusst. Daher bemühen sie sich intensiv um jeden Gaststudenten, der die Uni ansteuert. Meist sind es Spanier, auch viele Ungarn, selten Deutsche. Noack ist derzeit der einzige deutsche Erasmus-Student an der ganzen Hochschule. Insgesamt besteht die internationale Gemeinde hier aus 150 Leuten. Das traditionsreiche Bologna dagegen zählt jedes Jahr 2000 ausländische Gaststudenten.
Dafür ist in Udine der Sprachkurs, vier Stunden pro Woche, ordentlich und kostenlos. Günstig sind auch die Studentenzimmer in Privathäusern - die Uni hat mit den Vermietern ausgehandelt, dass die Mietpreise möglichst nicht über 230 Euro pro Monat liegen sollen. So können sich die Studenten sogar gelegentlich ein Ticket für ein Fußballspiel des Erstligisten Udinese Calzio leisten, dessen Stadion direkt an den naturwissenschaftlichen Campus grenzt. Viele ziehen aber die Großbildleinwand in der Brauereikneipe "Biere" vor, so dass in der riesigen Arena meist Plätze frei bleiben - dabei spielte Udinese eine Zeitlang um die Champions-League-Plätze mit.
Persönlicher Austausch beim Flatrate-Trinken mit Buffet
Akademisch hat die 33 Jahre junge Universität noch keine Trophäen abgeräumt. Im Censis-Ranking für die Tageszeitung "La Repubblica" landete sie im Mittelfeld. Ihre Stärke liegt in einzelnen Fachbereichen und Schwerpunkten. "In Dresden kam zum Beispiel die Antike im Kunstgeschichte-Studium überhaupt nicht vor", erzählt Robert Noack, "die Italiener dagegen legen genau dort einen Schwerpunkt."
Pädagogisch dominiert in Udine, wie allgemein in Italien, Spanien oder Frankreich, der Frontalunterricht. Nachfragen bei Vorlesungen sind selten, der Austausch untereinander folgt erst am Abend ab 18 Uhr beim Aperitivo, einer Institution, die wie gemacht ist für ein knapp bemessenes studentisches Budget; entweder für zehn Euro im All-you-can-drink-Angebot oder zusammen mit einem Glas Wein für einen Euro bieten Kneipen ein kaltes und warmes Buffet zum Sattessen.
Danach geht es weiter auf die Piazza della Libertà mit ihrem kirchengroßen Kriegerdenkmal und dann in die Kneipen, vor allem am Mittwoch, da ist traditionell Studentenabend. Viele Ausgehfreudige finden sich dann im "Black Stuff" ein, einem irischen Pub südlich der Altstadt. Dort fragte eine Gruppe von Spaniern den Besitzer Giovanni vor einigen Jahren, ob sie ihre Musik spielen dürfe. Und seit die Spanier bei ihm einfielen und bald die anderen internationalen Studenten folgten, stehen ein CD-Spieler und ein Mischpult mit iPod-Anschluss an der Wand. Einmal pro Woche ist seitdem "Errrasmus-Naite", wie der schwarzgelockte Barbesitzer grinsend erzählt. Wer unter 30 ist und gebrochen Italienisch spricht, bekommt Rabatt auf die Getränke.
Erniedrigender Ritus der Absolventenfolter
Für Auswärtige befremdlich ist hingegen der Udineser Brauch der Absolventenfolter - immerhin sind es hier nicht die Erstsemester, die sich einem erniedrigenden Ritus unterziehen müssen. Doch das ist auch das einzig Gute, was sich über diese Tradition sagen lässt. Während sich auf der Piazza St. Giacomo die Gäste in den Straßencafés amüsieren und fast auf jedem Tisch ein Aperol-Sprizz im Nachmittagslicht funkelt, steht der 32-jährige Absolvent Lorenzo aus Pordenone mit Klebeband gefesselt an einem Laternenmast.
Er trägt ein hautenges grelloranges Trikot und einen typischen friaulischen Sepplhut zum weißen Umhängebart, seine Freunde sind im Anzug gekommen. Sie haben ihn an einem Freitag nach seiner letzten Prüfung an der Uni abgepasst und quälen ihn nun auf eine Art, wie sie in Deutschland jungen Männern mit seltsamen Freunden beim Junggesellenabschied vorbehalten ist.
Ein Sprizz mit Strohhalm steht direkt vor seinem Bauch auf einer Mülltonne, trinken kann er also noch, obwohl er das gar nicht mehr sollte, denn Lorenzo schwankt schon an seinem Pfahl. Er bekommt noch einige Handvoll Mehl ins Gesicht gerieben, dann ein paar Spritzer Ketchup in den Mund. Wo ist eigentlich Human Rights Watch Italia, wenn man sie braucht?
Lorenzo erträgt sein Schicksal mit Fassung, schließlich ist er nun Masterabsolvent der Wirtschaftswissenschaften mit guten Berufschancen. Die Café-Besucher spotten noch ein bisschen und wenden sich dann wieder ihren Getränken zu.
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