Deutsche Spitzensportler an US-Unis: Hochleistungs-Studenten auf der Flucht

Von Astrid Langer

Spitzensport und Studium? Deutsche Professoren haben eher wenig Verständnis, wenn Studenten das Schwimmen oder Laufen genauso ernst nehmen wie die Uni. Deswegen weichen Jungtalente nach Amerika aus - obwohl der Notendruck höher und das Training oft härter ist.

4.55 Uhr, es ist noch dunkel, nur schwach leuchtet der Mond über dem Campus, aber Jeanettes Wecker klingelt schon. Sie quält sich aus dem Bett, tauscht Schlafanzug gegen Jogginghose, zieht den Kapuzenpulli über den Kopf, schlüpft in ihre Turnschuhe. Sie muss raus, Höchstleistung bringen.

Jeanettes Mitbewohnerin Whitney ist bereits wach, gemeinsam schlurfen die beiden die fünf Minuten durchs Dämmerlicht zur Schwimmhalle hinüber. Die anderen Teammitglieder sind bereits in der Halle, lassen die Leinen für die Bahnen ins Wasser, dehnen sich. Dann folgen zwei Stunden Kraulen, Rückenschwimmen, Brust, Delphin. Um 7.45 Uhr ist die erste Trainingseinheit beendet, doch Jeanette kann nur kurz verschnaufen. Sie muss schnell weiter, erst in den Hörsaal, dann kurz was essen, in die Bibliothek und zum Nachmittagstraining wieder in die Schwimmhalle.

Jeanette Dietrich, 20 Jahre alt und seit Ende August 2010 Studentin an der St. Bonaventure University im US-Bundesstaat New York, hat ein Sport- und Arbeitspensum, vor dem viele kapitulieren würden. Zwanzig Stunden Training die Woche, viermal früh, sechsmal spät, dazu kommen die College-Wettkämpfe am Wochenende.

Das ist aber nur ein Teil ihres Lebens. Jeanette, die aus dem Münsterland in die USA gekommen ist, will nämlich weit weg von der Heimat auch noch ein Journalistikstudium absolvieren.

Meist reicht gutes Landesliganiveau

Leistungssport und Uni? Ständiger Wechsel zwischen Hörsaal und Schwimmhalle? Immer dem Druck ausgesetzt, gute Noten und Spitzenzeiten abliefern zu müssen? Wie hält man das aus?

In den USA auf jeden Fall besser als in Deutschland.

Wer an einer deutschen Uni mal eine Veranstaltung zugunsten einer Trainingseinheit sausen lässt, wird vom Professor meist schief angeguckt. Selbst so eine wie Jeanette, deutsche Mannschaftsmeisterin und eine der 50 besten Schwimmerinnen des Landes, hätte sich, wäre sie hier geblieben, wohl entscheiden müssen: entweder Leistungssport - oder Journalistik. An der St. Bonaventure passt das zusammen: Alles wird aus einer Hand geplant, alles ist aufeinander abgestimmt, der Spitzensportler kommt dem Studenten nicht in die Quere, die Vorlesungen überlappen sich nicht mit dem Training. "Das frühe Aufstehen war eine Umstellung", sagt Jeanette. "Aber alles ist andere ist perfekt."

Der Sprung an die amerikanische Uni ist für Sportler wie Jeanette ein Segen, und seit einiger Zeit kommen immer mehr Gleichgesinnte auf die Idee, es ihr nachzutun. Das liegt auch an den beiden Uni-Absolventen Peter Krah, 22, und Simon Stützel, 24. Sie hatten die Idee, deutschen Athleten die Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen dabei zu helfen, US-Sportstipendien zu ergattern. Ohne Stipendium wird es nämlich teuer an einer amerikanischen Hochschule: Die Studiengebühren betragen meist um die 20.000 Euro pro Jahr.

Die Idee hatte Stützel, als er 2009 sein Studium an der amerikanischen Queens-Universität in North Carolina begann und dort Leichtathletik im Uni-Kader betrieb. Sein US-Coach sagte ihm gleich zu Beginn: "Ihr müsst doch da drüben viele Sporttalente haben. Schick die doch mal zu uns!" Stützel, der hofft, bei Olympia 2012 die 1500 Meter laufen zu dürfen, nahm sich das zu Herzen.

Er und Krah gründeten die Agentur Scholarbook, und seit 2009 senden sie Bewerbungsvideos an die US-Trainer, melden Abiturienten für die Uni-Aufnahmetests an und beraten bei der College-Auswahl. Die sportliche Eignung der Kandidaten beurteilen sie anhand von Zeitlisten oder mit Hilfe externer Experten. Chancen haben nicht nur Spitzensportler mit vielen Meistertiteln und übervollem Pokalschrank. Meist reicht gutes Landesliganiveau oder bei Einzelsportarten eine Qualifikation für deutsche Jugendmeisterschaften. Seit 2009 haben Stützel und Krah schon rund hundert deutsche Sportler an US-Universitäten gebracht. Für eine erfolgreiche Vermittlung kassieren sie von den Bewerbern 2350 Euro.

Jeanette, die mit Spitzenzeiten glänzen konnte, hatte nach dem Kontakt zu Scholarbook nach ein paar Wochen Angebote gleich von 25 US-Unis vorliegen. Zehn Hochschulen boten ihr ein Vollstipendium an. Ihre Wahl fiel auf die St. Bonaventure University, die ihr nun Studiengebühren in Höhe von 35.000 US-Dollar pro Jahr, Unterkunft und Verpflegung bezahlt. Jeanette selbst muss noch 5000 Dollar drauflegen, aber das ist es ihr wert. Das Journalismus-Programm der Uni zählt zu den besten fünf des Landes. Die Hochschule hat fünf Pulitzer-Preisträger hervorgebracht, unter anderen Jeanettes Journalistikprofessor.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Das system ist für Sportler wirklich besser!
Tr1ple 08.06.2011
Wobei man auch sehen muss das mit den Werbeeinahmen die Uni finanziert wird. Außerdem werden die Sportler als Werbemaßnahme eingesetzt um neue Studenten zu locken. Was man vergisst ist, das man die US Universitäten als Unternehmen betrachten kann die im Wettbewerb stehen (vorallem bei den einnahmen). Das College/University system der Anglo welt ist in meinen Augen aber trotzdem schlechter als das Deutsche Universitäten system. Das problem bei uns ist halt das BA/MA eingeführt wurde und ich vermute auch aus dem Grund weil man langfristig gesehn unser Universitätswesen Privatisieren will vorallem wenn die "finanzmittel" knapp werden bzw. ohne Steuerausgleich!
2. Darum die schiefe Pisastudie.
allereber 08.06.2011
Zitat von sysopSpitzensport und Studium? Deutsche Professoren haben eher wenig Verständnis, wenn Studenten das Schwimmen oder Laufen genauso ernst nehmen wie die Uni. Deswegen weichen Jungtalente nach Amerika aus - obwohl der Notendruck höher und das Training oft härter ist. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,764375,00.html
Laut einer ehemaligen Studienrätin, die in USA auch lehrte, haben es Abiturienten und Studenten in den USA bedeutend leichter. In den Prüfungen wird es wie bei Günter Jauch gehandhabt. Drei Antworten. Nur eine ist richtig. Viel einfacher,wie bei uns den Führerschein.
3. Werbung
kessel 08.06.2011
reiner werbe-artikel... Zumindest hätte man die Werbung dezenter bzw nicht zu offensichtlich verstecken können :) Trotzdem ist das Thema interessant..
4. und wozu soll das gut sein.....
siach 08.06.2011
Wieso soll Leistungssport an der Uni gefördert werden ??? an meiner Uni wurde Leistungskochen auch nicht gefördert und Leistungsbasteln auch nicht obwohl mir das grossen Spass gemacht hätte. Ich verstehe nicht was es für einen Vorteil hat wenn z.B ein Chemiker hoch oder weit hopsen kann.
5. 20 Stunden sport die woche
Benefit 08.06.2011
andere leute arbeiten parallel zur uni 25 h. das ist mit sicherheit auch nicht viel entspannter. die haben es sicherlich anstrengender als der durchschnittsstudent, aber auch nicht schlimmer als viele andere. so ist das eben, wenn man mehr erreichen möchte als andere.
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